Studie der Grünen Aufregung um Pestizide im Haar

Eine Vielzahl von Stoffen, darunter auch Pestizide, lassen sich mittlerweile in menschlichen Haaren nachweisen - über die Gesundheitsgefahr sagt das aber noch nichts.

(Foto: dpa)
  • Eine von den Grünen in Auftrag gegebene Analyse hat Rückstände einiger Pestizide im Körper von Europäern nachgewiesen.
  • Repräsentativ sind die Befunde angesichts der geringen Zahl von Proben nicht. Teilweise waren die Rückstände der Wirkstoffe so gering, dass sie nicht einmal quantifiziert werden konnten.
  • Der Toxikologe Daniel Dietrich kritisiert, durch solche Untersuchungen "werden die Menschen völlig unnötig verunsichert".
Analyse von Kathrin Zinkant

Es war nur ein Tweet, den der grüne Europaabgeordnete Sven Giegold am Mittwoch absetzte. Die Worte "alarmierend", "Studie" und "Pestizide" kamen darin vor, dazu die Verortung "im Körper". Was braucht es schon, um Aufmerksamkeit zu erzeugen? Die Frage ist jedoch, wofür, und dazu muss man sich durch mehr als einen Tweet arbeiten.

Mehr als 80 Seiten ist die angebliche Studie lang, die von den Grünen in Auftrag gegeben wurde. Ein kommerzielles Labor in Frankreich hat demnach Haare von 34 "Freiwilligen" aus Deutschland analysiert. Insgesamt wurden 150 Proben aus sechs Ländern auf Rückstände von 30 Pestiziden untersucht. Was Giegold nun als alarmierend bezeichnet, ist der Umstand, dass bei 44 Prozent der Untersuchten Spuren von mindestens einem Pestizid in den Haaren gefunden wurden, auch bei ihm selbst.

Repräsentativ sind die Befunde angesichts der geringen Zahl von Proben keinesfalls, selbst wenn das beauftragte Labor seine Befunde von 34 Proben auf 80 Millionen Menschen hochrechnet. Dass "jede zweite Person" in Deutschland Pestizide im Haar hat, ist kein zulässiger Schluss. Dazu kommt, dass die Rückstände der Wirkstoffe teilweise so gering waren, dass sie nicht einmal quantifiziert werden konnten.

Die Sache ist komplexer als in dem Bericht dargestellt

Doch worum geht es dann überhaupt? Hintergrund ist die derzeitige Diskussion in der EU um endokrine Disruptoren, vereinfachend auch Umwelthormone genannt, weil sie hormonähnliche Wirkungen entfalten. Manche, aber nicht alle haben das Potenzial, die körperliche Entwicklung und biologische Funktionen in Tieren und Menschen zu stören. Welche Umwelthormone tatsächlich schädlich sind, ist bislang aber weitgehend unklar.

Die Gruppe der möglichen Kandidaten umfasst daher eine Vielzahl von unterschiedlichen Substanzen, die vor allem in Gegenständen des täglichen Bedarfs vorkommen - zum Beispiel in behandeltem Holz, in Kunststoffverpackungen und Kosmetika. Auch für manche Pestizide wird eine störende Wirkung vermutet. Gleichfalls wirken aber auch Pflanzenstoffe endokrin und möglicherweise disruptiv. So enthält Soja östrogenähnliche Substanzen, die in hoher Konzentration mutmaßlich das Brustkrebsrisiko erhöhen.

Die Sache ist also etwas komplexer, als es der Dreiklang "Landwirtschaft - Pestizide - Körpernachweis" suggeriert. "Der Nachweis von Rückständen in den Haaren von Einzelpersonen bedeutet erst mal nur, dass es irgendwann eine Exposition gegeben hat", sagt Umwelttoxikologe Daniel Dietrich von der Universität in Konstanz. Wann und wo ist eine andere Frage. Zwar hat das beauftragte Labor das Alter, die Nähe zu Feldern und eine Tätigkeit in der Landwirtschaft berücksichtigt, doch über die Quellen der nachgewiesenen Pestizide herrscht Unklarheit.

Rückstände im Haar bedeuten noch keine Gesundheitsgefährdung

So könnte das in sieben Proben gefundene Fipronil zwar über unzulässig belastete Hühnereier aufgenommen worden sein. Zugleich wird Fipronil aber auch gegen Zecken, Flöhe und Milben bei Haustieren eingesetzt. Das Insektizid Permethrin ist ein empfohlener Wirkstoff gegen Kopfläuse. Das Fungizid Tebuconazol erfreut sich unter Rosengärtnern großer Beliebtheit - laut der jetzt vorgelegten Analyse wurde es in Deutschland "überdurchschnittlich oft" nachgewiesen, man fand es in einer Probe. Drei der acht gefundenen Pestizide sind in der Bundesrepublik gar nicht mehr zugelassen.

Was nicht heißt, dass Pestizide in der Landwirtschaft kein Problem darstellten. Für Menschen aber bedeuten Pestizidrückstände im Haar nicht gleich eine Gesundheitsgefährdung. "Es gibt eine Vielzahl von Stoffen aus der Umwelt, die sich in Haaren nachweisen lassen", sagt Toxikologe Dietrich. Neben Kaffee, illegalen Drogen und Alkohol seien darunter auch Pflanzenschutzmittel. Eine Störung des Hormonhaushalts trete aber erst bei hohen Konzentrationen ein, das gelte auch für andere Substanzen. "Selbst Zucker kann ein endokriner Disruptor sein", erklärt Dietrich. "In hohen Konzentrationen stört er den Insulinhaushalt, ein zentrales Hormonsystem des Menschen." Im Fall der Pestizide seien die gemessenen Mengen schon in früheren, sorgfältigen Studien zu gering gewesen, um Besorgnis zu erregen. "Durch Untersuchungen dieser Art, zum Beispiel auch zu Glyphosat in Urin oder Bier, werden die Menschen völlig unnötig verunsichert", sagt Dietrich.

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