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Public Health:Warum Gesundheit keine Privatsache ist

Dresden Plattenbausiedlung und Zigarettenautomat Copyright JOKER WalterxG xAllgoewer JOKER10060146

Etwas woran man sich kurioserweise seit Jahrzehnten gewöhnt hat: Automaten verkaufen Papierröllchen, gefüllt mit Giften.

(Foto: imago/JOKER)

Ob Schockfotos auf Zigarettenschachteln, Zuckersteuer oder Impfpflicht: Die Deutschen sind dagegen und kämpfen verbissen für ein Recht auf ungesundes Leben. Sie halten das für Freiheit - und irren kolossal.

Jede gute Idee braucht eine Geschichte: Diese hier beginnt im Londoner Nebel zur Mitte des 19. Jahrhunderts. In den verwinkelten Gassen Sohos wütet die Cholera, schauderhafte Durchfälle raffen innerhalb von zehn Tagen mehr als 500 Menschen dahin. Niemand kennt den Grund, man glaubt an "Dünste", die wabernd ihr Unheil verbreiten. Bis der Arzt John Snow beschließt, sich der Sache mit Vernunft zu nähern. Er sammelt akribisch Daten, zeichnet detaillierte Karten und hält schließlich allen Dünste-Gläubigen entgegen: "Man dürfte bemerken, dass die Todesfälle in der Nähe der Broad-Street-Wasserpumpe am zahlreichsten waren."

Tatsächlich war die Grube dieser Pumpe mit Fäkalien und Cholera-Bakterien kontaminiert. Snows Detektivarbeit gilt heute als ein Grundstein der Epidemiologie. Berühmt wurde der Arzt jedoch auch durch einen Akt der Beherztheit: Er sorgte persönlich dafür, dass der Pumpenschwengel abgeschraubt und damit alle vor dem verseuchten Wasser geschützt waren. Diese Haltung, die die Gesundheit der gesamten Bevölkerung in den Blick nimmt, hat heute einen Namen: Public Health.

In vielen Ländern der Welt ist Public Health eine etablierte Wissenschaft. In Deutschland aber kennen die meisten Menschen noch nicht einmal die Bezeichnung, geschweige denn die Idee dahinter: Dass Gesundheit eben nicht nur eine intime Angelegenheit zwischen Arzt und Patient ist, sondern weit aus den Praxen hinein in die Gesellschaft reicht. Dass sie alle etwas angeht. Das ist gerade in dieser lauten, zerrissenen Welt ein bestrickend schöner Gedanke: Gesundheit als Wert, auf den sich alle einigen können, als Recht, für das sich jeder einsetzt.

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Nur hat es dieser Gedanke in Deutschland sehr schwer. Würde sich John Snow heute in einer bundesdeutschen Broad Street dem Pumpenschwengel nähern, würde wahrscheinlich irgendjemand einen Shitstorm lostreten. Er wüsste vom Schwager eines Kumpels, den das Wasser gar nicht krank gemacht habe. Man würde die "Natürlichkeit" bedroht sehen und die Freiheit sowieso. Die Debatte würde in einen ausgiebigen Whataboutism abdrehen, jene rhetorische Kehre, die die Diskussion in lauter Sackgassen führt: Es geht um Trinkwasser, aber was ist mit den Alkoholikern, den Verkehrstoten, den Pestiziden auf dem Acker in Hinterhüpfingen? Wenn es ganz schlecht läuft, würde jemand das faulige Wasser zum Kulturgut erklären. Das klingt jetzt übertrieben?

In Bayern hat ein Wirt versucht, das Zigarettenqualmen als Kunstform zu etablieren, um das Rauchverbot in Gaststätten zu umgehen. Er erntete nicht wenig Sympathien für den Kalauer. Denn die meisten Deutschen halten es für eine Errungenschaft, sich ganz nach Lust die Lungen schwarz rauchen zu können, sich unbekümmert einen Leberschaden anzutrinken oder bewährte Impfungen zugunsten nebulöser Erklärungen ausschlagen zu dürfen, die den "Dünsten" aus dem 19. Jahrhundert in nichts nachstehen. Die Idee teilen im Kern selbst viele Menschen, die so gesund leben, wie es ihnen möglich ist.

Bedeutet es Freiheit, sich ein Papierröllchen mit 250 Giften in den Mund stecken zu dürfen?

Man kann es ihnen nicht verübeln. Seit Jahrzehnten wird Gesundheit in Deutschland zur Privatangelegenheit erklärt, in die sich niemand einzumischen habe. Schon gar nicht die Politik, für die es ihrerseits sehr bequem ist, Gesundheitsprobleme dahin zu schicken, wo sie herkamen: hinter die geschlossenen Türen der Krankenstuben und Arztzimmer. Dort wiederum verdienen die Mediziner umso besser, je kränker ihre Patienten sind. Und so verwendet man in Deutschland kollektiv sehr viel Energie darauf, für ein Recht auf ungesundes Leben zu fechten. Man hält das für Freiheit.

Nur mal nüchtern betrachtet: Welcher Mensch käme von sich aus auf die Idee, es bedeute Freiheit, sich ein Papierröllchen voll mit 250 Giften in den Mund zu stecken, um nur ein eklatantes Beispiel zu nennen. In der Realität zünden sich die meisten Raucher ihre Zigarette an, weil sie eben nicht frei, sondern abhängig von Nikotin sind. Diese alberne Idee der Freiheit ist nicht im Kopf des Rauchers entstanden, sondern in den Marketingabteilungen der Zigarettenindustrie: "Liberté toujours", der Marlboro-Mann in endloser Weite, die junge Frau, die mit der Flappe im Mund aus gesellschaftlichen Zwängen ausbricht, all das ist eine von Big Tobacco sorgfältig und mit viel Geld inszenierte Vorstellung, mit der die Branche ihre Kunden manipuliert.

Ähnlich treiben es viele Lebensmittelhersteller, wenn sie noch den künstlichsten Zuckerbrei mit Landlust-Romantik bewerben; alles ist Hof, Wiese, Berg und Tradition; klingt ja gut und gesund. Oder die Alkoholindustrie, die das Leben als einen großen Trinkspaß inszeniert. Ganz zu schweigen von Quacksalbern, die im Namen von "Sanftheit" aggressiv ihre nutzlosen bis gefährlichen Ideen verbreiten.

Viele Länder gehen sehr viel weiter als Deutschland - ohne dass die "Gesundheitsdiktatur" ausbricht

Und solche Manipulation ist nur ein Faktor in einem riesigen Geflecht aus Einflüssen, die auf die Gesundheit eines Menschen einwirken. Stellt man beispielsweise alle Faktoren zusammen, die zum Übergewicht beitragen, bekommt man ein schwindelerregendes Diagramm, das von den Genen über die Einrichtung von Supermärkten bis zur Verkehrsplanung und Straßenkriminalität reicht.

Der Einzelne ist inmitten dieses Netzes längst nicht so frei, wie gerne postuliert wird. Es ist daher naiv bis unaufrichtig, permanent an die Verantwortung des Individuums zu appellieren. Beweg dich halt mehr! Trink weniger! Public-Health-Forschung weiß längst, dass Verhaltensänderungen um so schlechter gelingen, je mehr Verantwortung dem Einzelnen aufgebürdet wird. Es ist daher nur folgerichtig, dass ihm auch die Politik hilft, Zwänge der Umgebung zu lockern. Das ist sehr angenehm, solange es um neue Parks und Radwege, schicke Sportangebote und freundliche Beratungen geht. Doch manchmal ist es mit Faltblättern und Yogakursen nicht getan. Manchmal sind die Fehlentwicklungen so groß und gefährlich, dass auch Maßnahmen erwogen werden müssen, die für den Einzelnen unangenehm werden können.

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So sind die abschreckende Fotos auf Zigarettenschachteln zweifellos kein schöner Anblick. Aber sind sie wirklich der Willkürakt miesepetriger Bürokraten, die dem Deutschen inquisitorisch den Spaß verderben wollen? Natürlich nicht. Solche Bilder sind aus gutem Grund in mehr als hundert Ländern in Gebrauch. Sie sind ein Weg, genau jene manipulativen Ideen von Freiheit und Coolness zu unterlaufen, die die Tabakindustrie jahrzehntelang in die Köpfe der westlichen Welt gebrannt hat. Zusammen mit anderen Maßnahmen bieten sie eine Chance, dass erstmals seit Langem eine Generation heranwächst, die nicht von der Tabakindustrie manipuliert wird. Schaut man sich die heutigen Jugendlichen an, scheint die Rechnung recht gut aufzugehen.

Ein anderes Beispiel: Mindestens zehn Länder haben Steuern auf zuckrige Getränke eingeführt. Auch das ist für den Bürger an der Supermarktkasse nicht schön. Doch es bedeutet nicht, dass der raffgierige Fiskus sich nach Gutdünken über die Portemonnaies der Menschen hermacht. Ökonomisch betrachtet, ist der Schritt folgerichtig. Hier werden die externen Kosten, nämlich die teuren Folgen, die die Gesellschaft tragen muss, in den Preis einkalkuliert. Die Nachfrage sinkt dann, wie Daten aus den betroffenen Ländern zeigen.

Was ist Public Health?

Anders als die Medizin befasst sich Public Health nicht mit den Beschwerden individueller Patienten, sondern mit der Gesundheit der gesamten Bevölkerung. Public-Health-Experten beobachten beispielsweise, wie stark die jährliche Grippewelle ausfällt oder welche Krankheiten neu auftreten. Sie beurteilen, welche Therapien am effektivsten und welche Präventionsvorhaben für wen sinnvoll sind.

In Deutschland wurden mit den Arbeiten von Forschern wie Robert Koch oder Rudolf Virchow wesentliche Grundsteine für die Disziplin gelegt. Doch seit die Nationalsozialisten im Namen einer Volksgesundheit grausame Verbrechen begingen, haben das Fachgebiet und seine Kernannahmen einen schweren Stand. Das wird auch deshalb zum Problem, weil Public Health längst eine globale Wissenschaft ist, die auch grenzüberschreitende Maßnahmen - etwa im Infektionsschutz oder im Vorgehen gegen multinationale Konzerne - ergreift. Deutschland sollte sich da auf Dauer nicht abkoppeln. Vor drei Jahren haben die Akademien der Wissenschaften Deutschlands Public-Health-Gemeinschaft großen Nachholbedarf bescheinigt. Insbesondere kritisierten sie die Zersplitterung der Forschung und eine Unklarheit über die Rolle und Verantwortlichkeiten ihrer Vertreter. Seither versuchen sich die Institutionen stärker zu vernetzen und auch in der globalen Gesundheit eine lautere Stimme zu bekommen. berit uhlmann

Oder: Italien und Frankreich haben vor Kurzem die Impfpflicht eingeführt. Das ist ein besonders drastischer Schritt, den man nicht gutheißen muss. Aber es ist keine Verschwörung zwischen Politik und Pharmaindustrie, um das Volk mit "Chemie" zu vergiften. Die Regierungen reagierten vielmehr darauf, dass sich immer mehr Menschen wie Schwarzfahrer benehmen. Sie profitieren von einem öffentlichen Gut, nämlich einem sehr gering gewordenen Erkrankungsrisiko, das es nur gibt, weil die Mehrzahl geimpft ist. Sie selbst wollen jedoch nichts zu diesem Gut beitragen. Die Impfpflicht korrigiert also unsoziales Verhalten.

Keiner dieser Schritte hat die Freiheit bankrottgehen lassen. Nirgends ist die "Gesundheitsdiktatur" ausgebrochen, in der Körperfunktionen kontrolliert und Bürger mit "schwarzer Pädagogik" entmündigt werden. Denn hinter all diesen Vorhaben stehen wissenschaftliche, ökonomische und ethische Prinzipien. Nur leider werden sie in Deutschland nicht ausreichend erläutert.

Nicht umsonst appellierten die Akademien der Wissenschaften vor einiger Zeit an die kleine und zersplitterte deutsche Public-Health-Community: "Wir empfehlen mit Nachdruck ein größeres öffentliches Engagement." Die Experten müssen dringend den Raum einnehmen, in dem ansonsten Misstrauen, Esoterik und Manipulationen wuchern. Und sie müssen dabei deutlich machen, dass es um gute, um schöne Ziele geht, die die gemeinsame Anstrengung wert sind.

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