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Sinn und Unsinn von Fasten:Ballaststoffe fürs Gehirn

Entschlacken ist medizinischer Nonsens, Hungerkuren können ungesund sein - Zeit, sich von den Mythen rund ums Fasten zu trennen!

Kanalarbeiter und Installateure haben in Deutschland einen nicht zu überschätzenden Einfluss. Anders ist kaum zu erklären, warum sich der Glaube daran, dass man seinen Körper "entschlacken" kann, so hartnäckig hält. Vernunftbegabte Erwachsene traktieren sich mit Einläufen, flößen sich grässliche Entschlackungstees, -säfte und andere Abführmittel ein und bereiten sich auch spirituell auf die große Leere vor.

Fastenkuren; iStockphotos

Säfte, Entschlackungstees, Mineralwasser: Die Wirkung dieser "Reinigung von innen" ist umstritten.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Nur: Was und wie entschlackt werden soll, bleibt unklar. Angeblich sind Schlacken lästige Abfallprodukte des Stoffwechsels, die sich im Körper ablagern und dort alles Übel dieser Welt hervorrufen können - von Übergewicht, Rheuma und etlichen Zivilisationsleiden bis hin zu Gicht. Das Konzept hat allerdings einen Schönheitsfehler: Was unter Entschlackung zu verstehen ist, kann niemand beantworten. Keinem Forscher ist es bisher gelungen, Schlacken im Körper oder im Labor nachzuweisen.

Abfluss frei!

"Der Glaube an die Entschlackung ist ein absolutes Steinzeitkonzept", sagt Martin Reincke, Leiter der Klinik für Innere Medizin der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Die einzige Entschlackung, die medizinisch zu empfehlen ist, müsste im Kopf stattfinden - das heißt, sich von dieser Vorstellung zu lösen." Wenn man als Internist in den Körper sehe, erblicke man ein wunderschönes, funktionsfähiges Verdauungssystem, "von Schlacken kann da keine Rede sein", sagt Reincke.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) teilt lapidar mit: "Im Stoffwechsel des Menschen fallen keine Schlackenstoffe an. Der Organismus scheidet Endprodukte des Stoffwechsels über Niere, Darm, Lunge oder Haut aus."

Die Propheten und Nutznießer von Entschlackungskuren stört das nicht. Die bildliche Vorstellung von der Entschlackung scheint so überzeugend zu sein, dass sich damit viel Geld verdienen lässt. Dabei sind weder Darm noch Blutgefäße wie Abwasserleitungen beschaffen, die sich durchpusten und reinigen lassen. Der Befehl "Abfluss frei!" mag im heimischen Badezimmer Wirkung zeigen, im Körper funktioniert er nicht.

Im Gegenteil: Der Darm beinhaltet Abermillionen von Zotten, die zur Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme lebensnotwendig sind. Zudem wird er von Milliarden Bakterien besiedelt, die für Nahrungsaufnahme und Verdauung unverzichtbar sind. Würden mittels rabiater Reinigung die Zotten und Keime entfernt, hätte das fatale Folgen.

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Ballaststoffe fürs Gehirn

Auch die Blutgefäße sind keine starren Rohre, die sich mit der Zeit wie eine Wasserleitung zusetzen und wieder blankgeputzt werden können. Blutgefäße sind elastisch, können sich weiten und zusammenziehen und so die Menge des Blutflusses regulieren.

Zwar können sich in den Blutgefäßen so genannte "Plaques" bilden. Aus abgestorbenen Blutzellen und Cholesterinkristallen formen sich Ablagerungen in den Gefäßen, die verkalken können. Doch auch sie sind nicht mit einem Entschlackungstee oder anderen "reinigenden" Maßnahmen zu entfernen.

Der Glaube an die körperliche Reinigung erhöht die Entschlackung zu einer quasi-religiösen Läuterung. Die Vorstellung, sich von schädlichem Ballast zu befreien und sich "von innen heraus" zu säubern, trägt dazu bei, wenn sich Menschen nach Entschlackungskuren besser fühlen. Diese seelische Zugabe ist auch beim Fasten wichtig, das seit Jahrhunderten in vielen Religionen gepflegt wird.

Wenn während des Fastens weiterhin wichtige Nahrungsbestandteile zugeführt werden, sind die Risiken gering. Totales Fasten kann jedoch gefährlich werden: Die Nieren sind dann stärker belastet; Nierensteine bilden sich schneller. Es kann leichter zu Kreislaufstörungen, Herzrhythmusstörungen und Schwindel kommen. Wer zuvor erhöhte Harnsäurewerte im Blut aufweist, kann durch Fasten einen Gichtanfall auslösen. Unterzuckerungen treten häufiger auf, die sich als Zittern, Schwitzen oder Unruhe zeigen.

Muskelkrämpfe, Sehstörungen und ein Hexenschuss sind bei komplettem Nahrungsentzug ebenfalls häufiger. Bei hohen Eiweißverlusten während der ersten Fastentage ist der Herzmuskel in Gefahr. Aus diesen Gründen kann totales Fasten nicht empfohlen werden. "Wenn zu lange gefastet wird oder Kinder, Kranke und Normalgewichtige fasten, kann der Angriff auf die Energiereserven gefährlich werden. Auch bei kurzzeitigem Fasten können Probleme auftreten", warnt die DGE.

Natürlich gibt es Menschen, die sich nach Fastenkuren leichter, reiner und befreiter fühlen. Das liegt dann eher an den Heilserwartungen, die Fastenfreunde hegen, womöglich auch an Kreislaufstörungen und Schwindelgefühlen. Eine zeitweise eingeschränkte Gehirndurchblutung kann schon mal euphorische Gefühle auslösen. "Fasten ist aber nicht geeignet, um langfristig Gewicht zu verlieren", sagt Internist und Ernährungsexperte Reincke. "Es hat sogar einen ungünstigen Effekt, denn die starke Gegenregulation des Körpers führt dazu, dass die Kilos schneller wieder drauf sind."