Rauchen "Die Tabakindustrie feiert fröhliche Urstände"

Wie stehen die Dampfer zur traditionellen Gesundheitspolitik?

Sie fühlen sich allein gelassen und veräppelt. Viele waren Dauerraucher, die darunter gelitten haben. Da müssen Politikerworte wie von Frau Schwesig unglaubwürdig erscheinen. Und deshalb wehren sie sich. Viele haben intensiv recherchiert, wie Tabakpolitik gemacht wird und sind auf Unzulänglichkeiten und Widersprüche gestoßen. Die Community ist ein Gegengewicht zu der recht oberflächlich geführten Diskussion um E-Zigaretten.

Sie haben das erste deutschsprachige Buch zur E-Zigarette herausgebracht - welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Heino Stöver ist Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences. Das Buch "Die E-Zigarette: Geschichte - Gebrauch - Kontroversen" ist im Fachhochschulverlag erschienen.

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Ich habe gemerkt, wie emotional die Debatte geführt wird. Viele Autoren, darunter Koryphäen auf dem Gebiet der Tabakforschung, haben sich nicht getraut, einen Beitrag dafür zu schreiben. Normalerweise freuen sich Experten, wenn sie veröffentlichen dürfen. Hier war das anders. Da gibt es große Berührungsängste.

Kritiker der E-Zigarette verweisen häufig auf fehlende Langzeitstudien.

Risiken zu kennen und immer besser abzuwägen ist erstrebenswert. Aber im Grunde kommen wir um eine politische Entscheidung nicht herum. Ich bin der Überzeugung, dass wir die alte Botschaft der Rauchentwöhner - "Quit or Die", also "Hören Sie doch einfach auf zu rauchen oder sterben Sie früher" - lockern müssen. Jetzt sollten wir sagen: Ja, wir haben einen weiteren Pfeil im Köcher, der hat auch problematischen Facetten. Aber wir müssen ihn sinnvoll einsetzen.

Deutschland liegt bei der Tabakkontrolle auf Platz 33 von 34 in Europa, vor Österreich. Woran liegt das?

Um die Zahl der Raucher zu reduzieren, gibt es ein paar sehr wirksame Maßnahmen, angefangen mit einem Werbeverbot. Wir haben kein Werbeverbot, sondern mit der Tabakindustrie ausgehandelte Kompromisslösungen, die keine Lösungen sind. Wir sind das einzige Land in Europa, das noch Außenwerbung für Tabakprodukte erlaubt. Menschen aus England, Australien und Kanada sagen: Spinnt ihr eigentlich völlig, der legalen Drogenindustrie solche Freiräume zu geben? Die Werbung ist ein Desaster. Der zweite Grund sind 330 000 Zigarettenautomaten. Drittens sind Zigaretten immer noch recht billig. Und wir haben keinen flächendeckenden Nichtraucherschutz. Das schärfste Gesetz hat Bayern, in anderen Bundesländern ist die Regulierung ziemlich lax. Die Tabakindustrie feiert fröhliche Urstände bei uns.

Großbritannien liegt in Europa ganz vorne bei der Tabakregulierung. Welche Rolle spielt die E-Zigarette dabei?

Die Briten haben eine Raucherquote von 17 Prozent, zehn Prozentpunkte geringer als hierzulande. Und in England wird es 2020 mehr E-Zigaretten-Nutzer geben als Tabakzigarettenraucher. Das ist der Gradmesser einer fortschrittlichen Tabakpolitik. Es gibt in ganz Europa einen abnehmenden Trend bei Zigaretten und einen zunehmenden bei E-Zigaretten. Forschungsergebnisse des Eurobarometers zeigen, dass immer mehr Europäer Erfahrungen mit der E-Zigarette machen und für etwa 32 Prozent davon die E-Zigarette das Ausstiegsmittel war. Die dampfen jetzt statt zu rauchen. Bei 35 Prozent hat es immerhin zu einer Reduktion des Tabakzigarettenkonsums geführt.

Am Anfang eines neuen Jahres versuchen viele Raucher aufzuhören. Was würden Sie ihnen raten?

Menschen, die oft versucht haben aufzugeben und oft gescheitert sind, kann man mit der E-Zigarette Mut machen: Sie könnten mit dem Umstieg auf die E-Zigarette einen Komplettausstieg hinbekommen. Im Vergleich zu Nikotinersatzprodukten wie Pflastern und Kaugummis bedient die E-Zigarette auch das Orale und Haptische: Man hat etwas zwischen den Fingern oder im Mund, mit dem man sogar noch bei der Party mit anderen vor die Tür gehen kann. Der soziale Aspekt ist für viele ganz wichtig, das darf man nicht unterschätzen. Für Gelegenheitsraucher, die nicht viele Zigaretten konsumieren, ist die E-Zigarette eher unpassend. Da kann man vor allem raten, die Zahl der Gelegenheiten weiter zu reduzieren. Auch für Jugendliche ist sie nicht geeignet.

Könnten Jugendliche mit der E-Zigarette überhaupt erst zum Rauchen verleitet werden, wie oft behauptet wird?

Wir haben 2000 Jugendliche dazu befragt. Viele haben mit der E-Zigarette Erfahrungen gemacht, aber das war wohl eher ein Übergangsphänomen. Nur ganz wenige Jugendliche konsumieren täglich E-Produkte. Die Gateway-Hypothese bestätigte sich nicht, wir sehen also keine starke Gefahr, dass E-Zigaretten zu einem regelmäßigen Tabakkonsum führen. Ausprobieren ist die Regel. Dennoch müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass E-Zigaretten auf einen Teil der Jugendlichen Einfluss nehmen und das sehr sorgfältig weiter beobachten.

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