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Corona:Wie Studierende in der Krise helfen

Coronavirus - Stille HeldInnen der Corona-Krise

Nina Leimer, eine Berliner Medizinstudentin, am frühern Morgen: In dem Zelt in Berlin-Lübars werden Rachenabstriche für den Test auf das Coronavirus vorgenommen

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Tausende Studierende sitzen freiwillig in Callcentern oder untersuchen Infizierte zuhause - ohne sie würde vieles nicht laufen.

Jakob Besold musste nicht lange nachdenken, als er Anfang März den Aufruf des Gesundheitsamtes Rhein-Neckar las. Das Amt stellte sich zu dem Zeitpunkt auf eine große Zahl an Covid-19-Patienten ein und benötigte Hilfe. Besold studiert Medizin im 12. Semester an der Universität Heidelberg. Im Herbst steht das Examen an. Seine Doktorarbeit ruht jedoch wegen des Coronavirus. "Ich kann mehr Gutes tun, als es ein Risiko für mich ist", sagt er über die Arbeit für das Amt. Außerdem arbeite er gerne am Menschen. Deshalb trug er sich bei der Bewerbung für den "Außendienst" ein. Was das heißt, wusste er da noch nicht.

An der Klinik für Gastroenterologie, Infektionen, Vergiftungen an der Uniklinik Heidelberg entstand derweil eine Idee, die später weltweit bekannt wurde: das Heidelberger Corona-Taxisystem. Die Fahrer sollten die Infizierten zu Hause besuchen und untersuchen, um die Krankenhäuser zu entlasten. Covid-19 kann zwischen dem siebten und elften Tag nach der Infektion kippen. Den Kranken geht es dann mitunter rapide schlechter. Manche müssen ins Krankenhaus. Das Gesundheitsamt vermittelte Besold an die Klinik; er wurde der erste Student, der Corona-Taxi fährt.

Viele waren erstaunt, wenn Besold in kompletter Schutzmontur vor der Tür stand

Er erinnert sich nicht mehr an seinen ersten Patienten. So viele sind es schon gewesen. Aber er entsinnt sich der erstaunten und neugierigen Blicke der Menschen, besonders anfangs, wenn er aus dem Auto stieg, in den weißen Schutzanzug schlüpfte und sein Gesicht hinter einem Vollschutzvisier und einer FFP2-Maske verbarg. Mit Gummihandschuhen bis über das Handgelenk drückte er die Türklingel des Infizierten. Noch nie hat er in dieser ehrfurchteinflößenden Montur gesteckt. "Zu Beginn war ich schon ein bisschen aufgeregt." Niemand wusste schließlich, ob die Schutzausrüstung wirklich vor Ansteckung bewahrt. Auch Besold hat von gestorbenem medizinischem Personal in China und Italien gelesen.

Wenn Deutschland bisher vergleichsweise glimpflich durch die Corona-Krise gekommen ist, liegt das auch an Menschen wie Besold. Dass Bürger im Corona-Callcenter überhaupt jemanden erreichen und Testzentren in den Städten funktionieren, ist nicht zuletzt einer großen Zahl an freiwillig helfenden Studierenden zu verdanken. "Sie halfen und helfen in den Gesundheitsämtern, in Krankenhäusern, auch in Pflegeeinrichtungen und Praxen der größeren Städte", sagt Corinne Dölling vom Medizinischen Fakultätentag.

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Schon Anfang März richteten die Medizinischen Fakultäten der Hochschulen Internetplattformen ein, auf denen sich Studierende mit ihren Erfahrungen und Einsatzwünschen als freiwillige Helfer melden konnten. Bis Anfang April registrierten sich mehr als 17 000 Studenten in vielen Städten. Vielerorts liegt die Zahl der Gemeldeten sogar höher als die Zahl der Immatrikulierten im Fach Medizin. "Auch verwandte Studiengänge wie Pflegewissenschaftler und Tiermediziner trugen sich im Zuge dieser beispiellosen Bewegung ein", sagt Dölling. Hinzu kamen rund 10 000 Meldungen über ein weiteres Studierendenportal. Und noch jene, die sich wie Besold direkt bei den Gesundheitsämtern meldeten.

Die meisten Menschen, die dem vermummten Besold im weißen Ganzkörperschutzanzug die Tür öffnen, staunten über den Anblick - und waren dann unglaublich erleichtert, berichtet er. Endlich jemand, mit dem sie ihre Sorgen teilen können. Sie hatten viele Fragen. Wie schlimm kann das noch werden? Wie lange geht das noch? Überlebt der Ehemann? Ein 53-jähriger Familienvater, immer fit und ohne Fehltage am Arbeitsplatz, lag auf dem Sofa. "Man hörte schon, dass er schwer atmet und es ihm nicht gut geht." Die ganze Familie war in Sorge. Besold beruhigte: "Wir kommen jeden Tag vorbei und sobald sein Zustand sich verschlechtert, kommt er sofort ins Krankenhaus."

Er nimmt Blut ab und misst den Sauerstoffgehalt darin. Wenn der Wert zu sehr abfällt, ist das ein kritisches Zeichen. Er kontrolliert den Puls und hört die Lunge ab. Ein ärztliches Team am Universitätsklinikum Heidelberg entscheidet anhand der Daten und der Anamnese, ob der Patient ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Bis Mitte April sind es 30 Infizierte bei mehr als 450 Hausbesuchen, die über das Corona-Taxisystem stationär aufgenommen werden. "Die allermeisten erholten sich zu Hause wieder", erzählt Besold.

Nur selten reagieren Menschen entrüstet über seinen Besuch und wollen nicht, dass er mit seiner auffälligen Montur an ihrer Haustür klingelt. "Einzelne machten sich mehr Gedanken darüber, dass dann das ganze Dorf über sie spricht." Besold versucht dann zu beschwichtigen und zu erklären, warum es ohne Schutzmontur nicht geht. "Sehr selten blieben Patienten aggressiv. Dann informierte ich die Ärzte."

Im April fühlt Besold auf einmal ein Kratzen im Hals. Seine Familie ist beunruhigt. "Ich bin jung und gesund und gehöre nicht zur Risikogruppe", entgegnet Besold. Aber erleichtert sind doch alle, als das Testergebnis negativ ausfällt. "Bis heute hat sich niemand von uns Corona-Taxifahrern infiziert", sagt er. Sein Vertrauen in die Schutzausrüstung ist gewachsen.

Was wäre gewesen, hätten sich nicht allein in Heidelberg binnen weniger Tage 1100 Medizinstudierende gemeldet? Und wie würden die Städte ohne sie die Kontaktnachverfolgung meistern und ihre Callcenter betreiben? Wo man auch nachfragt, allerorten sitzen an den Telefonen vornehmlich Medizinstudierende der höheren Semester - Dresden, Heidelberg, Freiburg. Stefan Kramer vom Gesundheitsamt Rhein-Neckar lacht gedämpft, aber es ist auch eine Spur Ernst dabei: "Wir sind hier 50 Vollzeitkräfte. Zur Hochzeit der Pandemie im März und April hatten wir 100 Studierende als Helfer. Sagen wir so: Wir hätten die Kontaktverfolgung ohne sie nicht umsetzen können."

Manche Gesundheitsämter hatten offenbar Vorbehalte. Längst nicht alle Bewerber wurden eingesetzt

In den meisten Städten hatten sich weit mehr Studierende gemeldet, als gebraucht wurden - in Heidelberg etwa kamen nur 600 zum Einsatz. Es gab aber auch Bedenken: "Vom Hörensagen weiß ich, dass einige Gesundheitsämter auch Vorbehalte hatten, hoheitliche Aufgaben auf Studierende zu übertragen", sagt Kramer. "Sie wurden deshalb vielleicht nicht überall in dem Umfang abgerufen, wie sie gebraucht worden wären. Wir haben die Studierenden eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben lassen."

Warum sich so viele Studierende meldeten, während sich andere aus Angst abschotteten? Besold wird nachdenklich. Die Bevölkerung zerfalle in zwei Lager, jene, die große Angst vor dem Virus haben und jene, die es regelrecht verharmlosen. Mittelmaß beobachtet er zu selten. "Vielleicht, wenn man sich wissenschaftlich intensiv mit dem menschlichen Körper befasst, kann man sich einem solchen neuen Erreger eher mit Respekt, aber doch unaufgeregt nähern", überlegt er.

Als er sich beim Gesundheitsamt meldete, wurde ihm zunächst eine Aufwandsentschädigung und ein Praktikantenvertrag in Aussicht gestellt. Seit Kurzem ist Besold aber als sogenannter Famulant offiziell beim Gesundheitsamt Rhein-Neckar angestellt - zusammen mit derzeit 34 anderen Studierenden. Die Phase während der strengen Kontaktbeschränkungen war für ihn eine der lehrreichsten Zeiten seines Lebens. "Die Dankbarkeit der Menschen ist das Schönste, das ich als Corona-Taxifahrer erfahren habe", sagt er, "das Gefühl, wirklich helfen zu können." Trotzdem hat auch Besold manches entbehrt. Gewöhnlich spielt er Gitarre und Klarinette in verschiedenen Ensembles und trifft sich mit Freunden. "Das geht natürlich online. Aber das Digitale ist ein Mittel der Not, nicht meins."

© SZ vom 22.05.2020
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Text: Felix Hütten, Infografik: Sarah Unterhitzenberger

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