Süddeutsche Zeitung

Corona-Vakzin:Schafft Vertrauen!

Impfstoffhersteller versenden Jubelmeldungen in knappen Pressestatments. Besser wäre es, sie würden ihre wissenschaftlichen Daten dazu offenlegen.

Kommentar von Hanno Charisius

Während der Pandemie ist es üblich geworden, dass Impfstoffentwickler ihre Erfolge per Pressemitteilung präsentierten - und nicht in Gestalt solider und von unabhängigen Wissenschaftlern begutachteter Studien. Selbst in normalen Zeiten ist das ein Unding. Mit einem globalen Seuchenzug im Nacken sollten die Hersteller umso verantwortungsbewusster agieren und ihre vollständigen Daten präsentieren, bevor sie Hoffnung schüren.

Am Montag gab es ein besonders verstörendes Beispiel für diese Praxis. Nachdem in den Vorwochen bereits die Impfstoffentwickler Biontech und Moderna vorläufige Resultate in Form von Presseaussendungen herausgegeben hatten, feierte nun auch das Unternehmen Astrazeneca in einer Mitteilung die bis zu 90-prozentige Wirksamkeit des Impfstoffkandidaten, den der Konzern zusammen mit Forscherinnen und Forschern der Oxford University entwickelt und derzeit in mehreren Ländern an Freiwilligen erprobt.

Niemandem ist geholfen, in der aktuellen Situation allzu viel Hoffnung in Impfstoffe zu legen

Die hohe Schutzwirkung stellte das Team allerdings nur in jener Gruppe fest, die versehentlich zunächst eine zu geringe Impfdosis erhalten hatte. Ein Unfall. In diesem Fall womöglich ein glücklicher. Denn in einer anderen Gruppe, in der die Probanden die beabsichtigte Menge bekamen, sank die Wirksamkeit auf fast 60 Prozent ab. Noch ist unklar, ob es eine biologische Erklärung hierfür gibt. Womöglich ist die hohe Wirksamkeit allein ein statistischer Effekt, der verschwindet, sobald man die Pannen-Impfung geplant an vielen Freiwilligen wiederholt. Und trotzdem gibt das Unternehmen eine Pressemitteilung heraus, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Vertrauen schafft man so nicht.

Vertrauen aber ist die Grundlage, wenn man möglichst viele Menschen dazu bewegen möchte, sich impfen zu lassen - falls irgendwann ein funktionierender und sicherer Impfstoff in hinreichenden Mengen zur Verfügung stehen sollte. Voreilige Pressemitteilungen mögen zwar dem Prestige eines Unternehmens etwas bringen, doch das Fundament des Vertrauens bröckelt.

Niemandem ist geholfen, in der aktuellen Situation allzu viel Hoffnung in Impfstoffe zu legen, die noch viele Fragen offen lassen. Den Optimismus zügeln - es ist gemein, dies ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit zu fordern. Doch es ist wichtig, dass jedem Menschen klar ist: Selbst wenn schnell eine Zulassung kommt, bleibt offen, wem welches Präparat wie viel nützt. Und es werden viele Monate vergehen, bis genug Menschen geimpft sind, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen.

Es geht jetzt also nicht darum, irgendwie durch die nächsten Wochen zu kommen, bis die Erlösung aus der Spritze naht. Notwendig sind langfristige Strategien für ein infektionsarmes Miteinander. Sie sind in der Weihnachtszeit nötiger denn je.

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