Stammzelltherapien Wie Pseudo-Wissenschaft dubiose Geschäfte ankurbelt

Die Stammzellforschung soll einmal zur Heilung schwerer Krankheiten beitragen. Noch ist das mehr Wunsch als Wirklichkeit.

(Foto: Florian Peljak)

Privatkliniken nutzen die Not Schwerkranker aus, um ihnen Stammzelltherapien anzubieten. Die Betreiber schmücken sich mit Artikeln aus Fake-Journalen. Bewiesen aber ist die Wirkung nicht.

Von Astrid Viciano

Acht Spritzen liegen bereit, sie sollen Schönheit und Jugend zurückbringen. Um 13.23 Uhr greift die Ärztin nach der ersten Nadel, injiziert orangefarbene Flüssigkeit in den grauen Haaransatz von Brian Mehling, in seine Schläfen und Wangen bis hin zum Kinn. Sie muss zügig arbeiten, jede Minute zählt, ihr Patient ist gerade angereist und muss am Abend noch weiter, zu den Filmfestspielen in Cannes. Nervös fröhlich ist die Stimmung, denn Mehling ist zugleich der medizinische Direktor der Klinik. Hier in Malacky, Slowakei, lässt sich der Mediziner Stammzellen spritzen. Stammzellen, die er selbst vermarktet, demnächst wohl auch in Deutschland.

An die 40 Stammzellbehandlungen habe er selbst schon hinter sich, berichtet der Unfallchirurg aus New Jersey, seine Muskeln zeichnen sich unter dem schmalen weißen T-Shirt ab, am Handgelenk trägt der 52-Jährige eine goldene Armbanduhr. Vom Patientenbett aus erzählt Mehling, dass die Stammzellen nicht nur Falten verschwinden lassen. Auch gegen Arthrose könnten sie helfen. Gegen Schlaganfall. Gegen Alzheimer. "Unglaublich" seien die Ergebnisse bei Freunden und Verwandten gewesen, "extrem effektiv". An Depressionen hätten manche von ihnen vor der Behandlung gelitten, an Ängsten, an Schizophrenie. Einige hätten danach keine Medikamente mehr gebraucht.

Was, wenn Stammzellen zerstörte Organe nachwachsen ließen, gelähmte Menschen wieder gehen könnten, blinde wieder sehen? Mit immensen Versprechen begann einst die Forschung an Stammzellen, haben sie doch die Eigenschaft, sich fast unbegrenzt teilen zu können und unterschiedliche Zellen des Körpers zu bilden, je nach Stammzelltyp. Besonders schwer kranke Patienten warten seither, dass die Versprechen eingelöst werden und landen oft bei dubiosen Kliniken, die angeblich heilende Stammzelltherapien anbieten.

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"Wir erhalten heute mehr Anfragen dazu als früher", sagt Martin Heyer, Koordinator der ethisch-rechtlichen Arbeitsgemeinschaft des Kompetenznetzwerks Stammzellforschung NRW (KS). Und öffneten solche Kliniken früher in Mexiko, Indien oder China ihre Pforten, finden sich inzwischen viele Anbieter in hoch entwickelten Staaten wie den USA, Australien - und auch in Deutschland. "Derlei Angebote beschädigen das sehr zukunftsträchtige Gebiet der seriösen Stammzellforschung", sagt Oliver Brüstle, Leiter des Instituts für Rekonstruktive Neurobiologie der Universität Bonn und Vorstandsvorsitzender des KS.

Spätestens im nächsten Jahr möchte Brian Mehling die Stammzelltherapien seiner Firma Blue Horizon International (BHI) auch in Deutschland anbieten, bisher ist er damit vor allem in China und im slowakischen Industriestädtchen Malacky aktiv. Nur eine Stunde vom Wiener Flughafen entfernt, holt eine Limousine der Klinik auf Wunsch die internationale Kundschaft ab, aus Norwegen zum Beispiel, Portugal, den USA und auch aus Deutschland. Im zweiten Stock der Klinik hat BHI für sie einen separaten Trakt angemietet. "Wir wollen den Patienten nicht zumuten, mit frisch Operierten auf einem Zimmer zu liegen", erklärt Renáta Mihalyova, Klinikmanagerin von BHI in Malacky. Die Kunden können dann Stammzellen aus dem eigenen Fettgewebe gewinnen lassen oder solche aus dem Blut der Nabelschnur Neugeborener wählen.

Die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut seien die stärkere Behandlung, sagt Mehling. Sie nähmen nach der Injektion Verbindung mit den körpereigenen Stammzellen auf und brächten sie dazu, bestimmte Gene wieder einzuschalten, die eigentlich nach der ersten Lebenswoche abgeschaltet bleiben. Die regenerativen Fähigkeiten der körpereigenen Stammzellen würden also wieder aktiviert. Dem Stammzellexperten Peter Horn von der Universitätsklinik Essen sind solche Erklärungen fremd: "Hierfür sind mir keine wissenschaftlichen Belege bekannt."