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Coronavirus:Schule mit Risiko

Coronavirus - Münster

Wann jüngere Kinder zurück in die Schule dürfen, ist in vielen Bundesländern noch unklar.

(Foto: dpa)

Experten gehen von steigenden Infektionszahlen aus, wenn der Unterricht losgeht. Strenge Maßnahmen könnten das Schlimmste verhindern.

Es wird sicher Herzklopfen geben an diesem Montag, wenn die ersten bayerischen Schüler wieder ihre Klassenräume betreten, wenn sie lang vermisste Freunde sehen, Lehrer begrüßen und die Abschlussprüfungen in greifbare Nähe rücken. Und vermutlich werden die partiellen Schulöffnungen auch den Puls derer beschleunigen, die verfolgen, was dieser Schritt für die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie bedeutet. Werden die Infektionszahlen rasch wieder steigen? War es überhaupt hilfreich, dass in ganz Deutschland Kinderzimmer zu Schulstuben und Eltern zu Hilfslehrern wurden?

Mit Sicherheit kann dies momentan niemand sagen. Wer in der wissenschaftlichen Literatur nach Erkenntnissen sucht, muss auf die Erfahrungen aus anderen Epidemien und auf Modellierungen zurückgreifen. Sie deuten darauf hin, dass die Zahl der neuen Infektionen wieder zunehmen wird, sobald die Schulen öffnen. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) rechnet im aktuellen Epidemiologischen Bulletin bereits damit, dass mit den offenen Klassenzimmern und weiteren Lockerungen die Infektionsrate ansteigt. Ebenso äußert sich eine Arbeitsgruppe der Pettenkofer School of Public Health an der Münchner LMU in einer Stellungnahme für Gesundheits- und Bildungspolitiker.

Bei kleinen Kindern könnten Masken mehr schaden als nützen

Wie stark sich das Infektionsgeschehen ändert, hängt in erster Linie von den Schutzmaßnahmen ab, die die Schulen ergreifen. Eva Rehfuess, Mitautorin der Stellungnahme, warnt: "Eine Öffnung ohne jegliche Auflagen würde schnell zu einem unkontrollierbaren Anstieg der Infektionen führen." Sie mahnt zu einem vorsichtigen Vorgehen. Es sollte zum einen darauf abzielen, die Schülergruppen klein und voneinander getrennt zu halten. Innerhalb dieser Gruppen sind strikte Hygienemaßnahmen und Abstand wichtig. "Es ist gut belegt, dass sich die Infektionsgefahr schon reduzieren lässt, wenn Menschen einen Meter Abstand voneinander wahren. Je größer die Distanz, umso besser ist der Schutz", sagt die Wissenschaftlerin. Auch Gesichtsmasken sind für größere Schüler eine wirksame Prävention. Bei jüngeren Kindern dagegen könnten sie unter Umständen mehr schaden als nützen. Wenn die kleinen Finger immerzu unter die Maske fahren, wenn die Jüngsten das Produkt achtlos abnehmen, herumliegen lassen und später wieder anziehen, steigt die Infektionsgefahr. Wichtig sei zudem, so Eva Rehfuess, Infektionen in Schulen rasch einzudämmen.

Und doch haben all die Empfehlungen eine große Unbekannte. Es ist noch nicht sicher, wie sehr Kinder und Jugendliche zum Infektionsgeschehen beitragen. Erste Studien lassen erwarten, dass sie sich in etwa gleichem Maße mit dem Coronavirus infizieren wie Erwachsene. Allerdings leiden sie seltener unter schweren Verläufen. Ein erster systematischer Überblicksartikel im Fachblatt Jama Pediatrics zeigte vor wenigen Tagen, dass die meisten infizierten Kinder - wenn überhaupt - eher milde Symptome entwickeln. Geht man von den 18 Studien aus, die die Wissenschaftler ausgewertet haben, müssen Kinder vor allem mit Fieber, Husten, Schnupfen und Abgeschlagenheit rechnen. Bei sehr kleinen Kindern traten auch häufiger Magen-Darm-Beschwerden auf. Doch verbreiten die jungen Infizierten das Virus auch?

Die italienischen Autoren schlussfolgern auf der Basis bisheriger Beobachtungen, dass auch Kinder eine potenzielle Infektionsgefahr darstellen. Auch das RKI geht davon aus, dass die jüngste Generation eine Rolle bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 spielt. Denn unabhängig von der Altersgruppe habe sich gezeigt, dass auch Menschen mit sehr milden oder gar keinen Symptomen das Coronavirus weitergeben können. Gleichzeitig sind diese Übertragungen schwerer zu erkennen und einzudämmen. Kleinere Kinder sind zudem nicht leicht zu Abstand und strenger Hygiene zu bewegen. Das bringt vor allem Lehrer in Gefahr. Etwa 15 bis 20 Prozent der Schulpädagogen in Deutschland sind älter als 60 Jahre. Sie haben damit ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe - ebenso wie ältere Menschen, die in Familien mit Schulkindern leben.

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Obwohl mittlerweile etwa 100 Länder ihre Kinder in die Zwangsferien geschickt haben, ist ebenfalls noch offen, wie hilfreich diese Maßnahme für die Eindämmung der Pandemie ist. Auch für diese Frage müssen Erkenntnisse aus vergangenen Krankheitswellen herangezogen werden. Sie deuten darauf hin, dass Schulschließungen, die gemeinsam mit anderen Schutzmaßnahmen ergriffen werden, sinnvoll sind, wie die Arbeit der Münchner Public-Health-Forscher ergibt. So lässt sich aus zurückliegenden Grippe-Ausbrüchen ableiten, dass die leeren Klassenzimmer die Kurve der Neuerkrankungen deutlich abflachen können.

Recht sicher ist jedoch, dass diese Entwicklung ihren Preis hat. Vor allem in sozial benachteiligten Familien können durch die Abwesenheit der Lehrer Bildungsdefizite entstehen. Bei manchen Kindern bricht mit der Schule zugleich eine wichtige soziale Stütze weg. Kann der Nachwuchs nicht ausreichend betreut werden, steigt das Risiko für Unfälle und ungesundes Verhalten. Psychischer Stress kann zunehmen. Deshalb dürfte die langsame Rückkehr in den Schulalltag für viele Familien zunächst eine Erleichterung sein. Ob die Schultore dauerhaft offen bleiben, ist derzeit noch nicht abzusehen. Das RKI schließt nicht aus, dass die Bildungseinrichtungen bei einem Anstieg der Infektionen wieder schließen müssen, legt sich aber nicht auf ein klares Kriterium für diesen Schritt fest.

© SZ vom 27.04.2020
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