Scheinmedikamente Was im Nichts drin ist

Medikamente müssen ihre Wirkung im Vergleich mit Placebos beweisen. Doch die können die Ergebnisse klinischer Tests verfälschen, weil auch ihre Inhaltsstoffe den Organismus beeinflussen.

Von Katrin Blawat

Dass die Ergebnisse so gut ausfallen würden, damit hatte niemand gerechnet, als der amerikanische Krebsforscher Charles Loprinzi das Medikament Megestrolacetat testete. Die Arznei soll bei Brustkrebspatientinnen Metastasen bekämpfen und den Appetit steigern. Verglichen mit dem Scheinmedikament, das eine Kontrollgruppe erhielt, bewährte sich die Arznei in der Studie weit besser als gedacht.

Anregende Tabletten wirken besser, wenn sie rot, orange oder gelb sind; beruhigende Pillen hingegen sollten blau, grün oder violett sein. Von Spritzen erwarten Patienten mehr Linderung als von Tabletten. Das gilt auch für Scheinmedikamente.

(Foto: ddp)

Erst als Loprinzis Kollegen Genaueres über das Scheinmedikament oder Placebo wissen wollten, erkannten sie: Diese Tabletten, die per Definition ohne jeden Wirkstoff sein sollten, waren zum Teil für das positive Ergebnis verantwortlich gewesen. Das Scheinmedikament hatte nämlich im Wesentlichen Milchzucker enthalten - eine Substanz, die Krebspatienten nach Bestrahlungen oder Chemotherapie oft nicht vertragen. Weil also das Placebo den Patientinnen geschadet hatte, erschien der Nutzen des Megestrolacetats irreführenderweise als besonders groß.

Beispiele wie dieses führt die Medizinerin Beatrice Golomb von der University of California in San Diego an, um die geringe Sorgfalt zu kritisieren, die in klinischen Studien den Placebos gewidmet wird (Annals of Internal Medicine, Bd.153, S.532, 2010).

Zu selten legten Mediziner in ihren Publikationen offen, welche Substanzen das Placebo enthalte. Bestand in einer Studie die Scheinbehandlung aus einer Injektion, fanden Golomb und ihr Team nur in gut einem Viertel der untersuchten Veröffentlichungen den Hinweis, dass es sich bei dem gespritzten Placebo um eine Salzlösung gehandelt hatte.

Bekamen die Probanden das Scheinmedikament als Pille verabreicht, gaben die Studienautoren sogar nur in acht Prozent der Fälle die Zusammensetzung an. "Es ist ein schwerer Verstoß gegen den wissenschaftlichen Standard, die Inhaltsstoffe eines Placebos nicht zu benennen", schreiben Golomb und ihre Kollegen. Sie hatten 167 Veröffentlichungen über klinische Studien aus den Jahren 2008 und 2009 ausgewertet, die in den vier renommiertesten Fachzeitschriften erschienen waren.

Will man den Nutzen eines Medikamentes bewerten, braucht man das Placebo als Kontrolle. Denn nicht nur der Wirkstoff einer Arznei kann den Patienten heilen, sondern auch dessen Erwartung, dass ihm die Pille oder die Injektion Besserung verschaffen werde.

Kein Scheinmedikament ist völlig ohne Wirkstoff

Wie groß dieses Vorschuss-Vertrauen jeweils ist, können Forscher inzwischen sogar ziemlich genau vorhersagen: Anregende Tabletten wirken besser, wenn sie rot, orange oder gelb sind; beruhigende Pillen hingegen sollten blau, grün oder violett sein. Von Spritzen erwarten Patienten mehr Linderung als von Tabletten. Damit dieser Placeboeffekt nicht die Bewertung einer Arznei verzerrt, erhält eine Gruppe der Versuchspersonen ein Scheinmedikament.

Dabei wissen weder die beteiligten Wissenschaftler noch die Probanden, wer zu welcher Gruppe gehört. Das Placebo soll der zu testenden Arznei in Form, Farbe, Geschmack und Konsistenz gleichen - nur der Wirkstoff fehlt. Idealerweise zeigt sich dann im Vergleich beider Probanden-Gruppen, dass die Wirkung des Medikaments über den Placeboeffekt hinausgeht.

Ein Scheinmedikament völlig ohne Wirkstoff zu schaffen, sei jedoch unmöglich, sagt Golomb: "Genaugenommen kennen wir keine Substanz, die im Körper völlig inaktiv ist." Sogar wenn das Placebo nur aus Zucker besteht, kann es das Studienergebnis verfälschen, wie das Beispiel Megestrolacetat gezeigt hat.

Umgekehrt kann die ungeschickte Wahl eines Placebos auch dazu führen, dass die Wirkung eines Medikaments unterschätzt wird. Als Forscher in den 1970er-Jahren ein Cholesterin-senkendes Medikament testeten, setzten sie Olivenöl als Placebo ein. Das war eine unkluge Entscheidung, denn das Öl verbesserte die Blutfettwerte der Kontrollgruppe - und hatte damit einen ähnlichen Effekt wie das zu testende Medikament.

Rein technisch ist es nicht einfach, ein Placebo zu finden, das in allen Aspekten dem richtigen Medikament gleicht - und dennoch keine Auswirkung auf den Organismus hat.

Dies weiß auch Golomb und sagt: "Ziel ist nicht, das perfekte Scheinmedikament zu kreieren, sondern seine Zusammensetzung offenzulegen. Wer eine Studie liest, muss sich zumindest selbst ein Bild davon machen können, ob die Inhaltsstoffe des Placebos das Ergebnis der Studie beeinträchtigen könnten." Daher sollten in jeder Veröffentlichung die Inhaltsstoffe des Placebos genannt sein. Offizielle Richtlinien dazu gibt es bislang jedoch nicht.