Mit Fantasie und einer gewissen Selbstbezogenheit klappt das schon: Man nehme ein flaues Gefühl im Magen, denke an die halb durchgebratene Mahlzeit vom letzten Abend – und schon wird sich das Unwohlsein verstärken. Oder der Bericht der Freunde vom Urlaub, als die Unterkunft mit nähebedürftigen Bettwanzen geteilt wurde – kurz darauf fängt es an zu jucken, sodass man aus der Haut fahren möchte. Ärzte kennen das Phänomen, dass sich Symptome verstärken, wenn man sich nur genügend darauf konzentriert und vor allem die entsprechende Erwartungshaltung mitbringt.
Von einem auf den ersten Blick gegenteiligen Phänomen berichten Wissenschaftler aus Israel nun im Fachmagazin Nature Human Behaviour. Die Forscher simulierten fiese Insektenstiche auf dem Unterarm freiwilliger Probanden, indem sie ihnen Histamin unter die Haut spritzten. Histamin ist ein körpereigener Botenstoff, der eine Entzündungsreaktion hervorruft und zu Rötung, Quaddelbildung und Juckreiz führt.
„Was wir denken, spielt eine Rolle für unsere Immunabwehr.“
In verschiedenen Versuchsreihen wurden die Teilnehmer abgelenkt, indem sie auf einem Bildschirm Aufgaben lösen mussten; schließlich sollten sie sich auf den Stich und die Beschwerden konzentrieren, ohne die lädierte Hautstelle anzuschauen oder anzufassen. Die Ergebnisse waren eindeutig: Gaben sich die Probanden der Ablenkung hin, waren Schwellung und Rötung an der Einstichstelle deutlich stärker, als wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf den Stich fokussierten.
Auch zum Rückgang der Symptome kam es schneller, wenn die Konzentration dem Stich galt. In diesem Fall bildete sich die Schwellung nach 20 Minuten bei 90 Prozent der Probanden zurück oder nahm wenigstens nicht weiter zu. Unter jenen, die sich abgelenkt hatten, ließen hingegen nur bei 46 Prozent die Beschwerden nach.
„Was wir denken, spielt eine Rolle für unsere Immunabwehr“, sagt die Leiterin der Forschergruppe, Liron Rozenkrantz, laut einer Mitteilung ihrer Universität. „Erstaunlich, wie stabil der Effekt war.“ Gehirn und Immunsystem würden engmaschig miteinander kommunizieren. Auch wenn der Mechanismus nicht vollständig geklärt sei, vermuten die Wissenschaftler, dass der Gedanke an die juckende Stelle das Signal auslöst, mehr Immunzellen zu aktivieren, um die Beschwerden zu lindern. Die Pein am Arm alarmiert das Gehirn, das wiederum dem Abwehrsystem signalisiert, gegen die lästige Störung vorzugehen. Weitere Versuche zeigten denn auch, dass die Antwort des Immunsystems und die Linderung der Symptome schwächer ausfielen, wenn die Einstichstelle mit Betäubungscreme eingerieben wurde und nicht so stark schmerzte.
Eine weitere Erklärung könnte sein, dass die Herzschlagvariabilität bei jenen Probanden größer war, die sich auf den Stich konzentrierten. Ein höherer Wert zeigt an, dass der Vagus-Nerv aktiv ist. Dieser wichtige Nerv des parasympathischen Nervensystems ist bekannt dafür, die Immunantwort zu verstärken, und könnte so zur rascheren Besserung der Beschwerden beitragen. Für Rozenkrantz und ihr Team halten die Befunde eine Neubewertung von Leid bereit: „Haben wir unangenehme Empfindungen, sollten wir vielleicht nicht nur daran denken, wie wir sie schnell zum Verschwinden bringen, sondern auch etwas neugieriger darauf sein.“ Linderung mag zumindest dann eintreten, wenn man keine schlimmeren Folgen erwartet.
