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Ausgangsbeschränkungen:Sorge vor der zweiten Ausbruchswelle

Einkaufen in Kassel

In den vergangenen Tagen waren wieder vermehrt Passanten unterwegs, wie hier auf der Oberen Königsstraße in Kassel.

(Foto: dpa)

Die Menschen bewegen sich freier, dabei ist die Gefahr durch das Coronavirus nicht gebannt, warnen Epidemiologen. Warum sogar strengere Maßnahmen nötig sein könnten.

Wer am Wochenende ein paar Strahlen Frühlingssonne erhaschen wollte, konnte in vielen Teilen Deutschlands zu dem Eindruck gelangen, dass das Coronavirus längst Geschichte ist, ein vergangener Spuk. Gruppen überall, auf den Gehwegen wurde kaum noch ausgewichen, im Supermarkt: oft Gedränge statt Sicherheitsabstand.

Angesichts solcher Szenen und der fortwährenden Debatten um mögliche Lockerungen der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen in Deutschland warnen Forscher vor verfrühtem Handeln. Viele sehen sogar den Zeitpunkt für strengere Seuchenkontrolle gekommen. Bereits vor Ostern erarbeiteten Wissenschaftler der Helmholtz-Gemeinschaft eine Stellungnahme, in der sie klar formulieren, dass strenge Beschränkungen eher zur Normalität führen können als frühzeitige Lockerungen, wie sie derzeit diskutiert werden.

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Die Argumentation dreht sich dabei um die sogenannte Reproduktionszahl, die beziffert, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Liegt der Wert über 1, breitet sich der Erreger aus. Um 1 herum ist es ein heikler Balanceakt mit dem Virus. Große Lockerungen kann es nicht geben, ohne eine explosionsartige Vermehrung zu riskieren. Fällt der Wert unter 1, verlangsamt sich der Seuchenzug. Vor einigen Wochen verortete das Robert-Koch-Institut diesen Wert in Deutschland noch zwischen 2 und 3. Vor dem Wochenende hieß es, die Reproduktionszahl betrage nun 0,7.

Halbwegs entspanntes Leben mit dem Virus oder Dauerangst vor einer drohenden Katastrophe?

Nur ein paar Tage später mahnte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag: "Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen", und schimpfte über "Öffnungsdiskussionsorgien" die auch von ihren Parteifreunden angezettelt wurden. Fest steht, dass der Wert nicht mehr so beruhigend niedrig liegt, sondern bereits wieder Richtung 1 klettert. Grund dafür ist nicht das vergangene Wochenende, dessen Wirkung wird sich erst in einer Woche in den Zahlen zeigen. Der Wiederanstieg der Reproduktionszahl dürfte eher mit vermehrten Reisen um das Osterwochenende zusammenhängen, vermutet Michael Meyer-Hermann, der die Abteilung "System-Immunologie" am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig leitet. "Bereits die vermeintliche Entspannung der Lage hat dazu geführt, dass sich die Menschen sorgloser bewegen."

Auf die zunehmende Furchtlosigkeit der Bevölkerung und die aktuelle politischen Diskussionen um Geschäfts- und Schulöffnungen blickt er mit Sorge. Er befürchtet, dass eine zweite Ausbruchswelle über Deutschland rollt, wenn die Kontaktbeschränkungen zu früh aufgehoben werden. "Der Spielraum, den wir uns durch die Einschränkungen in den zurückliegenden Wochen erarbeitet haben, wird kleiner", sagt Meyer-Hermann. Die Reproduktionszahl beziffert diesen Spielraum. Bereits kleine Schwankungen in der ersten Stelle hinter dem Komma entscheiden zwischen halbwegs entspanntem Leben mit dem Virus und einer Katastrophe, zu der es unweigerlich kommen würde, ließe man den Erreger sich wieder ungebremst ausbreiten.

Sinkt die Reproduktionszahl durch Kontaktbeschränkungen deutlich unter den Wert 1 Richtung null, müssten kleine Ausbrüche des Erregers nicht gleich wieder zu Verschärfungen der Maßnahmen für alle führen. Stattdessen könnte konsequentes Isolieren von Neuerkrankten und Quarantäne für die Kontaktpersonen genügen, um die Seuche in Schach zu halten und ein halbwegs normales Leben für die Allgemeinheit zu ermöglichen. Dass dies funktioniert, zeigte sich bei der ersten Ankunft von Sars-CoV-2 in Deutschland, Ende Januar, als der Erreger Mitarbeiter eines Autozulieferers bei München befallen hatte. Konsequentes Contact Tracing und Isolation der Infizierten brachte den Ausbruch in wenigen Wochen zum Stillstand.

"Auch Südkorea hat gezeigt, dass man die Geschäfte offen halten kann, ohne katastrophale Folgen", sagt Meyer-Hermann. Das gehe jedoch nur mit Maskenpflicht und striktem Contact Tracing, das in Südkorea auch mithilfe von Mobilfunkdaten bewerkstelligt wird. In einer E-Mail von seinem Lieblingsbuchladen mit der Ankündigung der Wiedereröffnung sei zwar von Mindestabständen die Rede gewesen, sagt der Physiker, "doch kein Hinweis auf Hygieneregeln oder Mundschutz".

Meyer-Hermann glaubt, dass mit einfacher Hygiene und Abstandsregel gepaart mit einer konsequenten Teststrategie und Fallverfolgung ein weitgehend normales Leben in Deutschland möglich wäre. Vorausgesetzt, die Zahl der täglich neu Infizierten sinkt weiter deutlich. "Diese Zahl ist die entscheidende Größe", sagt Meyer-Hermann. Sie müsse so klein sein, dass sämtliche Kontaktpersonen von jedem neuen Infizierten verfolgt werden können. "Meiner Meinung nach müsste die Zahl mindestens dreistellig sein, besser noch in einem niedrigen dreistelligen Bereich liegen."

Sinken die täglichen neuen Fallzahlen wirklich so weit, und werden dann alle Vorsichtsregeln eingehalten, gepaart mit akribischer Fallverfolgung, dann wäre eine Lockerung möglich, die viel eher der gewohnten Realität entspricht, als "dieser halbe Lockdown, in dem wir uns ja auch nach ein paar Lockerungen noch befinden", sagt Meyer-Hermann. Der Semi-Lockdown sei zudem für die Wirtschaft schädlicher als ein rigoroser Shutdown für vielleicht noch drei Wochen. Das zeigen historische Daten aus Städten, die während des Seuchenzugs der Spanischen Grippe 1918 zunächst das öffentliche Leben strikt einfroren. Sie erholten sich auch wirtschaftlich schneller als jene Gemeinden, die versuchten, das Virus mit milden Maßnahmen zu bremsen.

© SZ vom 22.04.2020

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