Schönheitschirurgie:In manchen Implantaten wuchs etwas

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So kann sich die sogenannte Kapsel, die der menschliche Körper um das Kunststoffteil legt, verhärten und schmerzhaft entzünden. Oder das Silikonkissen kann einreißen: Uwe Fischer vom Brustzentrum Göttingen spricht vom "Linguini-Zeichen" und vom "Salatöl-Zeichen". Dahinter verbergen sich typische Muster auf Bildern, wenn ein Kernspintomograf verdächtige Implantate durchleuchtet. Ist die Hülle des Silikonkissens gerissen, liegen die Streifen auf den Aufnahmen kreuz und quer wie längliche Nudeln. Und geraten Körperflüssigkeiten in die Füllung des Implantats, dann sieht das auf dem Monitor wie verquirltes Essig und Öl aus. In beiden Fällen müssen die Implantate entfernt werden.

Womöglich kommt noch Ärger von ganz anderer Seite auf Patientinnen zu - aus dem Innern der Implantate. Auf dieses bislang noch wenig bekannte Problem weist der Plastische Chirurg Johannes Reinmüller von der Klinik am Sonnenberg in Wiesbaden hin. Auch er hatte es zunächst zufällig entdeckt: Vor zwölf Jahren entfernte er bei einer Patientin Implantate, deren Körpergewebe offenbar unter den Silikonkissen gelitten hatte. In ihrer Brust war ein deutlicher Gewebeschwund erkennbar. Sicherheitshalber hob Reinmüller das entfernte Implantat auf, so wie weitere, die er seither entnahm. Tatsächlich machte er eines Tages eine beunruhigende Entdeckung: In manchen Implantaten wuchs etwas. Eine erste Analyse ergab Hinweise auf Pilze. "Die Implantate sahen aus wie Schneekugeln", berichtet Reinmüller.

Der Arzt vermutet, dass dieses Wachstum schon im Körper der Patientinnen begann und die Bakterien oder Pilze nicht von außen in die Implantate eingedrungen sind. "Ich habe nur Implantate mit intakter Silikonhülle begutachtet", sagt er. Die Hüllen der Silikonkissen sind zwar für kleine Moleküle durchlässig, deren Durchmesser im Nanometer-Bereich liegt, aber nicht für Pilzsporen oder andere Keime. Keime oder Pilze aus Implantaten können deshalb nicht in den Körper der Patientinnen gelangen - wohl aber deren Gifte. Zugleich kann das Immunsystem die Pilze im Inneren des Implantats nicht erreichen und deshalb auch nicht unschädlich machen. "Womöglich sind solche Gifte die Ursache für das Auftreten des ALCL oder für die erhöhte Gefahr von Aborten bei Implantatträgerinnen, die diskutiert wird", sagt Reinmüller.

Inzwischen hat der Arzt etwa 300 Implantate von den unterschiedlichsten Herstellern gesammelt. Manche waren nur wenige Monate im Körper, wenn zum Beispiel die Patientin noch größere Implantate wünschte. In 29 der Medizinprodukte, also fast jedem zehnten, zeigten sich die bizarren Ausflockungen. Auf dem Kongress der DGPRÄC in Berlin zeigte Reinmüller eindrucksvolle Bilder davon. Er befürchtet, dass es irgendwo eine Sterilitäts-Lücke im System gibt - womöglich beim Silikonhersteller selbst. Fast alle internationalen Implantathersteller kaufen ihr Silikon bei nur zwei Firmen in Kalifornien ein.

"Dass innen im Gel etwas wächst, das ist etwas völlig Neues", warnt ein Mediziner

Die Hersteller und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte habe er längst angeschrieben, berichtet Reinmüller - ohne eine zufriedenstellende Reaktion erhalten zu haben. "Bakterielles Wachstum auf der Silikonhülle wird schon seit längerem diskutiert", sagt der Arzt. "Aber dass auch innen im Gel etwas wächst, ist etwas völlig Neues. Das muss dringend untersucht werden." Dass sich weder Hersteller noch Aufsichtsbehörden bisher für seine Funde interessiert haben, findet Reinmüller skandalös. "Das ist aber leider ein Trend in der so genannten Schönheitschirurgie", sagt er. "Die Frauen werden zur Beute beziehungsweise zu Opfern."

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