bedeckt München 28°

Übergewicht:Der Mythos von den "fitten Dicken"

Übergewichtig

Wie gefährlich ist Übergewicht tatsächlich?

(Foto: dpa)
  • Schon lange streiten Wissenschaftler über die Frage, ob und wie gefährlich leichtes Übergewicht tatsächlich ist.
  • Eine akutelle Studie kommt zu dem Schluss, dass "fitte Dicke" nicht gesünder leben als "schlappe Schlanke".
  • Die Wissenschaftler haben mehr als 7000 Erwachsene mit Infarkt oder anderen kardiovaskulären Krankheiten mit gesunden Probanden verglichen.

Vermutlich gibt es nie eine eindeutige Antwort. Die Diskussion ist längst ideologisch überfrachtet. Für die einen ist jedes Pfund zu viel ein Risikofaktor, der Infarkt, Schlaganfall und Verderben mit sich bringt. Für die anderen ist ein gemütliches Bäuchlein Ausweis für Gelassenheit und Genuss, was nicht nur die Seele, sondern auch den Körper gesund erhält - und Molligen ein langes Leben beschert. Beide Seiten berufen sich auf einen Berg an Studien, die ihre Sicht zu belegen scheinen.

Während sich Kritiker der Schlankheitsdoktrin darauf berufen, dass Menschen schlicht länger leben und seltener krank werden, wenn sie etwas fülliger sind, kommen im European Heart Journal von dieser Woche jene zu Wort, die behaupten, dass Übergewicht gefährlich sei. Die populäre Behauptung von den "fitten Dicken", die gesünder sind als "schlappe Schlanke", wäre demnach ein Mythos. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass übergewichtige Patienten alles tun sollten, um ein gesundes Gewicht zu erreichen - unabhängig von anderen Faktoren", sagt Studienleiterin Camille Lassale vom University College London. "Auch wenn Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin normal sind, ist zusätzliches Gewicht ein Risikofaktor."

Die Wissenschaftler hatten mehr als 7000 Erwachsene mit Infarkt oder anderen kardiovaskulären Krankheiten mit Probanden verglichen, die keine Herzerkrankung bekamen. Die Forscher analysierten neben dem Gewicht auch Risiken wie Hüftumfang und Stoffwechselwerte. Danach klassifizierten sie die Teilnehmer als metabolisch gesund - oder ungesund, wenn Blutdruck, Blutzucker und Blutfette erhöht waren.

"Ich denke, das Konzept vom gesunden Übergewichtigen gilt nicht mehr."

Dabei zeigte sich, dass Blutdruck und Blutwerte eine größere Gesundheitsgefahr darstellten als die Körpermasse. Wer zu den metabolisch ungesunden Teilnehmern gehörte, hatte ein mehr als doppelt so hohes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Ähnliches, unabhängig davon, ob er oder sie normalgewichtig (Risikoanstieg um 115 Prozent), übergewichtig (Anstieg um 133 Prozent) oder fettleibig (Anstieg um 154 Prozent) war. Im Vergleich dazu erhöhte sich das Risiko bei den metabolisch gesunden Übergewichtigen nur um 26 Prozent und bei den metabolisch gesunden Fettleibigen um 28 Prozent gegenüber jenen, die beides sind - metabolisch gesund und normgewichtig. Die größte Gefahr für Herz und Hirn wird also von der Konstellation der übrigen Risikofaktoren bestimmt, nicht vom Gewicht.

Der Stoffwechsel verschiebt sich mit zunehmendem Gewicht allerdings häufiger in den ungesunden Bereich. Das ist womöglich auch der Grund, warum sich die Forscher so bemühen, das Schlagwort vom "fitten Dicken" als Mythos zu entlarven, obwohl die Bedrohung durch einen ungesunden Stoffwechsel-Mix größer ist. "Ich denke, das Konzept von den gesunden Übergewichtigen gilt nicht mehr", sagt Ioanna Tzoulaki, die ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Bei jenen Dicken, die als ,gesund' bezeichnet werden, hat sich das ungesunde Stoffwechselprofil nur noch nicht entwickelt. Das kommt später, wenn sie einen Infarkt haben."

Diese Prognose wird durch die aktuellen Daten nicht belegt. Immerhin gehören 45 Prozent der Fettleibigen laut Analyse zu den metabolisch Gesunden. Zudem geben die Forscher zu, dass "Übergewicht per se" die Gefahr für Herzkreislaufleiden wohl nicht erhöht, sondern eher indirekt, indem bei manchen Dicken als Folge Blutdruck und Blutzucker ansteigen. Offenbar stimmt also beides: Übergewicht allein muss nicht bedrohlich sein - wohl aber ein ungünstiger Mix aus Lebensumständen und Risikofaktoren.

© SZ vom 17.08.2017/fehu

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite