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Sexuelle Gesundheit von Jugendlichen:Abgeklärt, nicht aufgeklärt

Wie aufgeklärt sind Jugendliche wirklich? Auf dem SZ-Gesundheitsforum diskutierten Experten über die sexuelle Gesundheit von Teenagern.

(Foto: SZ-Illustration / Burgarth)

Kaum ein junger Mensch stolpert heute völlig ahnungslos in seine erste Liebe. Doch hinter der coolen Fassade der Teenager verbergen sich bisweilen Intoleranz und Wissenslücken.

Wie die Sache zwischen Mann und Frau funktioniert, steht heute schon im Stundenplan von Grundschülern; zur Primetime flimmert Werbung für Liebesspielzeug in deutsche Wohnzimmer und wer sich durchs Internet klickt, gelangt leichter als gedacht vom putzigen Katzenvideo zu Sexszenen in drastischer Deutlichkeit. Was macht das mit der Jugend? Ist sie endlich so aufgeklärt und frei, wie es sich Generationen vor ihr gewünscht haben oder doch nur überfordert? Die Antworten, die die Experten auf dem SZ-Gesundheitsforum zur sexuellen Gesundheit von Jugendlichen gaben, waren so vielseitig wie die Lust selbst.

Mädchen reifen heute viel schneller heran. Gerade noch haben sie ihre Barbie untersucht, da entdecken sie zunehmende Wölbungen am eigenen Leib. Im Schnitt erleben sie ihre erste Menstruation mit 12,7 Jahren - drei Jahre früher als noch 100 Jahre zuvor. Und doch begegnen Gynäkologen wie Sabine Anthuber in der Regel keinen verunsicherten Kindern in Frauenkörpern, sondern jungen Menschen, die wissen, was sie wollen. "Mädchen kommen heute viel aufgeklärter in die Praxen", sagt die Oberärztin. Doch mit der modernen Aufgeklärtheit kommen neue Probleme. Mädchen schauen ihre Rundungen kritischer an, vergleichen sie mit dem, was Werbung und Medien als Norm vorgeben. Sind die Brüste zu unregelmäßig? Sehe ich auch unter den Dessous noch makellos aus? Solche Sorgen nehmen zu und münden nicht selten in den Wunsch, operativ in eine Einheitsform gebracht zu werden. Einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) zufolge lehnt nur die Hälfte aller Mädchen eine Schönheitsoperation entschieden ab. Eine Aufgabe der Gynäkologen ist deshalb, so Anthuber: "Wir müssen über Normvarianten aufklären."

Dass Menschen auch in ihren intimsten Bereichen und Erfahrungen sehr vielfältig sind, hat Stefan Zippel bereits 100 000 Jugendlichen aus dem Münchner Raum erklärt - und wird es noch oft tun müssen. Der Psychologe hat regelmäßig einen Hörsaal voller Schüler vor sich, drei Stunden lang erklärt er ihnen, wie es mit der Liebe klappt. Dabei beobachtet er immer wieder: "Jugendliche geben sich in Sachen Sex oft bestens informiert - allein damit ihre Unwissenheit nicht offenkundig wird."

Die erste Menstruation mit zwölf Jahren: Mädchen reifen heute früher heran

So sind zwar die Zeiten vorbei, in denen allein schon das Wort Kondom nervöses Kichern auslöst. 95 Prozent der Jungs haben einer BzGA-Erhebung zufolge mindestens einmal Erfahrungen mit Präservativen gemacht. Zugleich bekannten die Jungs allerdings, dass sie die Kondome beim Sex eher als störend empfanden und bewerten sie als nur befriedigend. Wenn man genauer nach den Ursachen fragt, zeigt sich, dass Probleme in der Handhabung dahinterstecken, die letztlich auf mangelnder Aufklärung und Übung beruhen. Und auch diese Zahl lässt aufhorchen: 40 Prozent der Mädchen und 32 Prozent der Jungen haben Informationsdefizite, was sexuell übertragbare Krankheiten angeht.

Das ist umso bedenklicher, da die einstigen Lustseuchen längst nicht passé sind, im Gegenteil. "Sexuell übertragbare Krankheiten nehmen zu", warnt Thomas Ruzicka, Direktor der dermatologischen Klinik der LMU. Die Syphilis, die in Deutschland fast schon ausgerottet war, ist wieder auf dem Vormarsch. Allein zwischen 2009 und 2012 hat sich die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen fast verdoppelt - auf mehr als 4000 pro Jahr. Unbehandelt kann die Erkrankung langfristig das zentrale Nervensystem schädigen und im Extremfall zu Demenz, Lähmung oder Erblindung führen. Auch bei der Gonorrhoe und den Chlamydien gehen Experten von einer Zunahme der Fallzahlen aus. Beide sind keine Bagatellerkrankungen; sie können bei Männern und Frauen zu Unfruchtbarkeit führen. "Ein weiteres Problem ist, dass sexuell übertragbare Krankheiten einer HIV-Infektion den Weg bahnen können", erläutert Ruzicka. Bakterielle Geschlechtskrankheiten, zu denen Syphilis, Gonorrhoe und Chlamydien gehören, steigern das HIV-Ansteckungsrisiko um das Fünf- bis Zehnfache.

Neben Unkenntnis erlebt Zippel in seinen Aufklärungsvorlesungen bisweilen auch Verhaltensweisen, die aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheinen. So tollkühne Sprüche die jungen Menschen in der Gruppe abgeben, so schweigsam sind sie, wenn in der Zweierbeziehung das Thema Sex aufkommt. Teils fehlen ihnen die Worte für die sehr privaten Regungen, zum Teil offenbaren sie alte Rollenmuster. Mädchen sitzen noch immer der romantischen Vorstellung auf, ein liebender Partner müsste doch wissen, was sie brauchen. Jungs finden das Reden verunsichernd oder uncool und sehen Sex als etwas an, bei dem es zu bestehen gilt. Dass Liebe auch ein Spiel ist, dass verschiedene Rhythmen und Rollen kennt, das sich Bedürfnisse verändern können, schlicht, dass die Liebe weit vielfältiger ist als der prompte Vollzug des Aktes, ist den meisten jungen Menschen eher nicht klar.

Geduld, Akzeptanz und gute Vorbilder

Das mag auf den ersten Blick als Luxusproblem erscheinen, das sich mit Glück von allein auswächst, doch solche stereotypen Rollenmuster können Toleranz verhindern. Wenn die Vorstellungen, wie ein Mann im Bett zu sein hat, unverrückbar einseitig sind, wird es schwer, Homosexualität zu akzeptieren. Zippel: "Wer in einer Schulklasse über Schwulsein redet, der merkt schnell, welche aggressive Abwehr gerade bei Jungen vorhanden ist." Nach einer Erhebung aus dem Jahr 2013 wurden innerhalb eines Jahres zwei Drittel der jungen Schwulen Opfer von Aggressionen, sieben Prozent erleben physische Gewalt.

Die Jugendlichen können unter solcher Ablehnung schwer leiden, erlebt Cora Neuhaus in ihrem Alltag als Kinder- und Jugendpsychiaterin. Ob es um homosexuelle Neigungen oder sexuelle Orientierungsprobleme geht: Heranwachsende brauchen Verständnis, Raum und Zeit, um die eigene Rolle zu finden. Das fängt bei der Geschlechtsidentitätsstörung im Kindesalter an. Es gibt Kinder, die sehr konsequent Kleider, Spiele und Verhaltensweisen des anderen Geschlechts annehmen und ganz offensichtlich im falschen Körper zu stecken scheinen. Und doch mündet dieses Verhalten nur in maximal 20 Prozent aller Fälle in die Transsexualität, warnt Neuhaus.

Eltern sollten die Kinder daher nicht vorschnell auf eine Rolle festlegen oder gar früh mit einer Hormonbehandlung beginnen. Auch Jugendliche, die sich nicht sicher sind, zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen oder welchem sie sich zugehörig fühlen, brauchen Geduld und Akzeptanz aus ihrem Umfeld, genau wie jene, die ihr eigenes Geschlecht rigoros ablehnen. Ansonsten können sie in schwere, mitunter suizidale Krisen stürzen. "Lehnt die Familie das Anderssein ab, bleibt uns manchmal nur, den Jugendlichen in einer passenden betreuten Wohngemeinschaft unterzubringen", sagt Neuhaus. Um mehr Akzeptanz von sexueller Vielfalt zu erreichen, sind auch Schulen gefragt, sagt Zippel. Es hilft, wenn Lehrer als Vorbild fungieren, jede Art von Mobbing klar abgelehnt wird und Heranwachsende die Gelegenheit haben, Menschen mit anderen Lebensweisen persönlich kennenzulernen. Die Eltern sind dagegen nicht immer die beliebtesten Ratgeber. Denn zum Erwachsenwerden gehört auch, sich von Vater und Mutter abzugrenzen. In diesem Punkt sind mitunter auch die Eltern nicht ausreichend aufgeklärt.

Eine Linkliste mit hilfreichen Adressen finden Jugendliche unter: sz.de/aufklaerung

Die Experten des Gesundheitsforums:

  • Dr. Sabine Anthuber, Oberärztin, Klinikum Starnberg
  • Dr. Cora Neuhaus, Oberärztin, Heckscher-Klinikum, München
  • Professor Dr. Thomas Ruzicka, Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig-Maximilians-Universität, München
  • Diplom-Psychologe Dr. Stefan Zippel, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig-Maximilians-Universität, München