Corona:Kreisliga-Debatte um Kinderimpfungen

Letzter Schultag in Bayern

Infektionssichere Klassenzimmer - auch im zweiten Jahr der Pandemie nicht die Regel.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der Druck von Politik und Behörden auf die Stiko ist nicht berechtigt. Sie haben versäumt, Schulen infektionssicherer zu machen.

Kommentar von Werner Bartens

Zur Erinnerung: Die Abkürzung Stiko bedeutet "Ständige Impfkommission", nicht "Ständige Befindlichkeitskommission". Das Gremium ist unabhängig, gut besetzt und bewertet wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Impfen nach Evidenz. Die Stiko ist nicht dazu da, um sich mit Wohlfühlempfehlungen danach zu richten, was politisch opportun sein könnte oder einer kollektiven Sehnsucht entspricht. Dass es Politik und Behörden auch im Jahr zwei der Pandemie nicht hinbekommen haben, die Schulen infektionssicherer zu machen, kann kein Grund dafür sein, wissenschaftliche Standards übergehen zu wollen und Stiko-Mitglieder zu bedrängen, um die Kinderimpfung in Hast und ohne genügend Sicherheitsbelege zu empfehlen.

Die Kritik an den Impf-Experten erinnert an einen Zwergenaufstand

Insofern sind die Attacken diverser Politiker gegen die Stiko und ihren Vorsitzenden Thomas Mertens unangemessen, wissenschaftsfeindlich und offenbaren als Angriff auf eine unabhängige Institution ein seltsames Demokratieverständnis. Besonders schäbig haben sich in jüngster Zeit zwei Politiker gegenüber der Stiko verhalten, Markus Söder (CSU) und Karl Lauterbach (SPD). Söder hat der "ehrenamtlichen" Stiko die "Profis" von der europäischen Arzneimittelagentur Ema gegenübergestellt und die Impfexperten damit metaphorisch in die Nähe des Vorstands eines Schützenvereins gerückt.

Lauterbach lobt - rhetorisch geschickter - zwar die Arbeit der Stiko, bescheinigt ihr aber oft im selben Satz zur Frage der Kinderimpfung eine "Außenseiterposition". Am Donnerstag verstieg er sich in einer Talkshow gar zu der Aussage, die Stiko werde "wieder zu voller Blüte kommen". Dass die Impfexperten derzeit nicht auf dem neuesten Stand seien, musste man sich mitdenken. Politiker ließen sich daher von "anderen Wissenschaftlern" beraten, raunte Lauterbach. Sich die Meinung zu suchen, die einem passt, ist Rosinenpickerei und das Gegenteil von Wissenschaft. Studien lesen zu können, ist noch kein Qualitätsmerkmal, zumal wenn Befunde daraus - etwa die unklaren Erkenntnisse zu "Long Covid" - von Lauterbach einseitig übertrieben werden.

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Kritisieren Ärzte und Politiker die Stiko, erinnert das an einen Zwergenaufstand jener, die selbst kaum wissenschaftlich arbeiten oder Studien nicht verstehen. Der Hinweis, "es gibt auch gegenteilige Studien" (oft von bescheidener Qualität), gleicht dem Versuch eines Kreisligisten, sich dem Champions-League-Gewinner überlegen zu fühlen, weil der Dorfverein gerade fünfmal hintereinander gewonnen hat, der Europa-Champion nicht. Als sich mit fadenscheinigen Argumenten "Hundert Autoren gegen Einstein" wandten, soll der Physiker geantwortet haben: "Hätte ich unrecht, würde ein einziger Autor genügen". Natürlich kann sich die Stiko irren. Aber dann sollten von ihren Widersachern wissenschaftliche Argumente kommen, nicht üble Nachrede auf Kreisliga-Niveau.

© SZ
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