Reform der Organspende Meine Nieren, mein Hirn, mein Leben

Das Gesetz zur Neuregelung der Organspende ist ein gutes Gesetz. Doch es startet geschwächt, weil auf dem Weg zu seiner Verabschiedung viele Fehler gemacht worden. Um eine Entscheidung zu fällen, brauchen die Bürger nicht nur Wissen und Vernunft. Sie brauchen auch Zuversicht, Mut, Vertrauen. Doch gerade das Vertrauen wurde immer wieder unnötig beschädigt.

Von Charlotte Frank

Entscheidungen tun not, das gilt für die kleinen Entschlüsse des Alltags genau wie für die großen Weichenstellungen des Lebens: Jede Entscheidung ist immer nur der Anfang von etwas, und wohin sie einen am Ende tragen wird und wie sehr man die abgewählten Möglichkeiten hinterher bedauern wird, ist niemals absehbar. Je mehr man aber über die Konsequenzen unseres Entschlusses weiß, desto leichter fällt es zumindest, ihn zu treffen. Das Gesetz zur Neuregelung der Organspende, das die Abgeordneten des Deutschen Bundestags am Freitag beschlossen haben, ist deshalb ein gutes Gesetz: Es führt die Entscheidungslösung in Deutschland ein und setzt dabei auf Wissen, Verstand, Aufklärung. Auf dem Weg zu seiner Verabschiedung sind aber leider viele Fehler passiert. Das starke Gesetz startet damit unnötig geschwächt.

Der Bundestag hat sich mit großer Mehrheit für für die Reform der Organspende entschieden.

(Foto: ddp)

Die neue Regelung sieht vor, dass künftig alle erwachsenen Deutschen in regelmäßigen Abständen von ihrer Krankenkasse gefragt werden, ob sie zu einer Organspende bereit wären. Sie können dann mit Ja antworten oder mit Nein, sie können sich aber auch, das ist eine der Stärken des Gesetzes, gar nicht entscheiden. Bei der Abfrage allein wird es aber nicht bleiben. Die Kassen verschicken zusätzlich immer wieder Informationsmaterial, das die Bürger über die Organspende aufklären soll.

Der Bedarf an dieser Stelle ist groß: Es gibt wohl wenige Themen, die den Bürger so ratlos und voller Fragen mit seiner Entscheidung zurücklassen wie die Organspende: Könnte ein Organspende-Ausweis dazu führen, dass ein Arzt mich nicht rettet, weil er es auf meine Nieren abgesehen hat? Könnten Maschinen zu früh abgestellt werden? Bin ich wirklich tot, wenn ich hirntot bin? Menschlich gesehen sind diese Fragen nur allzu nachvollziehbar - intellektuell gesehen sind sie aber absurd.

Die Informationskampagne wird es nun leisten müssen, solche intellektuellen Absurditäten auf menschliche Art aus der Welt zu räumen. Denn um eine Entscheidung zu fällen, braucht es nicht nur Wissen und Vernunft. Es braucht auch Zuversicht, Mut, Vertrauen. Gerade das Vertrauen wurde aber in den Monaten vor Verabschiedung des Transplantationsgesetzes immer wieder unnötig beschädigt: Da erfuhren die Menschen erst, dass in der Deutschen Stiftung Organtransplantation, die für die Koordination aller Spenden zuständig ist, angeblich gutsherrenartige Zustände und Korruption herrschen - und sollten dann verstehen, warum das neue Gesetz ausgerechnet dieser Stiftung noch mehr Einfluss auf den Transplantationsprozess einräumen will, ohne dass die Vorwürfe vollständig aufgeklärt worden wären.

Da erhoben Politiker von Grünen und Linken nur einen Tag vor Verabschiedung des Gesetzes über die Medien datenschutzrechtliche Einwände, die ihnen im vorhergehenden zweijährigen Diskussionsprozess seltsamerweise nie eingefallen waren - und die nicht einmal der Bundesdatenschutzbeauftragte selbst für bedenklich hält, weil sich die Formulierungen genauso im Bundesdatenschutzgesetz oder im Zehnten Sozialgesetzbuch finden. Da zieht sich der Gesetzgebungsprozess erst über Monate zäh dahin, und dann wird fast im Überrumpelungstempo die Abstimmung angesetzt.

All das hat nicht verhindert, dass sich die Abgeordneten des Bundestags am Freitag in großer, parteiübergreifender Mehrheit für ein Ja zur Reform der Organspende entschieden haben. Das ist erst mal gut. Es hat aber Vertrauen gekostet in einem Feld, in dem alles Wissen ohne Vertrauen nichts nutzt. Das neue Gesetz für sich genommen wird also wenig bringen. Nun kommt es darauf an, dass alle Akteure zuverlässig daran mitwirken, die Unregelmäßigkeiten zu beseitigen und ein Netz aus Wissen und Vertrauen aufzubauen. Nicht, um den Bürger zu bedrängen. Sondern, um ihn immer wieder zu befähigen, zu ermutigen und zu bitten: Entscheide dich!

Transplantationen

Wie andere Länder an Spenderorgane kommen