Rätselhafte Höhenkrankheit:Leck in der Lunge

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Beim Höhenlungenödem", sagt Bärtsch, "kommt es in der Lunge zu einer Art Leck, weil die Gefäße durchlässiger werden." Zugrunde liegt eine natürliche Reaktion des Körpers: Werden Teile der Lunge schlechter belüftet, ziehen sich dort die feinen Lungenarterien zusammen, weil sie vermeintlich weniger gebraucht werden. Dadurch steigt der Druck in den Gefäßen, und mehr Körperwasser wird in die Lungenbläschen gedrückt. Bei manchen Menschen ist dieser Mechanismus - offenbar genetisch bedingt - stärker ausgeprägt als bei anderen. Das kann in der Höhe schnell zum Problem werden, weil durch die geringere Sauerstoffkonzentration der Luft plötzlich die gesamte Lunge betroffen ist. Jeder 20. Bergsteiger bemerkt deshalb innerhalb der ersten Tage auf der Margheritahütte, dass er kaum Luft bekommt und sein Atem zu rasseln beginnt.

Auch beim selteneren Höhenhirnödem sammelt sich Flüssigkeit im Gewebe an. Durch den Schädelknochen aber sind der Hirnschwellung, anders als bei der Lunge, harte Grenzen gesetzt. Deshalb kann das Ödem bereits innerhalb kurzer Zeit lebensgefährlich werden, weil mit dem Hirnstamm der Übergangsbereich zwischen Großhirn und Rückenmark eingeklemmt werden kann. Die Betroffenen zeigen Lähmungserscheinungen und können komatös werden, wenn sie nicht schnell in niedrigeres Gebiet gebracht werden.

Im Gegensatz zu Lungen- oder Hirnödem ist jedoch nach wie vor unklar, was die - meist vorausgehenden - Symptome der Bergkrankheit auslöst. Jeder zweite Alpinist leidet auf der Margheritahütte an Kopfschmerzen und Übelkeit, wenn er nicht akklimatisiert ist. Am Kilimandscharo sind sogar rund drei Viertel der Bergsteiger betroffen. "Wir glauben, dass ab einer Höhe von etwa 2500 Meter ein ähnliches Schmerzsystem wie bei der Migräne wirkt", sagt Bärtsch.

Nach der Migräne-Theorie werden die Gefäße im Gehirn fehlerhaft reguliert. Das Blut staut sich und lässt das Hirn schmerzhaft schwellen - wenn auch nicht in solchem Ausmaß wie beim Hirnödem. "Im Grunde tappen wir immer noch ein bisschen im Dunklen", sagt Bärtsch. Denn ebenso gut sind auch andere Theorien denkbar. Etwa, dass bestimmte Hirnnerven gereizt werden, oder dass das Gehirn nicht aufgrund eines Blutstaus schwillt, sondern durch den bloßen Sauerstoffmangel. "Das könnte zu den Kopfschmerzen und den anderen Symptomen führen", sagt Rainald Fischer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Höhenmedizin in München. "Hier besteht aber noch großer Forschungsbedarf."

Entsprechend kompliziert ist es für Mediziner, einen zuverlässigen Test zu entwickeln, mit dem sich das individuelle Risiko von Höhentouristen für die Bergkrankheit voraussagen lässt. Doch genau das wäre zunehmend wichtig, weil sich immer weniger Reisende Zeit für eine ausreichende Akklimatisierung nehmen können oder wollen. Vieles haben die Wissenschaftler schon probiert. Etwa, ob Fehler in der Blutgerinnung oder eine Funktionsstörung der Nieren für die Entwicklung der Bergkrankheit entscheidend sein könnten. "Beides hat sich aber in unseren Studien nicht bestätigt", so Bärtsch. Dies gilt auch für Stoffe im Blut, die die Durchlässigkeit der Gefäße erhöhen - etwa den sogenannten Vasoendothelialen Wachstumsfaktor.

Mediziner um Martin Burtscher von der Universitätsklinik Innsbruck vermuteten zudem, dass Menschen eher an der Bergkrankheit leiden, wenn ihr Atemantrieb geringer ist oder sich ihr Blut weniger mit Sauerstoff anreichern kann. Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen bekommen in der Höhe offensichtlich häufiger Probleme, etwa, wenn sie an einer Herzschwäche oder einer Fehlbildung der roten Blutkörperchen leiden, die im Blut den Sauerstoff transportieren.

"Personen mit solchen Erkrankungen sollten nicht höher als 2000 Meter gehen", bestätigt auch Bärtsch. Und offenbar können selbst bei Gesunden bereits feine Unterschiede in Atmung und Sauerstofftransport eine Rolle spielen. Denn tatsächlich konnte Burtscher zeigen, dass Menschen, deren Blut sich im Labor schlechter mit Sauerstoff anreichert, eher bergkrank werden als Personen mit hoher Sättigung. Mit einer Sicherheit von 80 Prozent lässt sich laut einer Studie des Innsbrucker Forschers mit solchen Sauerstoff-Tests vorhersagen, ob jemand erkranken wird oder nicht.

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