Infektionskrankheiten:Was über die Affenpocken bekannt ist

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Affenpocken unter dem Elektronenmikroskop

Affenpockenviren (links) stark vergrößert unter dem Elektronenmikroskop.

(Foto: Cynthia S. Goldsmith/dpa)

Die Affenpocken breiten sich weiter aus und wurden nun als internationaler Notfall eingestuft. Was man über Impfungen, Symptome, Übertragung und Behandlung wissen sollte.

Von Berit Uhlmann

Mehr als 16 000 Menschen haben sich bisher offiziell mit den Affenpocken infiziert. 75 Länder sind mittlerweile betroffen. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus hat am Wochenende entschieden, den Internationalen Gesundheitsnotfall auszurufen und damit den lautesten Alarm zu schlagen, der ihm zur Verfügung steht. Die wichtigsten Informationen zur aktuellen Lage.

Internationaler Notfall

Die Ausrufung der "Notlage von internationaler Tragweite" ist in erster Linie ein Signal. Sie soll weltweit die Aufmerksamkeit für die Erkrankung erhöhen und der Forschung mehr Schub verleihen. Direkte Auswirkungen auf die Bevölkerung hat die Warnung nicht.

Der Weg hin zu diesem Alarm war nicht geradlinig. Von dem eigens dafür einberufenen Notfallausschuss hatten sich neun Mitglieder gegen die Ausrufung der Notlage ausgesprochen, sechs waren dafür. Allerdings fälle das Expertengremium keinen Beschluss per Mehrheitsvotum, sagte Tedros auf einer Pressekonferenz. In dem Fall sei das Gremium auseinandergegangen, ohne dass ein Konsens erreicht werden konnte. Damit sei ihm die Entscheidung zugefallen.

Tedros begründete seinen Entschluss damit, dass der Ausbruch sich rasch ausbreite, es neue und noch nicht ausreichend verstandene Übertragungswege gebe, und dass die drei Kriterien des Notfalls erfüllt sein: Die Ausbreitung der Krankheit ist neu und ungewöhnlich, sie stellt eine Gefahr für mehr als ein Land da und benötigt eine koordinierte internationale Antwort.

Die Fachleute, die gegen die Erklärung des Notfalls waren, beriefen sich darauf, dass die meisten Fälle in nur zwölf Ländern auftraten, in denen es bereits Anzeichen für eine Stabilisierung oder gar einen Rückgang der Infektionszahlen gebe. Sie verwiesen zugleich darauf, dass die große Mehrheit der Fälle unter Männern auftraten, die Sex mit Männern haben, und der Ausbruch daher mit Maßnahmen gestoppt werden könnte, die speziell auf diese Gruppe zugeschnitten ist. Zudem würden die meisten Erkrankungen mild verlaufen. Bislang sind laut WHO nur fünf Todesfälle erfasst.

Lage in Deutschland

Dem Robert-Koch-Institut zufolge sind aktuell mehr als 2400 Fälle registriert worden. Unter den Infizierten seien lediglich fünf Frauen und keine Kinder. Die Mehrheit der Patienten seien Männer, die Sex mit Männern haben. "Es scheint weiterhin möglich, den aktuellen Ausbruch in Deutschland zu begrenzen, wenn Infektionen rechtzeitig erkannt und Vorsichtsmaßnahmen umgesetzt werden", schreibt das RKI. Es schätzt die Gesundheitsgefahr für die breite Bevölkerung in Deutschland aktuell als gering ein.

Impfempfehlung

Die Ständige Impfkommission (Stiko) rät aktuell zwei Risikogruppen zur vorsorglichen Impfung: Zum einen Männern, die gleichgeschlechtliche Sexualkontakte mit wechselnden Partnern haben. Zum anderen Mitarbeitern in Speziallaboren, die mit infektiösen Proben in Kontakt kommen.

Zudem kann die Impfung auch noch nach der Begegnung mit dem Virus erfolgen. Diese Möglichkeit empfiehlt die Stiko allen Menschen, die engen Kontakt zu einem Erkrankten oder zu kontaminierten Gegenständen hatten. Dies gilt sowohl für Privatpersonen als auch Angestellte im medizinischen Bereich. Die Impfung kann bis 14 Tage nach dem Kontakt verabreicht werden. Eine Immunisierung innerhalb der ersten vier Tage gilt allerdings als am wirkungsvollsten.

Eingesetzt wird der Impfstoff Imvanex, der in Europa gegen die klassischen Pocken zugelassen ist. Wo genau die Impfungen in den einzelnen Bundesländern verabreicht werden, hat die Deutsche Aidshilfe hier zusammengestellt.

Impfkampagne

Aktuell ist nicht genügend Impfstoff für alle potenziell gefährdeten Menschen vorhanden. Ihre Zahl beläuft sich nach RKI-Schätzungen in Deutschland auf etwa 130 000. Zur Verfügung stehen aktuell aber nur 40 000 Impfstoff-Dosen. Daher rät die Stiko zu einer Priorisierung. Vorrang sollten Kontaktpersonen sowie jene haben, die eine erhöhte Gefahr für einen schweren Verlauf haben. Dazu gehören beispielsweise Menschen mit eingeschränkt arbeitendem Immunsystem.

Außerdem rät die Stiko dringend, alle verfügbaren Impfstoffe für die erste Impfung einzusetzen und die Gabe der zweiten Impfstoffdosis auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, wenn ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht. Für Menschen, die in ihrer Kindheit keine Impfung gegen die klassischen Pocken erhalten haben, sind zwei Impfdosen im Abstand von mindestens 28 Tagen nötig. Das Bundesgesundheitsministerium rechnet im dritten Quartal mit der Auslieferung von weiteren 200 000 Dosen.

Übertragung unter Menschen

Jeder Mensch kann sich mit dem Affenpockenvirus infizieren. Es wird bei engeren Kontakten über Körperflüssigkeiten weitergegeben: über Speichel, Atemwegssekrete, Blut und vor allem durch direkten Kontakt zu den typischen Hautläsionen, die die Erkrankung auslöst. Seltener kann der Erreger auch durch kontaminierte Gegenstände wie Bettwäsche oder Kleidung übertragen werden. Das Virus gelangt über kleine Hautverletzung oder die Schleimhäute in den Körper; möglicherweise auch über die Atemwege. Neu ist, dass die Übertragungen überwiegend bei sexuellen Kontakten erfolgen, wobei noch unklar ist, ob das Virus auch durch Samenflüssigkeit oder Vaginalsekret oder lediglich über den engen Hautkontakt verbreitet wird.

Ansteckend scheinen Infizierte erst zu sein, wenn sie bereits erste Symptome entwickeln. Das sind in der Regel Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Zwischen Ansteckung und Krankheitsbeginn liegen üblicherweise fünf bis 21 Tage.

Die bisher in Europa gefundenen Viren gehören zum westafrikanischen Stamm, der weniger ansteckend und weniger krankmachend ist als seine zentralafrikanischen Verwandten. Ihr Basisreproduktionswert R0 lag bei vorherigen Ausbrüchen laut einem RKI-Bericht bei 0,3; die meisten Erkrankten geben das Virus also nicht weiter. Allerdings scheint dieser Wert in der aktuell betroffenen Bevölkerungsgruppe höher zu sein. Die WHO zitiert mathematische Modelle, wonach R0 unter homo- und bisexuellen Männern über 1 liegt, in Spanien etwa bei 1,8 und in Großbritannien bei 1,6. Ein Basisreproduktionswert über 1 zeigt eine zunehmende Ausbreitung an.

Übertragung durch Tiere

Menschen können sich auch durch engen Kontakt zu Tieren mit dem Erreger anstecken. Obwohl der Krankheitsname Affen als Hauptwirte vermuten lässt, stehen vor allem in Afrika heimische Nagetiere wie Eichhörnchen, Ratten und Bilchmäuse im Verdacht, das Affenpockenvirus zu beherbergen.

Theoretisch besteht ein Risiko, dass Infizierte das Virus auf Tiere übertragen können - und es von ihnen wieder auf Menschen zurückspringen kann. Allerdings sind bislang keine Fälle bekannt, in denen sich Haustiere beim Menschen angesteckt hätten. Es ist auch gar nicht klar, welche hier heimischen Tiere überhaupt für die Affenpocken empfänglich sind. Das für Tiergesundheit zuständige Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) weist darauf hin, dass bis heute lediglich für Kaninchen experimentell gezeigt wurde, dass sie an Affenpocken erkranken.

Als Vorsichtsmaßnahme raten das FLI wie auch die Weltgesundheitsorganisation WHO Infizierten, Kontakt zu Tieren zu meiden und potenziell kontaminierte Gegenstände wie Verbandsmaterial so zu entsorgen, dass sie sicher vor Tieren sind.

Symptome und Verlauf

Charakteristisch für die Affenpocken ist der Hautausschlag mit Bläschen. Er tritt am häufigsten im Gesicht, an den Händen und Fußsohlen auf. Auch die Mundschleimhaut ist oft betroffen. Während des aktuellen Ausbruchs werden die Hautläsionen besonders häufig in der Genitalregion beobachtet. Patienten können nur wenige, manchmal aber auch mehrere Tausende dieser Bläschen aufweisen, die jucken und schmerzen können. Dem Ausschlag gehen in der Regel plötzliches Fieber, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit voraus. Angeschwollene Lymphknoten sind ebenfalls ein typisches Zeichen der Erkrankung. In den meisten Fällen verschwinden die Symptome von allein innerhalb von zwei bis drei Wochen.

Verhalten bei Infektion

Wer engen Kontakt zu einem Infizierten hatte, sollte nach Angaben des RKI das zuständige Gesundheitsamt kontaktieren. Zeigen sich Symptome, sollte eine Arztpraxis zunächst telefonisch konsultiert werden. Sie kann einen Test auf das Virus veranlassen. Im Falle einer Infektion oder des begründeten Verdachts sollten sich die Betroffenen zu Hause isolieren. Kontakte sollten vermieden werden, bis der Ausschlag abgeklungen ist und der letzte Schorf abgefallen ist. Dies könne bis zu vier Wochen dauern, schreibt das RKI. Weitere Informationen zu Infektionsschutzmaßnahmen im Haushalt gibt es hier.

Behandlung

Viele Erkrankte erholen sich von allein wieder und benötigen nur Unterstützung bei der Linderung der Symptome. Schwerer Erkrankte können das antivirale Medikament Tecovirimat bekommen. Es ist in der EU für die Behandlung der Affenpocken-Erkrankung zugelassen.

Gründe für den aktuellen Ausbruch

Bis 1980 konnte sich die Menschheit relativ sicher vor den Affenpocken geschützt fühlen. Bis dahin wurde ein Großteil der Weltbevölkerung gegen die menschliche Form der Pocken geimpft. Die Impfungen hatten nach Angaben der WHO zugleich eine Wirksamkeit von 85 Prozent gegen die Affenpocken. Seither aber sind die menschlichen Pocken offiziell ausgerottet, Routineimpfungen wurden eingestellt.

Generationen wuchsen daher ohne den Schutz auf. Und auch bei jenen, die ihn früher erhalten haben, ist fraglich, wie sehr sie nach mehr als 40 Jahren noch von der Immunisierung profitieren.

Aktuell wird spekuliert, dass die nachlassende Immunität in der Bevölkerung der Grund für die derzeitigen Ausbrüche ist. Die Möglichkeit einer solchen Entwicklung wird bereits seit Jahren diskutiert. Sie ist auch ein Argument dafür, dass noch immer Pockenerreger in zwei Hochsicherheitslaboren lagern und in der Zwischenzeit neue Pockenimpfstoffe entwickelt wurden. Eine Rolle könnte spielen, dass nun wieder viele Menschen reisen, feiern und auf großen Festivals zusammenkommen. Unabhängig vom konkreten Ausbruch gehen Experten schon lange davon aus, dass Epidemien zunehmen werden, weil Globalisierung, Urbanisierung, Veränderungen in der Natur und der Klimawandel die Ausbreitung von Infektionskrankheiten begünstigen.

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