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Spuren der Gewalt:"Viele Menschen müssen wieder lernen, soziale Beziehungen aufzubauen"

Als die 38-Jährige für Ärzte der Welt in den Dörfern zu arbeiten begann, fühlte sie sich zunächst wie gelähmt, sie nahm vor lauter Kummer im ersten Jahr zehn Kilogramm zu. Bis sie begriff, dass sie etwas tat, was für die Menschen ganz entscheidend war: "Wir hören ihnen zu, das ist enorm wichtig", sagt die Psychologin. In Costa Rica wie in anderen Dörfern haben sie Gruppentherapien organisiert. Um die Menschen nicht abzuschrecken, nennen sie die Treffen Workshops, dort können die Betroffenen über ihre Erlebnisse berichten, können ihre Erinnerungen zeichnen, für viele ist es das erste Mal. Dort merken die Teilnehmer plötzlich, dass andere Ähnliches erlebt haben, dass ihre Sorgen und Ängste völlig normal sind. Gemeinsam können sie sich an die Opfer erinnern, in einem Dorf haben die Bewohner auf einer Brücke eine Gedenktafel angebracht, unweit von Einschusslöchern.

In ihren Workshops redet Paola D'Vera viel darüber, was einen Menschen stark macht, was eine Dorfgemeinschaft zusammenwachsen lässt. Jahrelang nämlich traute keiner dem anderen, nicht dem Nachbarn, nicht der Polizei, dem Militär oder den Politikern schon gar nicht. "Viele Menschen müssen erst wieder lernen, soziale Beziehungen aufzubauen, Vertrauen zu fassen, nach einem so lang andauernden Konflikt", erklärt die Gesellschaftswissenschaftlerin Elisabeth Rohr von der Universität Frankfurt, die nach dem Bürgerkrieg in Guatemala Sozialarbeiter, Therapeuten und Opfer in vielen Projekten wissenschaftlich begleitet hat.

Marco Suárez* zum Beispiel hat inzwischen 30 Hektar Land mit Kaffee und Kakao in der Nähe des Dorfs Santo Domingo bepflanzt. Gerade haben sie auch mit dem Anbau von Bananen begonnen, berichtet der 28-jährige Mann, er hat Narben im Gesicht und raue Hände. Einen Verein hat er gegründet, vor zwei Jahren schon, für die Opfer des bewaffneten Konflikts, die nicht länger Opfer sein wollen, die miteinander Projekte entwickeln wollen. Vor allem das können Paola D'Vera und ihre Kolleginnen den Dorfbewohnern auch mitgeben: dass sie nicht mehr allein sind.

Die Menschen müssen erst wieder lernen, Vertrauen zu fassen

Jahrelang waren die Dörfer nämlich von der Welt abgeschnitten, die Landstraße in die nächste Stadt war lebensgefährlich, die Farc-Guerilla hielt Linienbusse an, zwang alle Passagiere auszusteigen, brannte dann die Fahrzeuge aus. Fast nie ließ sich in dieser Gegend ein Politiker blicken, die Bewohner waren der Willkür von Guerilla und paramilitärischen Milizen ausgeliefert. Bis heute muss das Einsatzteam von Ärzte der Welt manchmal acht Tage lang mit dem Kanu Flüsse hinabfahren, um überhaupt an seinen Zielort zu gelangen. Straßen gibt es oft nicht. Wer also in diesen Dörfern früher die Macht übernahm, musste den Staat nicht fürchten.

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Manche Menschen in der Region Meta konnten jahrelang ihre Dörfer nicht verlassen, weil sie befürchten mussten, auf den Landstraßen entführt oder erschossen zu werden.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Im Heimatort von Alba Mendivelso ging der Terror so weit, dass die Paramilitärs eines Tages alle Dorfbewohner am Sportplatz versammelten, schwarz vermummte Gestalten in Stiefeln umzingelten die Bewohner und lasen aus Listen Namen von Nachbarn, Freunden, Verwandten vor, die sie aus der Menge fischten und verschleppten. Wie böse Geister kehrten die Milizen alle paar Wochen in den Ort zurück, erschossen ein paar Dorfbewohner und entführten andere. Wann sie wieder kommen, wen sie mitnehmen würden, konnte niemand vorhersagen. "Wir waren ihnen völlig ausgeliefert", sagt Alba Mendivelso kopfschüttelnd, und ja, sie lacht.

Die Hilfskrankenschwester fand später im Dorf El Piñal Zuflucht. Auch dort hält das Einsatzteam mit dem Jeep an, Mendivelso läuft die Straße hinunter, in der sie einst wohnte, direkt über einer Bäckerei. "Se vende", zu verkaufen steht an einigen Gebäuden, viele Türen sind mit Vorhängeschlössern versehen, das obere Stockwerk eines Cafés ist ausgebrannt, in der Seitenwand klafft ein Loch. Die Vordächer aus Wellblech hängen schief herab, hier wohnt niemand mehr. Die Straße windet sich hinab zum Flussufer, fast meint man die Geister der Straßenhändler zu sehen, von denen es hier einst wimmelte. Aber längst gibt es hier nichts mehr zu kaufen, zu lange haben sich die Guerilla und das Militär auf beiden Seiten des Flusses bekämpft, viele Bewohner verließen den Ort, zogen in die nahe gelegenen Städte oder in die Elendsviertel von Bogotá.

Seit dem Friedensabkommen kehren die Bewohner nur langsam in ihre Dörfer zurück, noch misstrauen viele der Waffenruhe. "Der Prozess beginnt erst jetzt", sagt die Psychologin Mariluz González, die den Kolumbianern auch einen Ort bietet, um ihre Traumata zu verarbeiten, im Museum Casa de la Memoria, dem Haus der Erinnerung in Medellín. Elfenhaft blass, schmal und sehr konzentriert berichtet die Forscherin, dass sie Ursachen und Folgen des Konflikts analysieren möchte, die Erinnerung an das Geschehene sichtbar machen, Menschen sprechen lassen, die bisher ungehört blieben.

Selbst die Politiker kümmerten sich jahrelang nicht um die Opfer

Ähnlich wie das Team von Ärzte der Welt in den Dörfern rekonstruiert die Psychologin Mariluz González in Medellín die Erinnerungen der Menschen, sammelt sie, ordnet sie ein, gießt sie in Kunst, um die Gefühle der Betroffenen für die Besucher des Museums erfahrbar zu machen. Noch wissen Kolumbianer in den Großstädten zu wenig darüber, was auf dem Land geschehen ist. "Leider glauben viele meiner Freunde, dass der bewaffnete Konflikt sie nichts angehe, dass der weit entfernt sei", berichtet Paola D'Vera von Ärzte der Welt.

Selbst kolumbianische Politiker befassten sich lange nicht mit den Opfern. Unter dem Präsidenten Álvaro Uribe wurde 2005 sogar ein Gesetz zur Entwaffnung der Guerilla und der paramilitärischen Milizen erlassen, das die Opfer weitgehend ignorierte. Aktivisten mussten erst vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen, damit die Opfer im Gesetz erwähnt wurden.

Inzwischen sind Menschen wie Elisa Gómez* aus dem Dorf Santo Domingo als Opfer des Konflikts anerkannt, sie soll daher für jedes tote Familienmitglied einmalig eine Entschädigung erhalten, davon hat die 42-Jährige allerdings bis heute nichts gesehen. Die schwarzen Haare hochgesteckt, das Gesicht sorgfältig geschminkt, legt sie ihren großen Sonnenhut aus Stroh auf einen Tisch, sie müsse kurz nachdenken, sagt Elisa Gómez lächelnd, hat sie doch in ihrem Leben so viele Mitglieder ihrer Familie verloren, dass sie mit den Jahreszahlen und Namen durcheinander- kommt. Zwei Brüder, zwei Schwäger, ihr Ex-Mann, ihr Neffe wurden von der Guerilla und den Paramilitärs umgebracht. Sie stockt, fragt sich, ob sie noch jemanden vergessen hat. Nervös reibt sie sich die Stirn, sie lacht und weint jetzt im Wechsel. Einer ihrer Brüder verschwand vor 20 Jahren, sie weiß bis heute nicht, was mit ihm geschah.

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Elisa Gómez (Name geändert) hat soviele Menschen aus ihrer Familie verloren, dass sie mit den Namen und Sterbedaten durcheinander kommt.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Sie wird erst Frieden finden, wenn sie erfährt, was geschehen ist. "Das ist enorm wichtig für die Trauerarbeit", sagt die Psychologin Mariluz González aus Medellín. Darum wird sie in den nächsten Monaten mit weiteren Forschergruppen in verschiedene Gegenden des Landes fahren, recherchieren, was dort geschehen ist. Rechtsmediziner heben derzeit Massengräber aus, versuchen, die menschlichen Überreste den Verschwundenen zuzuordnen. Bald sollen sie im ganzen Land Gräber öffnen.

Zu Zeiten des Konflikts war ein Leben rasch vertan, wenn jemand dem Nachbarn ein Huhn gestohlen hatte, brachte der ihn dafür um. Dass sich Konflikte auch anders lösen lassen, Aggression nicht automatisch in Gewalt münden muss, haben viele Kolumbianer nie lernen dürfen. "Die Zahl der Gewalttaten und Missbrauchsfälle wird stark ansteigen", sagt die Forscherin Rohr. Dort seien nach Ende des bewaffneten Konflikts mehr Menschen gestorben als während der Auseinandersetzungen, sagt Rohr. Schon im Herbst 2016 warnte das Internationale Rote Kreuz, dass die schrecklichen Erfahrungen der Kolumbianer zu neuer Gewalt führen können, auch in Friedenszeiten.

In den kolumbianischen Dörfern der Meta-Region hat die Zahl der Diebstähle und Schlägereien der Bewohner untereinander bereits zugenommen, Alba Mendivelso und ihre Kolleginnen sehen drei bis fünf Fälle von sexuellem Missbrauch pro Tag. Oder Fälle wie den jenes Mädchens, das zum Schwangerschaftstest kam, mit blauem Fleck am Hals und zitternd. Als der Test positiv ausfiel, zitterte es noch mehr, erzählte, dass sein Freund sie schlug, die Kinder schlug, dass er ihr das Handy weggenommen hatte, dass er ihr nicht erlaubte, das Dorf zu verlassen, obwohl sie eigentlich nur ein paar Wochen bleiben und dann zu ihren Eltern zurückkehren sollten.

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In der Straße des Dorfs El Piñal wimmelte es früher von Händlern - heute lebt hier niemand mehr.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Sie waren schon mehr als drei Monate im Ort. Die Helfer gaben dem Mädchen 50 000 Pesos und sprachen ihm Mut zu, bald mit dem Bus in die nächstgrößere Stadt zu fliehen. "Viele der Opfer müssen aber noch lernen, dass Gewalt nicht etwas ist, was Menschen natürlicherweise widerfährt", sagt Soledad Díaz, Koordinatorin von Ärzte der Welt in Kolumbien.

Daher ist es für die Landbevölkerung enorm wichtig, wenn in einem der wenigen Gerichtsverfahren Guerilleros oder Paramilitärs zu Haftstrafen verurteilt werden. Zwei Anführer der Farc etwa wurden zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt, für den Angriff auf das Dorf Puerto Lleras, den Alba Mendivelso als Kind miterleben musste.

Noch weiß niemand, ob tatsächlich Frieden einkehren wird. Am Vorabend haben Unbekannte Flugblätter in den Dörfern der Region verteilt. Abtrünnige Gruppen der Farc rufen dazu auf, sich dem Friedensabkommen zu verweigern. In einem Dorf nimmt ein Mann Alba Mendivelso kurz zur Seite. Er wird ihr berichten, dass seit ein paar Wochen paramilitärische Milizen jeden Sonntag durchs Dorf laufen. Die Angst geht wieder um in den Dörfern, der Frieden scheint plötzlich sehr fern zu sein. * Namen geändert

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung des European Journalism Centre über sein Global Health Journalism Grant Programme umgesetzt. Mitarbeit: Olga Guerrero

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