Süddeutsche Zeitung

Sucht:Amerikas Teenager im Griff der E-Zigarette

Lesezeit: 4 min

"Juul" heißt das neueste Trend-Accessoire amerikanischer Jugendlicher. Die E-Zigarette enthält außergewöhnlich viel Nikotin - und versetzt Mediziner in Sorge.

Von Beate Wild, Austin

Im Freibad, im Biergarten, im Park: Taucht irgendwo in den USA eine Gruppe Jugendlicher auf, ist die Dampfwolke über ihren Köpfen fast immer dabei. Ein sicheres Indiz dafür, dass die Kids "juulen". So nennen sie es, wenn sie an der E-Zigarette namens Juul ziehen.

Diese kam 2015 auf den Markt und entwickelte sich im vergangenen Jahr zum Lieblings-Gadget der Highschool- und College-Studenten. Sie sieht aus wie ein längerer USB-Stick, lässt sich am Laptop aufladen und ist ab umgerechnet 30 Euro zu haben. Die Nikotin-Pads, mit denen sie befüllt wird, sind in Geschmackssorten wie Mango, Cool Cucumber oder Crème Brulée erhältlich. "Es ist ein lässiges Gerät mit Digital-Technologie und leicht zu verstecken", erklärt Becky Wexler von der Nichtraucher-Initiative "Tobacco-Free Kids" die Faszination des Produktes. Und die Teenager stünden auf die süßen Geschmackssorten.

Jugendliche setzen sich im Netz mit der Juul in Szene

Wer über 30 Jahre alt ist, denkt beim Thema Rauchen noch an lasziv paffende Hollywoodstars oder den raubeinigen Marlboro-Mann. Post-Millennials finden ihr Bild vom coolen Qualmen dagegen auf Instagram oder Snapchat. Dort gibt es kaum mehr jemanden mit der alten, stinkenden Kippe zu sehen, die Jugendliche im Übrigen überwiegend eklig finden.

Im Netz sehen sie stattdessen ihre Altersgenossen, wie sie sich in Bild oder Video mit der Juul in Szene setzen. Unter Hashtags wie #juulgang, #juulvapor oder #juullife dampfen sie beim Skateboard fahren, am Strand, im Kinderzimmer. Die Mädels oft im sexy Outfit, die Jungs gerne mit Tätowierung oder Baseballkappe. "Ich bin verrückt danach", kreischt eine Jugendliche hysterisch. Ein anderer Teenager macht riesige Rauchringe und sagt in den Dampf hinein: "Ich hab die Juul öfter in der Hand als mein Handy." Die Botschaft ist klar: Wer juult, ist cool. Und impliziert oft: Wer cool sein will, muss juulen. Die Juul ist sozusagen das neue iPhone.

In einer Kapsel steckt so viel Nikotin wie in einer Schachtel Zigaretten (50 Milliliter). Das macht den Experten Sorgen. "Die Juul liefert einen schnellen und kraftvollen Schuss Nikotin, und zwar effektiver und in höheren Dosen als andere E-Zigaretten", erklärt Wexler. Für junge Gehirne, die noch in der Entwicklung sind, sei das schädlich, sagt sie. "Außerdem steigt so das Risiko der Abhängigkeit."

Wer zu jung ist, sich sein Gerät oder die dazugehörigen Füllungen im Vapor-Shop zu kaufen, dem bringen es oft ältere Mitschüler mit - gegen eine gewisse Provision. US-Medien berichten, dass Juul-Dealer auf Snapchat bekannt geben, wann und wo die Kids mit Bargeld auftauchen können, um sich einzudecken. Aber auch im Internet kann ein Minderjähriger die Altersgrenze von derzeit 18 Jahren mit ein paar Tricks umgehen.

Sieben Gesundheitsorganisationen, unter ihnen auch "Tobacco-Free Kids" haben im März Klage gegen die US-Gesundheitsbehörde FDA eingereicht. Sie fordern stärkere Kontrollen und Beschränkungen von E-Zigaretten. Die FDA kündigte daraufhin an, sie wolle mehr Aufklärung betreiben und stärker überprüfen, ob Einzelhändler das Alter der Käufer kontrollieren. Die Gesundheitsbehörde teilte aber auch mit, dass sie E-Zigaretten - insbesondere für Erwachsene - für weniger gesundheitsschädlich halte als herkömmliche Kippen.

Auch die Politik zeigt sich bereits besorgt. Im April schickten elf US-Senatoren, unter ihnen die Demokraten Chuck Schumer und Elizabeth Warren, einen offenen Brief an Juul Labs, die Herstellerfirma in San Francisco. Darin heißt es, die Produkte der Firma "bringen eine ganze neue Generation von Kindern in die Gefahr einer Nikotinabhängigkeit und anderer Gesundheitskonsequenzen".

James Monsees und Adam Bowen, die Gründer von Juul Labs, sind Absolventen der kalifornischen Stanford Universität. Die Produktdesigner und ehemaligen Raucher suchten nach einer Alternative zur Tabakzigarette und fanden, es gebe kaum innovative E-Zigaretten auf dem Markt. Zum Durchbruch mit Juul verhalf ihnen die neue Chemie ihrer Kapseln: Im Gegensatz zu anderen Herstellern setzten sie Nikotinsalze statt Flüssigkeiten ein.

"Das Nikotinsalz sorgt für eine schnellere und effizientere Aufnahme von Nikotin ins Blut und ahmt so eine herkömmliche Zigarette täuschend echt nach", erklärt Michael Siegel, Mediziner an der Boston University's School of Public Health. Das sei der Grund dafür, warum die Juul stärker abhängig mache als andere E-Zigaretten.

Trotzdem will Siegel die Juul nicht pauschal verdammen. "Es gibt keinen Tabak und keine Verbrennung bei E-Zigaretten", sagt er. Und somit sei Dampfen wesentlich weniger schädlich als Rauchen. Möglicherweise könnten E-Zigaretten ein gewisses Krebsrisiko und Effekte für die Atemwege zur Folge haben. Doch dazu gebe es noch keine Langzeitstudien.

E-Zigaretten kann Rauchern beim Aufhören helfen

Der Mediziner sieht in den E-Zigaretten eher eine Chance. "Ich schätze, dass mindestens schon zwei Millionen Raucher in den USA mit ihrer Hilfe aufgehört haben zu rauchen", sagt er. Deshalb warnt Siegel davor, ein niedrigeres Nikotinlevel oder gar ein Verbot zu fordern: "Wenn wir die Juul verbieten, dann gibt es eine Menge Ex-Raucher, die wieder zur alten Zigarette zurückkehren, weil es das einzigen Produkt ist, dass ihnen Genugtuung verschafft." Eine Anhebung des Mindestalters auf 21 Jahre halte er dagegen für sinnvoll.

In der EU ist die Juul dagegen verboten, da sie pro Kapsel 50 Milligramm Nikotin beinhaltet statt der erlaubten 20. Eine Lockerung dieser Vorgaben steht nicht zur Debatte.

Die E-Zigaretten der alten Generation - die einzigen, die hierzulande erhältlich sind - stoßen bei deutschen Teenagern auf wenig Begeisterung. "Ergebnisse der Drogenaffinitätsstudie zeigen, dass der Konsum von E-Zigaretten bei Kindern und Jugendlichen rückläufig ist", sagt Saskia Solar, Pressesprecherin der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. In den USA war das genauso - bis die Juul kam und den Markt revolutionierte.

Dac Sprengel, Vorstandschef des Verbandes des E-Zigarettenhandels, prophezeit der elektronischen Kippe dagegen eine große Zukunft. In 2017 ist der Branchenumsatz in Deutschland mit gut 600 Millionen Euro um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. "E-Zigaretten werden Tabakzigaretten in absehbarer Zeit zum Nischenprodukt machen", sagt Sprengel: "Ich persönlich gehe davon aus, dass dies innerhalb des nächsten 20 Jahre der Fall sein wird."

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