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Streit um Cochrane Collaboration:"Wenn man alle Forscher mit Interessenkonflikten ausschließt, steht man im Niemandsland"

Dem stimmt auch Gerd Antes zu, der Leiter des deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg: "Wenn man alle Personen mit Interessenkonflikten ausschließt, steht man im Niemandsland", sagt er.

Dieses Argument treibt Tom Jefferson und Jörg Schaaber auf die Palme. Dass heutzutage alle guten Fachleute mit der Pharmaindustrie verbandelt seien, sei "eine Propagandalüge, die von der Industrie gefördert wird und auch von denen, die deren Geld nehmen", sagt Schaaber. Jefferson spricht von "Nonsens" und betont: "Es gibt sehr wohl unabhängige Reviewer." Das bestätigt Peter Gøtzsche, der Leiter des Nordischen Cochrane-Zentrums in Kopenhagen. Er präsentiert zugleich einen Ausweg: Gøtzsche selbst erstellt ausdrücklich nur zu solchen Themen Cochrane-Reviews, über die er nicht selbst forscht. Für die Gutachten sind vor allem Kenntnisse in Statistik und Studiendesign nötig; es sei unerheblich, wie viel Detailkenntnis man über den Gegenstand selbst hat, im aktuellen Fall etwa die HPV-Impfung.

Der Disput zeigt: Die Collaboration mit ihren weltweit 13 Zentren und 52 Arbeitsgruppen ist kein einheitlicher Verein. Schon die Gruppen folgen unterschiedlichen Standards. International verfassen zudem fast 30 000 freiwillige Reviews für Cochrane. So ist die Qualität sehr variabel.

Früher konnten Firmen sogar das Gutachten ihrer eigenen Arzneien durch die Collaboration finanzieren, was schließlich zu großem Widerspruch führte. Es waren interne E-Mails öffentlich geworden, die zeigten, wie stark die Firmen dies für sich zu nutzen versuchten. Im April 2004 hat sich die Collaboration deshalb Regeln zum Umgang mit Sponsoring auferlegt. Seitdem dürfen Reviews und Autoren nicht mehr direkt von der Industrie bezahlt werden. "Dennoch bleibt die Collaboration inhomogen", sagt Wolfgang Becker-Brüser vom pharmaunabhängigen Arznei-Telegramm. "Die vielen verschiedenen Reviewer sind kaum zu kontrollieren."

Man müsse jeder wissenschaftlichen Arbeit kritisch begegnen, empfiehlt Gerd Antes. "Mein Rat lautet immer: Schau dir jede Studie genau an, auch wenn sie von Cochrane kommt." Angesichts von inzwischen 5500 Reviews könne man "leider sicher sein, dass schwarze Schafe darunter sind". Gleichwohl sind die Cochrane-Gutachten anderen Arbeiten in puncto Unabhängigkeit und wissenschaftlicher Akkuratesse im Durchschnitt deutlich überlegen, wie vergleichende Analysen zeigen.

Im Prinzip seien Cochrane-Reviews von großem Nutzen, um ein objektives Bild von Medikamenten und Therapien zu bekommen, betont auch Jörg Schaaber. Ein umso größerer Verlust sei es, wenn sich die Collaboration nun nicht gegen den Einfluss der Industrie abschottet. Sie solle die Diskussionen um den HPV-Review zum Anlass für eine klare Neuorientierung nehmen. Sonst stehe zu befürchten, dass auf die Neutralität der Cochrane-Arbeiten immer weniger Verlass sei. Ob die Kritik solche Folgen hat, ist noch unklar. Das zuständige Cochrane-Komitee prüft derzeit, wie mit der Arbeit zur HPV-Impfung und künftig generell verfahren werden soll.

Vor diesem Hintergrund ärgert sich Gerd Antes auch darüber, dass die Cochrane Collaboration gerade in Deutschland regelmäßig in ihrer Existenz bedroht ist. "Wenn man sich nicht in Abhängigkeiten begeben will, nagt man dauernd am Hungertuch", sagt er und betont: "Es ist zu kurz gegriffen, wenn man immer nur auf die Pharmaindustrie schimpft." Es müsse Aufgabe der öffentlichen Hand sein, die Unabhängigkeit von Medizin und Wissenschaft zu fordern - und zu fördern.

© SZ vom 22.02.2013/beu

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