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Streit um Cochrane Collaboration:Zwei Prüfer sollen ihre eigenen Studien bewerten

Zwei der Wissenschaftler haben besonders schwerwiegende Konflikte: Sie haben ausgerechnet an jenen Studien mitgewirkt, die Gegenstand des Cochrane-Reviews sind. "Es ist höchst fragwürdig, wie kritisch man sein kann, wenn man seine eigene Arbeit bewerten soll", sagt Jörg Schaaber. Der eine von beiden, der Kanadier Marc Steben vom Institut für Public Health in Québec, hat seine damalige Beteiligung an den Hersteller-gesponserten Studien im Protokoll zum aktuellen Cochrane-Review nicht einmal angegeben.

Auf Nachfrage teilte er der SZ mit: "Da ich für ein öffentliches Institut arbeite, betrachte ich mich selbst als unabhängig." Dabei hatte Steben im Jahr 2008 in einem Meinungsbeitrag für die Zeitschrift Canadian Family Physician selbstkritisch festgestellt: "Ich könnte als parteiisch empfunden werden, da ich einer der Erforscher des Vierfach-Impfstoffs bin." Und nannte diesen zugleich einen "Super-Impfstoff".

Wie Steben haben zahlreiche dieser Experten mit Interessenkonflikten längst ihr Urteil gefällt. In Kommentaren und Meinungsbeiträgen in der Fachpresse traten sie als vehemente Befürworter der HPV-Impfung auf. So erklärt einer der Deutschen im Team, Achim Schneider von der Berliner Charité, in einem Video im Internet sogar ohne Einschränkung, die Impfung sei "nebenwirkungsfrei". Solche Statements wecken Zweifel, ob die Reviewer für Gegenargumente ebenso offen sind wie für unterstützende Daten.

Für manche Kritiker bestätigt der HPV-Review das ungute Gefühl, das sie schon lange hegen. Sie befürchten, dass die Cochrane Collaboration von Interessenvertretern unterwandert wird. Pharmafirmen seien sehr daran interessiert, dass von ihnen bezahlte Meinungsführer mit Cochrane-Reviews betraut werden, sagt Tom Jefferson, ein unerschrockener Influenza-Experte, der sich seit Jahren mit Pharmakonzernen eine Schlacht zum Nutzen von Grippemitteln wie Tamiflu liefert. Jefferson befürchtet eine "Pharma-Penetration der Collaboration". Noch bestehe die Seele der Initiative aus "verrückten Leuten mit viel Energie, die ohne Geld eine gigantische Arbeit auf sich nehmen". Aber "wir müssen unglaublich vorsichtig sein".

Bernd Richter, der an der Universität Düsseldorf eine Cochrane-Gruppe zu Stoffwechselkrankheiten leitet, betrachtet den Einfluss der Pharmaindustrie mit weniger Argwohn. Es bestehe ein Unterschied zwischen Interessenkonflikten und direktem Sponsoring, sagt er: "Interessenkonflikte sind erst einmal neutral zu betrachten und keine Dienstwagenaffäre." Es gebe heutzutage kaum noch Wissenschaftler, die nie Geld von der Pharmaindustrie erhalten hätten. Umso wichtiger sei "maximale Transparenz". Und der werde in den Reviews mit der Angabe aller Interessenkonflikte genüge getan.

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