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Spuren der Gewalt:Auf den Spuren eines grausamen Bürgerkriegs

Susana Sánchez (Name geändert) konnte drei Jahre lang nicht in ihr Heimatdorf zurückkehren.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Nach 50 Jahren Terror und Gewalt in Kolumbien herrscht endlich Waffenstillstand. Unterwegs im Hinterland, wo die Wunden der Menschen langsam heilen.

Zwei lange Tage und eine Nacht verkriecht sich Alba Mendivelso unter dem Tisch im Wohnzimmer, mit ihren vier Geschwistern und ihrer Mutter. Der Vater hat noch zwei Matratzen über die Tischplatte gestülpt - zum Schutz vor den Gewehrkugeln und Bombensplittern. Es ist Juli, drückend heiß, eng und laut, die kleine Schwester brüllt, bis sie die Kräfte verlassen. Die Familie isst Reis und trinkt Zuckerwasser, bis ihr am zweiten Tag das Essen ausgeht, die Guerillakämpfer mit ihren Schnellfeuerwaffen stehen vor der Haustür, ein Militärflugzeug kreist über dem Dorf.

Der Vater José* muss neuen Reis besorgen, beschließt die Familie, doch wie an der Guerilla und den Soldaten vorbeikommen, die sich in dem kleinen Ort Puerto Lleras im Südwesten Kolumbiens erbittert bekämpfen? José mus es versuchen, die Familie hat Hunger und Durst. Es werden Stunden vergehen, bis der Vater endlich zurückkehrt, er wird Glück haben, noch dieses eine Mal.

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Alba Mendivelso (hinten links) und ihre vier Geschwister mussten als Kinder miterleben, wie abwechselnd FARC-Kämpfer oder paramilitärischen Milizen ihr Dorf terrorisierten.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Am nächsten Morgen laufen Soldaten von Tür zu Tür, sie haben von nun an im Dorf das Sagen. Alba Mendivelso klettert unter dem Tisch hervor, läuft durch die zerbombten Straßen, in einem halb ausgebrannten Hotel liegen eine Frau, ein Mann mit deren kleiner Tochter in einem der Zimmer, die verkohlten Füße ragen unter einem Bett hervor. Alba Mendivelso ist zwölf Jahre alt.

An diesem Morgen ist Alba Mendivelso in einem weißen Jeep in jene Dörfer gefahren

Zwei Wochen lang roch es im Dorf nach Tod, erinnert sie sich heute an jenen Sommer 1999, sie saugt unwillkürlich Atemluft ein, schließt die Augen, als könne sie den Gestank noch immer wahrnehmen. Alba Mendivelso ist heute 30 Jahre alt, eine hübsche Frau mit hohen Wangenknochen, langen Haaren und einem ansteckenden Lachen, das vergessen lässt, was sie erlebt hat, was ihre Nachbarn und unzählige andere Menschen ertragen mussten in diesem mehr als 50 Jahre währenden Bürgerkrieg in Kolumbien.

Spuren der Gewalt

In loser Folge berichtet die SZ, was Krieg, Terror und Folter mit Gesellschaft und Menschen machen. Alle Texte der Serie finden Sie hier ...

Ein Krieg, in dem das Militär die Guerilla bekämpfte, vor allem die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, kurz Farc. Auch die rechten Paramilitärs, oft von den Streitkräften unterstützt oder geduldet, lieferten sich erbitterte Gefechte mit den Guerilleros. Mehr als 220 000 Tote hat der Konflikt gekostet, mehr als sechs Millionen Menschen mussten ihre Häuser oder Wohnungen verlassen, viele Kolumbianer gerieten zwischen die Fronten und wurden dort überrannt. Erst seit Beginn der Friedensverhandlungen im Jahr 2011 können die Opfer des Kriegs zur Ruhe kommen, nach Jahren voller Angst, Terror und Trauer.

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Im Dorf El Piñal gerieten die Bewohner zwischen die Fronten. Hier bekämpften sich die FARC-Guerilla mit den kolumbianischen Streitkräften. Inzwischen sind über die Sandsäcke Baumwurzeln gewachsen.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Und fast scheint es, als hätten sie und andere Kolumbianer nur darauf gewartet, dass jemand sie nach ihren schrecklichen Erlebnissen befragt. Viele von ihnen reden hastig und lange, oft mehr für sich selbst als für den Zuhörer, als könnten sie sich so von ihren Erfahrungen lösen. Vor allem aber lachen sie. Sie lachen, wenn sie von ihrer Angst erzählen, sie lachen, wenn sie eigentlich weinen sollten, sie lachen, als könnten sie damit alle Dämonen der Vergangenheit vertreiben.

An diesem Morgen ist Alba Mendivelso in einem weißen Jeep in jene Dörfer gefahren, in denen sie gelebt und gearbeitet hat. Sie ist über ungeteerte Straßen voller Pfützen und durch roten Matsch gerast, in die Region Meta, südlich der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, hier wurde auch die entführte Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt einst gesichtet. Mendivelso arbeitet heute als Hilfskrankenschwester bei der internationalen Organisation Ärzte der Welt, sie fährt mit mobilen Einsatzteams aus Ärzten und Psychologen regelmäßig in die Gegend, um Menschen medizinisch zu versorgen und vor allem, um ihnen Mut zuzusprechen, ihnen Wege zu zeigen, sich nach Jahren des Terrors ein neues Leben aufzubauen. Ihre Arbeit zeigt, was an psychiatrischer Hilfe in den entlegenen Dörfern Kolumbiens bislang möglich ist, und was die Opfer des Bürgerkriegs eigentlich bräuchten. Wie ein traumatisiertes Volk heilen kann, können auch andere kriegsgeplagte Länder daraus lernen.

Mehr als zehn Prozent der Kolumbianer leiden an Depressionen oder Angststörungen, ergab eine Erhebung des Psychiaters Carlos Gómez Restrepo von der Universität Javeriana in Bogotá vor ein paar Monaten. Drei Prozent leiden an einem posttraumatischen Stress-Syndrom, fast drei Prozent haben versucht, sich das Leben zu nehmen.

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Das Einsatzteam von 'Ärzte der Welt' fährt regelmäßig in entlegene Dörfer, um die Menschen dort medizinisch zu versorgen.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Im kleinen Ort Costa Rica säumen gelbe, blaue, rote Häuser aus billigem Backstein und Wellblechdächern einen viereckigen Platz, auf dem Gehsteig sitzen zwei alte Männer schweigend auf roten Plastikstühlen, es ist sehr still und sehr heiß, in einem Laden baumelt die Kralle eines toten Adlers an einem Wollfaden von der Decke.

Susana Sánchez* betritt leichtfüßig das Geschäft, sie trägt ein sorgfältig gebügeltes weißes Polohemd, den dunkelblonden Zopf hat sie quer über den Kopf geflochten. Ihre weißen Zähne blitzen, ihre Augen ebenfalls, als sie in ihr Haus einlädt. Auf ihrem Esstisch aus Glas liegt eine offene Bibel, daneben drei Mangos, in der Kochecke tropft der Wasserhahn laut und eindringlich, woran sich aber niemand stört.

Susana Sánchez windet sich zunächst auf ihrem Stuhl, versteckt sich hinter einem strahlenden Lachen, bevor sie zu reden beginnt. Mit einer Psychologin von Ärzte der Welt habe sie lange gesprochen, erzählt die 34-Jährige schließlich. Dass sie stark sei und tapfer, habe die ihr gesagt, das wiederholt sie immer wieder, sie erzählt auch von dem Fußballturnier, das sie im vergangenen Jahr mit ihrer Frauenmannschaft gewonnen hat, der goldfarbene Pokal steht im Wohnzimmer. Den traumatisierten Menschen Mut zuzusprechen, sie ins Hier und Jetzt zurückzuholen, ist eines der großen Ziele der Psychologen.

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Paramilitärische Milizen zerschossen die edlen Gräber der Farc-Kämpfer mit Maschinenpistolen.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Ihre Vergangenheit hat die junge Frau in ein weißes Stück Stoff eingewickelt, das sie erst auf Nachfrage hervorholt. Als Susana Sánchez den Knoten im Tuch löst, kommen alte Fotos in Plastikhüllen hervor. Sie hat die Bilder lange nicht angesehen, die von ihrem Mann Lorenzo* zum Beispiel, schlank, großer Schnurrbart und Cowboyhut, er besaß fünf Hunde, jagte in seiner Freizeit gern Gürteltiere.

Oben in den Bergen besaßen sie eine Baracke aus Wellblech und Holz, die sie liebevoll Finca nannten, dort bestellten sie große Coca-Plantagen, verdienten mit der Produktion von Coca-Paste gutes Geld. Bis drei vermummte Gestalten an jenem Sommertag auftauchten und eine angeblich ausstehende Coca-Lieferung einforderten. Um zehn Uhr hörte Susana Sánchez die Schüsse, an jenem 22. August 2006. Die rechten Milizen hatten ihren Mann erschossen, den Leichnam nahmen sie einfach mit.

Kolumbien

Von dem Lärm aufgeschreckt, verbarg sich die junge Frau mit ihrem Sohn unter dem Herd ihrer Küche, gleich neben dem tropfenden Wasserhahn. Nachbarn warnten sie, dass die Milizen nach ihr suchten, sie beschloss, das Dorf sofort zu verlassen. Drei lange Jahre sollte sie nicht zurückkehren können, zu gefährlich war die Gegend für sie geworden. Dem fast dreijährigen Sohn sagte sie, dass der Vater nun im Himmel sei, wann er von dort zurückkäme, fragte das Kind, dann erst überfiel sie der Schmerz. Susana Sánchez fängt auch im Gespräch an zu weinen, springt auf, holt sich ein Handtuch, lacht, als sie sich das nasse Gesicht abwischt. Was ihr damals half? Einfach weiterzumachen, zu arbeiten, zu leben für ihren Sohn.

Sie tun, was sie können, die Psychologen und Ärzte, wenn sie in den Dörfern im Einsatz sind. Doch können sie die Orte höchstens zweimal im Jahr besuchen, zu viele Menschen warten auf Hilfe. Viele Dorfbewohner klagen zunächst über Rückenschmerzen oder Schlafstörungen, erst im Gespräch stellt sich heraus, dass die körperlichen Beschwerden nur Symptome ihrer verletzten Psyche sind. Denen, den es besonders schlecht geht, verschreibt die Psychologin Paola D'Vera Antidepressiva, per Telefon versucht sie ihre Patienten dann weiter zu begleiten.

"Viele Menschen müssen wieder lernen, soziale Beziehungen aufzubauen"

Als die 38-Jährige für Ärzte der Welt in den Dörfern zu arbeiten begann, fühlte sie sich zunächst wie gelähmt, sie nahm vor lauter Kummer im ersten Jahr zehn Kilogramm zu. Bis sie begriff, dass sie etwas tat, was für die Menschen ganz entscheidend war: "Wir hören ihnen zu, das ist enorm wichtig", sagt die Psychologin. In Costa Rica wie in anderen Dörfern haben sie Gruppentherapien organisiert. Um die Menschen nicht abzuschrecken, nennen sie die Treffen Workshops, dort können die Betroffenen über ihre Erlebnisse berichten, können ihre Erinnerungen zeichnen, für viele ist es das erste Mal. Dort merken die Teilnehmer plötzlich, dass andere Ähnliches erlebt haben, dass ihre Sorgen und Ängste völlig normal sind. Gemeinsam können sie sich an die Opfer erinnern, in einem Dorf haben die Bewohner auf einer Brücke eine Gedenktafel angebracht, unweit von Einschusslöchern.

In ihren Workshops redet Paola D'Vera viel darüber, was einen Menschen stark macht, was eine Dorfgemeinschaft zusammenwachsen lässt. Jahrelang nämlich traute keiner dem anderen, nicht dem Nachbarn, nicht der Polizei, dem Militär oder den Politikern schon gar nicht. "Viele Menschen müssen erst wieder lernen, soziale Beziehungen aufzubauen, Vertrauen zu fassen, nach einem so lang andauernden Konflikt", erklärt die Gesellschaftswissenschaftlerin Elisabeth Rohr von der Universität Frankfurt, die nach dem Bürgerkrieg in Guatemala Sozialarbeiter, Therapeuten und Opfer in vielen Projekten wissenschaftlich begleitet hat.

Marco Suárez* zum Beispiel hat inzwischen 30 Hektar Land mit Kaffee und Kakao in der Nähe des Dorfs Santo Domingo bepflanzt. Gerade haben sie auch mit dem Anbau von Bananen begonnen, berichtet der 28-jährige Mann, er hat Narben im Gesicht und raue Hände. Einen Verein hat er gegründet, vor zwei Jahren schon, für die Opfer des bewaffneten Konflikts, die nicht länger Opfer sein wollen, die miteinander Projekte entwickeln wollen. Vor allem das können Paola D'Vera und ihre Kolleginnen den Dorfbewohnern auch mitgeben: dass sie nicht mehr allein sind.

Die Menschen müssen erst wieder lernen, Vertrauen zu fassen

Jahrelang waren die Dörfer nämlich von der Welt abgeschnitten, die Landstraße in die nächste Stadt war lebensgefährlich, die Farc-Guerilla hielt Linienbusse an, zwang alle Passagiere auszusteigen, brannte dann die Fahrzeuge aus. Fast nie ließ sich in dieser Gegend ein Politiker blicken, die Bewohner waren der Willkür von Guerilla und paramilitärischen Milizen ausgeliefert. Bis heute muss das Einsatzteam von Ärzte der Welt manchmal acht Tage lang mit dem Kanu Flüsse hinabfahren, um überhaupt an seinen Zielort zu gelangen. Straßen gibt es oft nicht. Wer also in diesen Dörfern früher die Macht übernahm, musste den Staat nicht fürchten.

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Manche Menschen in der Region Meta konnten jahrelang ihre Dörfer nicht verlassen, weil sie befürchten mussten, auf den Landstraßen entführt oder erschossen zu werden.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Im Heimatort von Alba Mendivelso ging der Terror so weit, dass die Paramilitärs eines Tages alle Dorfbewohner am Sportplatz versammelten, schwarz vermummte Gestalten in Stiefeln umzingelten die Bewohner und lasen aus Listen Namen von Nachbarn, Freunden, Verwandten vor, die sie aus der Menge fischten und verschleppten. Wie böse Geister kehrten die Milizen alle paar Wochen in den Ort zurück, erschossen ein paar Dorfbewohner und entführten andere. Wann sie wieder kommen, wen sie mitnehmen würden, konnte niemand vorhersagen. "Wir waren ihnen völlig ausgeliefert", sagt Alba Mendivelso kopfschüttelnd, und ja, sie lacht.

Die Hilfskrankenschwester fand später im Dorf El Piñal Zuflucht. Auch dort hält das Einsatzteam mit dem Jeep an, Mendivelso läuft die Straße hinunter, in der sie einst wohnte, direkt über einer Bäckerei. "Se vende", zu verkaufen steht an einigen Gebäuden, viele Türen sind mit Vorhängeschlössern versehen, das obere Stockwerk eines Cafés ist ausgebrannt, in der Seitenwand klafft ein Loch. Die Vordächer aus Wellblech hängen schief herab, hier wohnt niemand mehr. Die Straße windet sich hinab zum Flussufer, fast meint man die Geister der Straßenhändler zu sehen, von denen es hier einst wimmelte. Aber längst gibt es hier nichts mehr zu kaufen, zu lange haben sich die Guerilla und das Militär auf beiden Seiten des Flusses bekämpft, viele Bewohner verließen den Ort, zogen in die nahe gelegenen Städte oder in die Elendsviertel von Bogotá.

Seit dem Friedensabkommen kehren die Bewohner nur langsam in ihre Dörfer zurück, noch misstrauen viele der Waffenruhe. "Der Prozess beginnt erst jetzt", sagt die Psychologin Mariluz González, die den Kolumbianern auch einen Ort bietet, um ihre Traumata zu verarbeiten, im Museum Casa de la Memoria, dem Haus der Erinnerung in Medellín. Elfenhaft blass, schmal und sehr konzentriert berichtet die Forscherin, dass sie Ursachen und Folgen des Konflikts analysieren möchte, die Erinnerung an das Geschehene sichtbar machen, Menschen sprechen lassen, die bisher ungehört blieben.

Selbst die Politiker kümmerten sich jahrelang nicht um die Opfer

Ähnlich wie das Team von Ärzte der Welt in den Dörfern rekonstruiert die Psychologin Mariluz González in Medellín die Erinnerungen der Menschen, sammelt sie, ordnet sie ein, gießt sie in Kunst, um die Gefühle der Betroffenen für die Besucher des Museums erfahrbar zu machen. Noch wissen Kolumbianer in den Großstädten zu wenig darüber, was auf dem Land geschehen ist. "Leider glauben viele meiner Freunde, dass der bewaffnete Konflikt sie nichts angehe, dass der weit entfernt sei", berichtet Paola D'Vera von Ärzte der Welt.

Selbst kolumbianische Politiker befassten sich lange nicht mit den Opfern. Unter dem Präsidenten Álvaro Uribe wurde 2005 sogar ein Gesetz zur Entwaffnung der Guerilla und der paramilitärischen Milizen erlassen, das die Opfer weitgehend ignorierte. Aktivisten mussten erst vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen, damit die Opfer im Gesetz erwähnt wurden.

Inzwischen sind Menschen wie Elisa Gómez* aus dem Dorf Santo Domingo als Opfer des Konflikts anerkannt, sie soll daher für jedes tote Familienmitglied einmalig eine Entschädigung erhalten, davon hat die 42-Jährige allerdings bis heute nichts gesehen. Die schwarzen Haare hochgesteckt, das Gesicht sorgfältig geschminkt, legt sie ihren großen Sonnenhut aus Stroh auf einen Tisch, sie müsse kurz nachdenken, sagt Elisa Gómez lächelnd, hat sie doch in ihrem Leben so viele Mitglieder ihrer Familie verloren, dass sie mit den Jahreszahlen und Namen durcheinander- kommt. Zwei Brüder, zwei Schwäger, ihr Ex-Mann, ihr Neffe wurden von der Guerilla und den Paramilitärs umgebracht. Sie stockt, fragt sich, ob sie noch jemanden vergessen hat. Nervös reibt sie sich die Stirn, sie lacht und weint jetzt im Wechsel. Einer ihrer Brüder verschwand vor 20 Jahren, sie weiß bis heute nicht, was mit ihm geschah.

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Elisa Gómez (Name geändert) hat soviele Menschen aus ihrer Familie verloren, dass sie mit den Namen und Sterbedaten durcheinander kommt.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Sie wird erst Frieden finden, wenn sie erfährt, was geschehen ist. "Das ist enorm wichtig für die Trauerarbeit", sagt die Psychologin Mariluz González aus Medellín. Darum wird sie in den nächsten Monaten mit weiteren Forschergruppen in verschiedene Gegenden des Landes fahren, recherchieren, was dort geschehen ist. Rechtsmediziner heben derzeit Massengräber aus, versuchen, die menschlichen Überreste den Verschwundenen zuzuordnen. Bald sollen sie im ganzen Land Gräber öffnen.

Zu Zeiten des Konflikts war ein Leben rasch vertan, wenn jemand dem Nachbarn ein Huhn gestohlen hatte, brachte der ihn dafür um. Dass sich Konflikte auch anders lösen lassen, Aggression nicht automatisch in Gewalt münden muss, haben viele Kolumbianer nie lernen dürfen. "Die Zahl der Gewalttaten und Missbrauchsfälle wird stark ansteigen", sagt die Forscherin Rohr. Dort seien nach Ende des bewaffneten Konflikts mehr Menschen gestorben als während der Auseinandersetzungen, sagt Rohr. Schon im Herbst 2016 warnte das Internationale Rote Kreuz, dass die schrecklichen Erfahrungen der Kolumbianer zu neuer Gewalt führen können, auch in Friedenszeiten.

In den kolumbianischen Dörfern der Meta-Region hat die Zahl der Diebstähle und Schlägereien der Bewohner untereinander bereits zugenommen, Alba Mendivelso und ihre Kolleginnen sehen drei bis fünf Fälle von sexuellem Missbrauch pro Tag. Oder Fälle wie den jenes Mädchens, das zum Schwangerschaftstest kam, mit blauem Fleck am Hals und zitternd. Als der Test positiv ausfiel, zitterte es noch mehr, erzählte, dass sein Freund sie schlug, die Kinder schlug, dass er ihr das Handy weggenommen hatte, dass er ihr nicht erlaubte, das Dorf zu verlassen, obwohl sie eigentlich nur ein paar Wochen bleiben und dann zu ihren Eltern zurückkehren sollten.

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In der Straße des Dorfs El Piñal wimmelte es früher von Händlern - heute lebt hier niemand mehr.

(Foto: Jorge Panchoaga)

Sie waren schon mehr als drei Monate im Ort. Die Helfer gaben dem Mädchen 50 000 Pesos und sprachen ihm Mut zu, bald mit dem Bus in die nächstgrößere Stadt zu fliehen. "Viele der Opfer müssen aber noch lernen, dass Gewalt nicht etwas ist, was Menschen natürlicherweise widerfährt", sagt Soledad Díaz, Koordinatorin von Ärzte der Welt in Kolumbien.

Daher ist es für die Landbevölkerung enorm wichtig, wenn in einem der wenigen Gerichtsverfahren Guerilleros oder Paramilitärs zu Haftstrafen verurteilt werden. Zwei Anführer der Farc etwa wurden zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt, für den Angriff auf das Dorf Puerto Lleras, den Alba Mendivelso als Kind miterleben musste.

Noch weiß niemand, ob tatsächlich Frieden einkehren wird. Am Vorabend haben Unbekannte Flugblätter in den Dörfern der Region verteilt. Abtrünnige Gruppen der Farc rufen dazu auf, sich dem Friedensabkommen zu verweigern. In einem Dorf nimmt ein Mann Alba Mendivelso kurz zur Seite. Er wird ihr berichten, dass seit ein paar Wochen paramilitärische Milizen jeden Sonntag durchs Dorf laufen. Die Angst geht wieder um in den Dörfern, der Frieden scheint plötzlich sehr fern zu sein. * Namen geändert

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung des European Journalism Centre über sein Global Health Journalism Grant Programme umgesetzt. Mitarbeit: Olga Guerrero

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