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Streit um Cochrane Collaboration:Wie sich die Pharmaindustrie in die Forschung einschleicht

Wie viel Salz ist tatsächlich schädlich? Wie sinnvoll ist die Mammografie wirklich? Wer Antworten auf solch umstrittene Fragen sucht, wird in den Arbeiten der Cochrane Collaboration fündig. Die Wissenschaftler-Vereinigung gilt als Hort der Unabhängigkeit. Doch Insider befürchten eine schleichende Übernahme durch Interessenvertreter.

Von Christina Berndt

Studien sind längst zum Stammtisch-Argument geworden. Wenn ältere Herren in der Skatrunde über Prostataprobleme reden oder Mütter im Babykurs über Säuglingsernährung, zitieren sie immer wieder Studien, die diese oder jene Ansicht stützen. Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Studie nicht gleich Studie ist; dass Studien nur dann mehr Aussagekraft haben als eine Stammtisch-Phrase, wenn sie klare Qualitätskriterien erfüllen. Und als Hort solcher Qualität gilt die Cochrane Collaboration.

Mit Ehrfurcht zitieren Fachleute Arbeiten dieser britischen Wohltätigkeitsorganisation, in der sich Ärzte und Wissenschaftler 1993 zusammengeschlossen haben. Wie ihr Namensgeber Archibald Cochrane, der als Begründer der evidenzbasierten Medizin gilt, haben sich die Cochrane-Leute zum Ziel gesetzt, die verfügbare medizinische Literatur zu überprüfen und die darin enthaltenen Patientendaten in verlässlichen, methodisch gut durchdachten Übersichtsarbeiten zusammenzufassen, sogenannten Reviews.

So haben sie sich schon über die Schädlichkeit des Salzkonsums, den Einfluss von Sport auf die Psyche, den Wert der Mammografie, die Wirkung von Alzheimer-Medikamenten und vieles mehr geäußert. Dabei kommt es ihnen vor allem auf eines an: den unvoreingenommenen Blick auf medizinische Tatsachen.

Doch mit der Unvoreingenommenheit ist es nicht immer so weit her, ärgern sich jetzt Nutzer der Cochrane-Analysen. Auch innerhalb des Netzwerks ist ein Streit entbrannt, wie nah die Collaboration den Pharmafirmen kommen darf. Konkret geht es um eine Übersichtsarbeit zur Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV), die derzeit in Arbeit ist. Manche dieser Viren können Gebärmutterhalskrebs hervorrufen.

Nachdem HPV-Impfstoffe bei ihrer Zulassung vor etwa sieben Jahren zunächst als "Impfung gegen Krebs" bejubelt wurden, war wenig später Kritik an den zugrunde liegenden Studien laut geworden: Diese hätten nicht die Qualität, um vollmundige Ankündigungen über den Nutzen der Impfung zu rechtfertigen, monierten Studienexperten. So seien selektiv Daten ausgewertet worden, die den Erfolg der Impfung größer machten, als er in Wirklichkeit sei. Außerdem waren die Studien von den Herstellern der Impfstoffe finanziert und zum Teil sogar von deren Mitarbeitern durchgeführt worden.

Die Cochrane Collaboration hat also guten Grund, eine unabhängige Bewertung von Nutzen und Risiken der Impfstoffe zu erstellen. Doch an der Cochrane-Arbeit wirken nun ausgerechnet jene Wissenschaftler mit, die schon an den Firmen-finanzierten Studien beteiligt waren: "Von den 14 Autoren des Cochrane-Reviews hat die Mehrzahl erhebliche Interessenkonflikte", sagt Jörg Schaaber von der pharmakritischen Nichtregierungsorganisation BUKO-Pharma-Kampagne. So haben acht der 14 schon Zuwendungen von den Herstellern der Impfstoffe erhalten - etwa für Vorträge, Studien, Reisen oder Beratertätigkeit; ein neunter Gutachter führt gerade in Costa Rica eine Studie mit einem der Impfstoffe durch, der vom Hersteller kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.

Zwei Prüfer sollen ihre eigenen Studien bewerten

Zwei der Wissenschaftler haben besonders schwerwiegende Konflikte: Sie haben ausgerechnet an jenen Studien mitgewirkt, die Gegenstand des Cochrane-Reviews sind. "Es ist höchst fragwürdig, wie kritisch man sein kann, wenn man seine eigene Arbeit bewerten soll", sagt Jörg Schaaber. Der eine von beiden, der Kanadier Marc Steben vom Institut für Public Health in Québec, hat seine damalige Beteiligung an den Hersteller-gesponserten Studien im Protokoll zum aktuellen Cochrane-Review nicht einmal angegeben.

Auf Nachfrage teilte er der SZ mit: "Da ich für ein öffentliches Institut arbeite, betrachte ich mich selbst als unabhängig." Dabei hatte Steben im Jahr 2008 in einem Meinungsbeitrag für die Zeitschrift Canadian Family Physician selbstkritisch festgestellt: "Ich könnte als parteiisch empfunden werden, da ich einer der Erforscher des Vierfach-Impfstoffs bin." Und nannte diesen zugleich einen "Super-Impfstoff".

Wie Steben haben zahlreiche dieser Experten mit Interessenkonflikten längst ihr Urteil gefällt. In Kommentaren und Meinungsbeiträgen in der Fachpresse traten sie als vehemente Befürworter der HPV-Impfung auf. So erklärt einer der Deutschen im Team, Achim Schneider von der Berliner Charité, in einem Video im Internet sogar ohne Einschränkung, die Impfung sei "nebenwirkungsfrei". Solche Statements wecken Zweifel, ob die Reviewer für Gegenargumente ebenso offen sind wie für unterstützende Daten.

Für manche Kritiker bestätigt der HPV-Review das ungute Gefühl, das sie schon lange hegen. Sie befürchten, dass die Cochrane Collaboration von Interessenvertretern unterwandert wird. Pharmafirmen seien sehr daran interessiert, dass von ihnen bezahlte Meinungsführer mit Cochrane-Reviews betraut werden, sagt Tom Jefferson, ein unerschrockener Influenza-Experte, der sich seit Jahren mit Pharmakonzernen eine Schlacht zum Nutzen von Grippemitteln wie Tamiflu liefert. Jefferson befürchtet eine "Pharma-Penetration der Collaboration". Noch bestehe die Seele der Initiative aus "verrückten Leuten mit viel Energie, die ohne Geld eine gigantische Arbeit auf sich nehmen". Aber "wir müssen unglaublich vorsichtig sein".

Bernd Richter, der an der Universität Düsseldorf eine Cochrane-Gruppe zu Stoffwechselkrankheiten leitet, betrachtet den Einfluss der Pharmaindustrie mit weniger Argwohn. Es bestehe ein Unterschied zwischen Interessenkonflikten und direktem Sponsoring, sagt er: "Interessenkonflikte sind erst einmal neutral zu betrachten und keine Dienstwagenaffäre." Es gebe heutzutage kaum noch Wissenschaftler, die nie Geld von der Pharmaindustrie erhalten hätten. Umso wichtiger sei "maximale Transparenz". Und der werde in den Reviews mit der Angabe aller Interessenkonflikte genüge getan.

"Wenn man alle Forscher mit Interessenkonflikten ausschließt, steht man im Niemandsland"

Dem stimmt auch Gerd Antes zu, der Leiter des deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg: "Wenn man alle Personen mit Interessenkonflikten ausschließt, steht man im Niemandsland", sagt er.

Dieses Argument treibt Tom Jefferson und Jörg Schaaber auf die Palme. Dass heutzutage alle guten Fachleute mit der Pharmaindustrie verbandelt seien, sei "eine Propagandalüge, die von der Industrie gefördert wird und auch von denen, die deren Geld nehmen", sagt Schaaber. Jefferson spricht von "Nonsens" und betont: "Es gibt sehr wohl unabhängige Reviewer." Das bestätigt Peter Gøtzsche, der Leiter des Nordischen Cochrane-Zentrums in Kopenhagen. Er präsentiert zugleich einen Ausweg: Gøtzsche selbst erstellt ausdrücklich nur zu solchen Themen Cochrane-Reviews, über die er nicht selbst forscht. Für die Gutachten sind vor allem Kenntnisse in Statistik und Studiendesign nötig; es sei unerheblich, wie viel Detailkenntnis man über den Gegenstand selbst hat, im aktuellen Fall etwa die HPV-Impfung.

Der Disput zeigt: Die Collaboration mit ihren weltweit 13 Zentren und 52 Arbeitsgruppen ist kein einheitlicher Verein. Schon die Gruppen folgen unterschiedlichen Standards. International verfassen zudem fast 30 000 freiwillige Reviews für Cochrane. So ist die Qualität sehr variabel.

Früher konnten Firmen sogar das Gutachten ihrer eigenen Arzneien durch die Collaboration finanzieren, was schließlich zu großem Widerspruch führte. Es waren interne E-Mails öffentlich geworden, die zeigten, wie stark die Firmen dies für sich zu nutzen versuchten. Im April 2004 hat sich die Collaboration deshalb Regeln zum Umgang mit Sponsoring auferlegt. Seitdem dürfen Reviews und Autoren nicht mehr direkt von der Industrie bezahlt werden. "Dennoch bleibt die Collaboration inhomogen", sagt Wolfgang Becker-Brüser vom pharmaunabhängigen Arznei-Telegramm. "Die vielen verschiedenen Reviewer sind kaum zu kontrollieren."

Man müsse jeder wissenschaftlichen Arbeit kritisch begegnen, empfiehlt Gerd Antes. "Mein Rat lautet immer: Schau dir jede Studie genau an, auch wenn sie von Cochrane kommt." Angesichts von inzwischen 5500 Reviews könne man "leider sicher sein, dass schwarze Schafe darunter sind". Gleichwohl sind die Cochrane-Gutachten anderen Arbeiten in puncto Unabhängigkeit und wissenschaftlicher Akkuratesse im Durchschnitt deutlich überlegen, wie vergleichende Analysen zeigen.

Im Prinzip seien Cochrane-Reviews von großem Nutzen, um ein objektives Bild von Medikamenten und Therapien zu bekommen, betont auch Jörg Schaaber. Ein umso größerer Verlust sei es, wenn sich die Collaboration nun nicht gegen den Einfluss der Industrie abschottet. Sie solle die Diskussionen um den HPV-Review zum Anlass für eine klare Neuorientierung nehmen. Sonst stehe zu befürchten, dass auf die Neutralität der Cochrane-Arbeiten immer weniger Verlass sei. Ob die Kritik solche Folgen hat, ist noch unklar. Das zuständige Cochrane-Komitee prüft derzeit, wie mit der Arbeit zur HPV-Impfung und künftig generell verfahren werden soll.

Vor diesem Hintergrund ärgert sich Gerd Antes auch darüber, dass die Cochrane Collaboration gerade in Deutschland regelmäßig in ihrer Existenz bedroht ist. "Wenn man sich nicht in Abhängigkeiten begeben will, nagt man dauernd am Hungertuch", sagt er und betont: "Es ist zu kurz gegriffen, wenn man immer nur auf die Pharmaindustrie schimpft." Es müsse Aufgabe der öffentlichen Hand sein, die Unabhängigkeit von Medizin und Wissenschaft zu fordern - und zu fördern.

© SZ vom 22.02.2013/beu

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