Stammzelltherapien "Wenn ich auf den Filmfestspielen in Cannes einen Investor finde, könnten wir übermorgen in Deutschland anfangen"

Mehling bleibt dabei, er will seine Studienergebnisse auch künftig "auf höchstem Level" in Fachjournalen veröffentlichen. Selbst die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA habe soeben einer geplanten Studie zugestimmt. Mehling will Patienten nach Schlaganfall Stammzellen aus Nabelschnurblut geben, intravenös oder in den Rückenmarkskanal.

Diese Studie soll Mehling auch den Weg in den deutschen Markt ebnen. An der Charité in Berlin möchte der Mediziner Schlaganfallpatienten behandeln. Er und seine Kollegin Doert berichten, dass der Internist und Kardiologe Wolfram Döhner die Probanden für die Studie bereitstellen werde. Döhner arbeitet als Professor für interdisziplinäre Schlaganfallforschung an der Charité. Spätestens im nächsten Jahr wolle er gemeinsam mit Döhner einen Antrag bei der internen Ethikkommission der Charité stellen, sagt Mehling.

Döhner ist als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von BHI auf deren Firmen-Website genannt. "Ich berate die Firma nur darin, wie sie klinische Studien gestalten kann", sagt Döhner dagegen. In einem Telefonat kann sich Döhner auf spontane Nachfrage weder erinnern, ob er im wissenschaftlichen Beirat der Firma sitzt, noch kann er sagen, seit wann er BHI berät. Eine Studie an der Charité sei seines Wissens nach nicht geplant. Auf der Internetseite seiner Arbeitsgruppe an der Charité ist BHI auch nicht als Kooperationspartner genannt.

Unweit des Brandenburger Tors hat BHI schon vor drei Jahren einen Firmensitz angemeldet, in der Friedrichstraße in Berlin-Mitte. Klara Doert sucht nur noch nach Investoren für die Studie, zwei Millionen Euro seien noch offen. "Wenn ich auf den Filmfestspielen in Cannes einen Investor finde, könnten wir übermorgen in Deutschland anfangen", sagt sie. Auch eine private Klinikgruppe in Deutschland sei daran interessiert, Stammzellen in einer Studie gegen Burn-out einzusetzen: "Das ist ja ein Topthema in der Medizin."

Mehling kennt noch eine Möglichkeit, seine Therapien in Deutschland anzubieten. Ärzte können nicht zugelassene Behandlungen jenseits von Studien durchführen, mithilfe der Krankenhaus-Ausnahmeregelung. Dafür muss BHI einen Antrag beim Paul-Ehrlich-Institut stellen, das anhand der vorhandenen Daten Nutzen und Risiken der Therapien abwägen wird. "Die meisten ungeprüften Therapien in Deutschland finden so statt", sagt Heyer vom Kompetenznetzwerk Stammzellforschung NRW. Dagegen ausrichten könne man wenig, sagt der Jurist. Den lokalen Behörden fehle dafür oft die wissenschaftliche und rechtliche Expertise.

Um noch mehr Patienten und Investoren weltweit für seine Therapien zu begeistern, lässt Mehling ein Kamerateam in Malacky einen Film drehen. Gerade sind zwei Männer aus New York eingetroffen. Wie die meisten Patienten der Klinik werden sie Spritzen in ihre Gelenke erhalten. Lässig, optimistisch, freundlich sitzt Alan Pereira, 38 Jahre, in seinem Patientenzimmer, er stand bereits Modell für einen Fotokalender der Firma, arbeitet als Buchhalter bei BHI und lässt sich bereits zum zweiten Mal mit Stammzellen behandeln. Die Krankenpflegerinnen bringen belegte Brote und Wasser, Mehlings Kamerateam filmt die fotogenen Patienten, auch Anton Antipov, einen 35-jährigen Russen mit glattem Gesicht und Tattoo auf den sehr muskulösen Armen, er nimmt als Bodybuilder an Wettkämpfen teil. Nach seinem Besuch wird Antipov zum Botschafter für die Klinik in Malacky ernannt werden.

Für Stammzellen aus dem eigenen Fettgewebe würde BHI den beiden nur 1300 Euro berechnen, doch die Patienten wählen das teure Nabelschnurblut für 5000 Euro. Die Aufbereitung ihres Fettgewebes würde zu lange dauern, auch sie reisen am Abend nach Cannes, Mehling gibt dort in seiner Villa jedes Jahr eine Party.

Mehling berichtet, dass 60 bis 70 Prozent der Patienten im Anschluss an eine Gelenkspritze keine Medikamente mehr bräuchten. Selbst nach Injektionen der schwächeren Fettstammzellen habe er im Kernspintomogramm gesehen, dass ein Teil des Gelenkknorpels nachwachse. Wo er Studiendaten zu Arthrose präsentiert hat? In Berlin, vor zwei Jahren zum Beispiel, auf der International Conference on Tissue Engineering & Regenerative Medicine. Den Kongress organisiert hatte, nun ja, der Raubverleger Omics International.

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