Schwangerschaft:Startschuss für die Geburt

Die Geburt eines Babys ist für Wissenschaftler noch immer ein Rätsel. Bislang ist unklar, welcher Mechanismus das Kommando gibt, die Wehen einzuleiten. Eine neue Studie legt nun nahe: Offenbar gibt das Kind das Signal.

Von Kathrin Zinkant

Die menschliche Geburt gilt als großes Wunder. In erster Linie ist sie aber ein großes Rätsel. Unklar ist vor allem, welche Signale den Vorgang auslösen. Der Zeitpunkt der Niederkunft entzieht sich deshalb hartnäckig jeder Vorhersage. Sicher ist nur, dass Entzündungsprozesse der Frau in der frühen Geburtsphase eine Rolle spielen. Aber sind sie auch das erste Kommando? Ein Geburtsmediziner aus Boston will erkannt haben, dass das Kind selbst die entscheidenden Befehle an die Mutter vermittelt. Und zwar mit frei schwimmender DNA, die aus dem kindlichen Plazentagewebe in den Kreislauf der Mutter übertritt (NEJM, Bd. 370, S. 2535, 2014).

Dass Erbgutstückchen des Ungeborenen im Blut der Schwangeren zirkulieren, ist lange bekannt. Nachweisen lassen sie sich bereits in der vierten Woche. Zum Ende der Schwangerschaft hin nimmt ihre Konzentration dann dramatisch zu. Bislang allerdings hat dieses Phänomen eher das Interesse von Pränatalmedizinern geweckt: Die kindlichen Spuren im Mutterblut ermöglichen eine frühe, einfache Diagnostik von Chromosomenfehlern während der Schwangerschaft. So gesehen ist Babys DNA zwar Abfall, aber wenigstens nützlicher.

Mark Phillippe vom Massachusetts General Hospital glaubt jedoch, dass die ausgewanderten Biomoleküle zu allererst einem wichtigen Eigeninteresse des Kindes dienen: auf die Welt zu kommen, wenn es an der Zeit ist. Je höher die Konzentration der fetalen DNA im mütterlichen Kreislauf, desto früher geht es los.

Nicht immer kommt der Befehl dabei im idealen Moment. In Frühgebärenden fand man bis zu doppelt so hohe Mengen von fetalem Erbgut im Blut wie sonst üblich. Auch in Zwillingsschwangerschaften ist der Pegel der Baby-DNA erhöht. Entsprechend früh kommen auch diese Babys meist zur Welt.

Dennoch erscheint der Zusammenhang eindeutig. Auch wie die DNA ihr Signal genau vermittelt, meint Phillippe zu wissen: Demnach wirkt die kindliche DNA nur in Anwesenheit eines bestimmten Rezeptors auf Immunzellen. Einmal aktiviert, löst er eine entzündliche Reaktion aus, die als erste Phase der Geburt alle weiteren Schritte bis hin zu den Wehen einleitet - so, wie vermutet. Sollte sich die Hypothese bestätigen, wäre nicht nur ein Rätsel gelöst. Frühgeburten machen neun Prozent der Entbindungen aus und sind für fast 80 Prozent der geburtsbedingten Sterblichkeit verantwortlich.

© SZ vom 27.06.2014
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB