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Sterben:Erst seit der Neuzeit wird der Tod verdrängt

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Der plötzliche Tod nehme einem die Möglichkeit, Dinge ins Reine zu bringen und Abschied zu nehmen, schreibt Smith. Außerdem sei er für Angehörige besonders schwer zu ertragen. Die Auslöschung der eigenen Persönlichkeit durch eine fortschreitende Demenz ist für ihn die schlimmste Vorstellung, gleich gefolgt vom langen Kampf gegen das Multiorganversagen. Auf den Suizid geht er nicht ein, wohl ahnend, in welch uferlose Gefilde diese Debatte führen würde. Also bleibt der Krebs. "Man kann Lebewohl sagen, und die wichtigsten Beziehungen ins Reine bringen. Man kann über das Leben noch einmal nachdenken, die Lieblingsmusik hören, ein Gedicht lesen, sich vorbereiten auf das Ende und das, was - je nach Glauben - danach kommt."

Die Phase mit dem Wissen, dass der Tod bald kommt, ist Smith dabei wichtig. Er vergisst aber auch nicht klarzumachen, dass er sich da eine sehr romantische Version vom Krebstod ausmalt, die mit "Liebe, Morphium und Whisky" zu meistern sei. Er weiß, dass Krebs oft keineswegs so freundlich ist, dass er oft unvorstellbares Leid verursacht für Patienten, Angehörige und Freunde. "Egal welche Ursache", schreibt Smith in einem zweiten Text, in dem er etwas behutsamer formuliert, seine These aber weiter begründet, "Tod kann eine grauenhafte Erfahrung sein, die nur dadurch schlimmer wird, wenn man sich nie darauf vorbereitet hat."

Erst seit der Neuzeit werde der Tod zunehmend verdrängt, und Jugend, Schönheit und Gesundheit verherrlicht, sagt Dietrich von Engelhardt. "Heute haben die wenigsten Menschen Sterben und Tod unmittelbar miterlebt." Das war noch vor weniger als 100 Jahren vollkommen anders. Als etwa jeder dritte Mensch an bakteriellen Infektionen starb, war der Tod ein ziemlich alltägliches Ereignis. Erst die Entdeckung der Antibiotika und vieler weiterer Arzneistoffe sowie die Entwicklung von Operationsverfahren und medizinischen Apparaten hat den Tod aus dem Alltag heute praktisch vollkommen entfernt. Wenn sie nicht gerade eine Patientenverfügung aufgesetzt haben, selbst in einer lebensbedrohlichen Situation waren oder eigens zu dem Thema befragt wurden, haben viele Menschen wohl noch nie über ihren eigenen Tod nachgedacht.

Im Mittelalter herrschte hingegen die Ansicht vor, ein gelungenes Leben sollte mit einem vorbereiteten (das Erbe verteilen, auf die Begegnung mit dem Schöpfer und das Jenseits einstellen) und durch die Familie begleiteten Tod enden. Jäh aus dem Leben gerissen zu werden, galt als "schlechter Tod". Heute scheint das umgekehrt zu sein. Zumindest gibt die Mehrheit der Deutschen in Umfragen meist an, zu Hause, aber unvorbereitet sterben zu wollen. Sie antworten wie einst Cäsar.

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