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Covid-19:Was die Reproduktionszahl aussagt

Coronavirus: Menschen an der Hamburger Alster während der Corona-Pandemie

Mehr Menschen, höhere Ansteckungsgefahr - wie hier an der Alster in Hamburg. Die Reproduktionszahl gibt darüber Auskunft.

(Foto: Getty Images)

Über die Reproduktionszahl R wird heftig diskutiert. Was sie bedeutet, gerät dabei oft aus dem Blick.

Das Gezerre um Zahlen ist seit Beginn der Corona-Krise politischer als kaum zuvor. An keiner Zahl wird das so deutlich wie an der Reproduktionszahl R. Vor Wochen empörte sich Ministerpräsident Armin Laschet im Fernsehen über "Meinungen", weil die Wissenschaft den R-Wert zum Maß der Dinge erhebe. Zuletzt fantasierte der stellvertretende FDP-Chef Wolfgang Kubicki, dass der vom Robert-Koch-Institut (RKI) berechnete Wert für R "ausgerechnet" dann steige, wenn Lockerungen diskutiert würden.

Wenn es doch so einfach wäre. Die so heftig politisierte Zahl ist trotz ihrer übersichtlichen Größe eben kein Resultat einer schlichten Rechenoperation. Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die auf den R-Wert einwirken können und deshalb seine Interpretation etwas komplexer gestalten, als manche es gern hätten. Und es gibt auch nicht nur eine einzige R-Zahl, sondern mindestens zwei.

Die erste ist die sogenannte Basisreproduktionszahl, die den ansteckenden Charakter einer Erkrankung eher generell beschreibt. Sie wird auch "R-Null" oder englisch "R nought" genannt und benennt die Zahl von Menschen, die ein Infizierter in einer nativen Bevölkerung durchschnittlich ansteckt, in der niemand zuvor infiziert und genesen oder geimpft wäre - und ohne dass man weitere Maßnahmen ergriffen hätte, um den Erreger zu stoppen. Beeinflusst wird R-Null zum Beispiel davon, auf welchem Weg, ab wann und wie leicht ein Erreger übertragen wird, wie viele Kontakte die Menschen in der betreffenden Bevölkerung haben und wie dicht sie zusammenleben.

Die mit Abstand größte bekannte Basisreproduktionszahl ist jene für Masern

Aus diesen Faktoren wird mit mathematischen Modellen ein Wert von R-Null berechnet, oder besser: ein Wertebereich, in dem R-Null für verschiedene Bevölkerungen und Regionen sehr wahrscheinlich liegt. Die mit Abstand größte bekannte Basisreproduktionszahl ist jene für Masern. Sie beträgt zwischen zwölf und 18 Menschen je Infiziertem. Das hat unter anderem damit zu tun, dass das Masernvirus lange als Aerosol in der Luft bleibt und deshalb sogar ohne persönliche Begegnungen über die Raumluft von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Die Masern breiten sich in ungeimpften Bevölkerungen deshalb fast immer rasant aus.

Das neue Coronavirus dagegen wird nach derzeitigem Kenntnisstand nicht als Aerosol, sondern via Tröpfchen übertragen, die nach dem Husten, Niesen, Sprechen oder Ausatmen bald zu Boden sinken. Die Basisreproduktionszahl liegt nach bisherigen Berechnungen auch deshalb deutlich niedriger als bei den Masern oder auch Mumps, man geht von etwa drei Ansteckungen je Infiziertem aus. Das heißt nicht, dass Sars-CoV-2 weniger gefährlich wäre als die sogenannten Kinderkrankheiten. Der Erreger breitet sich jedoch im Vergleich weniger rasch unter Menschen aus.

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In der Realität hat man es aber ohnehin nur selten mit der Basisreproduktionszahl zu tun. Stattdessen wird die effektive Reproduktionszahl berechnet und über die Zeit verfolgt. Sie spiegelt das sich verändernde Infektionsgeschehen auf Basis der verfügbaren Daten und der ergriffenen Maßnahmen wider. Mit anderen Worten: Sie beschreibt, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt, wenn Arbeitnehmer Home-Office machen, Kinder hauptsächlich zu Hause betreut werden und ein Teil der Bevölkerung schon erkrankt oder genesen ist. Doch wie viele Menschen wird ein Infizierter durchschnittlich anstecken, wenn Schulen den Unterricht wieder aufnehmen und Läden öffnen? Bleibt der Wert unter 1, reichen die Maßnahmen aus, um die Epidemie zu bremsen. Steigt der Wert wieder über 1, nimmt der Ausbruch erneut an Fahrt auf.

Bleibt die Reproduktionszahl unter 1, reichen die Maßnahmen aus, um die Epidemie zu bremsen

Auch diese Ziffer ist das Ergebnis von Modellierungen, auch hier ist das Ergebnis abhängig von der Rechenweise und wird in der Mitte eines Wahrscheinlichkeitsbereichs verortet. Und abermals beeinflussen regionale Besonderheiten wie die Bevölkerungsdichte den Wert. Im Fall der effektiven Reproduktionszahl spielt außerdem die Zahl der bereits vorhandenen Infektionen und die Zahl der Genesenen eine Rolle. Zusammengenommen können die Einflüsse und unterschiedlichen Rechenweisen dazu führen, dass die effektiven Reproduktionszahlen einzelner Bundesländer von dem Bundesdurchschnitt abweichen, den das Robert-Koch-Institut berechnet - wie zuletzt etwa in Bayern, das den R-Wert anders berechnet als das RKI.

Entscheidend für die Interpretation von R sind aber weniger die absoluten Werte, sondern ihr Trend - und das Bewusstsein, dass die registrierten Neuinfektionen von heute einen Zustand aus der Vergangenheit zeigen. So nehmen die neuen Infektionen in Deutschland zwar derzeit ab. Die vom RKI berechnete Reproduktionszahl ist jedoch zuletzt über mehrere Tage hinweg gestiegen, am Sonntag auf den Wert 1,13. Zwar heißt das nicht unbedingt, dass der reale Wert schon mehr als 1 beträgt. Aufgrund der nötigen Schätzungen reicht das sogenannte Prädiktionsintervall laut RKI von 0,94 bis 1,35. Der Wert von Montag lag mit 1,07 wieder etwas niedriger.

Der Trend der vergangenen Tage könnte dennoch zeigen, dass die versuchte Rückkehr zur Normalität den Erfolg im Kampf gegen das neue Virus bedroht. Den Beweis wird die Zahl der Neuinfektionen erbringen - wenn auch sie wieder steigt.

© SZ vom 12.05.2020/cat
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Text: Felix Hütten, Infografik: Sarah Unterhitzenberger

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