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Diagnostik:Bei Rückenschmerzen wird zu schnell geröntgt

  • Von fast 50 000 Menschen mit Rückenschmerzen werden jedes Jahr unnötigerweise Röntgenbilder angefertigt, ergibt eine Studie der Techniker-Krankenkasse.
  • Viele Aufnahmen entstehen schon in den ersten sechs Wochen, obwohl sich in dieser Zeit 90 Prozent der Schmerzen von allein legen.

Von Werner Bartens

Kritische Ärzte beklagen es seit Jahren, doch ändern tut sich gar nichts. Im Gegenteil. Immer mehr Patienten werden geröntgt, obwohl es medizinisch nicht sinnvoll ist und ihnen nichts nützt. Besonders die Aufnahmen bei Rückenschmerzen sind in vielen Fällen unnötig. Nach diversen unabhängigen Fachgesellschaften schlägt nun auch das Wissenschaftliche Institut der Techniker Krankenkasse (TK) Alarm. Demnach werden bei fast 50 000 Menschen in Deutschland jedes Jahr unnötigerweise Röntgenbilder vom Rücken angefertigt.

Die Experten hatten Abrechnungsdaten der Ärzte aus den Jahren 2010 bis 2012 ausgewertet und hatten dabei festgestellt, dass etwa jeder dritte Patient mit akuten Kreuzschmerzen innerhalb der ersten sechs Wochen geröntgt wird. Dabei wissen Ärzte, dass sich die Beschwerden innerhalb dieser Zeit bei mehr als 90 Prozent der Patienten von allein wieder zurückbilden, ohne weitere Diagnostik, ohne Therapie.

Zudem ist auf den Aufnahmen längst nicht alles zu sehen, was die Beschwerden verursachen kann. "Rückenschmerzen werden oft durch Probleme in den Muskeln ausgelöst. Das ist aber auf Röntgenbildern überhaupt nicht erkennbar", sagt Thomas Nolte von der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Viele Versicherte würden aber dennoch an den Bandscheiben operiert, wenn sich auf den Bildern Veränderungen zeigten. Die Patienten hätten danach aber oft weiterhin Beschwerden, da die Bandscheiben gar nicht die Ursache für die Schmerzen gewesen seien.

Orthopäden wie Rückenleidende erleben immer wieder, welch großer Unterschied zwischen Befinden und Befund besteht: Während bei manchen Patienten mit furchtbaren Schmerzen im Kreuz die Wirbelsäule im Röntgenbild oder auf der Kernspinaufnahme makellos erscheint, sind andere Menschen vollkommen beschwerdefrei, obwohl ihre Wirbelsäule etliche Auswölbungen, Engstellen und Abnutzungserscheinungen aufweist.

Das Bild vom Rücken sagt also nur wenig darüber aus, wie es den Menschen tatsächlich geht. Trotzdem wird es oft als Grundlage für langwierige Injektions-Behandlungen oder gar Operationen herangezogen. In unabhängigen Studien kommen Ärzte und Wissenschaftler zu dem Schluss, dass 70 bis 80 Prozent aller Röntgenbilder vom Rücken überflüssig sind und aufgrund der Strahlenbelastung mehr schaden als nutzen. Die Anzahl der Aufnahmen steigt dennoch weiterhin.

© SZ vom 08.04.2015

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