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Schmerztherapie:Warum die Behandlung frühzeitig beginnen sollte

Dabei sind sich die meisten Fachleute einig: Wenn Schmerzen anhalten, über Wochen und Monate, verselbständigen sie sich häufig und werden zu einer eigenständigen Krankheit. Die ursprünglichen, körperlichen Ursachen treten dann in den Hintergrund; die Schmerzen aber bleiben. "Diese chronischen Schmerzen sind keineswegs Einbildung", betont Hans Georg Kress. Die Patienten zeigten dauerhafte Veränderungen im Nervensystem. "Der Um- und Abbau von Neuronen führt zu Sensibilisierungsprozessen, die die Schwelle für jegliche Art von Schmerz mindern", so Kress.

Dies sei ein weiterer Grund, möglichst frühzeitig zu behandeln, zumal sich die Betroffenen mit der Zeit meist auch psychisch verändern. Wegen ihrer ständigen Schmerzen nehmen sie weniger am sozialen Leben teil, verlieren Freunde und Arbeit. "Der Einfluss chronischer Schmerzen auf die Lebensqualität ist größer als bei jeder anderen chronischen Krankheit inklusive Depression", betont Müller-Schwefe. Und Kress ergänzt: "Umso mehr brauchen wir eine Behandlung, die den ganzen Menschen umfasst."

Noch gibt es aber zu wenig Schmerzzentren oder Praxisverbünde, in denen die Betroffenen gemeinschaftlich von Schmerzärzten, Physiotherapeuten und Psychologen betreut werden. Heute werden viele Patienten von Fachärzten behandelt - Neurologen oder Orthopäden etwa -, die über ihr Fach hinaus oft nicht viel von Schmerztherapie verstehen. "Die Patienten werden nach dem Körperteil, das weh tut, eingeteilt", beklagt Sean McDougall von der britischen Patientenvereinigung Pain UK. "Der Rest des Menschen wird vergessen."

Die Fachleute fordern deshalb die Förderung interdisziplinärer Schmerzzentren. Doch dazu sei politischer Wille nötig, meint Müller-Schwefe. Einen Schritt zur Politisierung der chronischen Schmerzkrankheit hat die EFIC 2011 in Brüsselunternommen, wo sie eine Roadmap verabschiedete.

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