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Psychopathen in Film und Realität:Realismus in "No Country for Old Men"

In Einzelfällen sind die Darstellungen in den Filmen sogar sehr realistisch. Besonders beeindruckt zeigten sich Leistedt und Linkowski von der Beschreibung des Auftragskillers Anton Chigurh aus dem Film "Kein Land für alte Männer" (No Country for Old Men) von den Coen-Brüdern aus dem Jahr 2007. "Die Unfähigkeit zu lieben, das Fehlen von Scham oder Reue und Einsicht, die Unfähigkeit aus Erfahrungen zu lernen, Kaltblütigkeit, Rücksichtslosigkeit, Verbissenheit und das Fehlen von Empathie" ließen ihn als klassischen geborenen Psychopathen erscheinen, schreiben Leistedt und Linkowski.

Sie vergleichen ihn mit Richard Kuklinski, dem "Iceman", der als Mafiamörder eigenen Angaben zufolge mehr als 200 Menschen getötet hat. Andere relativ korrekte Darstellungen finden sich in den Filmen "Henry - Porträt eines Serienmörders" (1991) und in "In meinem Himmel" (The Lovely Bones, 2010), wo Kinder Opfer eines psychopathischen Sexualmörders werden. (Über die Qualität der Filme insgesamt sagen die Psychiater übrigens nichts.)

Peter Lorre in "Der ewige Jude", 1940

Peter Lorre als Kindermörder Hans Beckert in Fritz Langs Film "M"

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Zwar steht das Filmpublikum noch immer unter dem Eindruck von Hannibal, der trotz oder vielmehr gerade wegen seines kranken Charakters so viele Menschen fasziniert. Seit 2013 ist er - nach mehreren Kinofilmen - sogar der Star der gleichnamigen Fernsehserie. Und die verzerrt auch die Arbeit der Profiler wieder ins Absurde. "Hannibal" dürfte deshalb dazu beitragen, ein falsches Bild vom psychopathischen Mörder und dem Ermittler mit dem sechsten Sinn am Leben zu erhalten. Doch den Psychiatern zufolge gibt es durchaus einen kleinen Trend zu realistischeren Darstellungen geisteskranker Verbrecher - parallel zu den zunehmenden Erkenntnissen der Wissenschaftler und Kriminologen.

Ed Gein

Ed Gein wurde 1957 verhaftet, nachdem er mehrere Menschen ermordet hatte - er ist Vorbild für verschiedene Hollywood-Psychopathen

(Foto: dpa)

Die ersten Darstellungen von Psychopathen waren Leistedt und Linkowski zufolge eher Karikaturen: Sadisten und irrationale, kichernde Gewalttäter mit Gesichtszuckungen. Bis in die späten 50er Jahre sei es in der amerikanischen Filmindustrie üblich gewesen, Psychopathen als Bösewichte mit irrem Blick auftreten zu lassen wie Richard Widmark als Tommy Udo in "Kiss of Death" (1947). Eine Ausnahme war den Autoren zufolge die Figur des von Peter Lorre sehr realistisch dargestellten Kindsmörders Hans Beckert in dem Fritz-Lang-Klassiker "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931).

"MICHAEL BAY'S TEXAS CHAINSAW MASSACRE"

Leatherface (Andrew Bryniarski) in "Michael Bay's Texas Chainsaw Massacre" (2003), einem Remake von "Blutgericht in Texas" (1973)

(Foto: DPA)

1957 dann wurde in den USA der Fall des mehrfachen Mörders, Grabräubers, Leichenschänders und Kannibalen Ed Gein bekannt. Nach seiner Verhaftung wurde bei ihm eine Schizophrenie diagnostiziert, er wurde allerdings auch als "Sex-Psychopath" bezeichnet. Und obwohl Gein eher psychotisch war - mit anderen Worten: wahnsinnig - entwickelte er sich zum Vorbild des Psychopathen, der charakteristisch für ein ganzes Genre wurde: den Horrorfilm. Zwei Typen von Psychopathen-Porträts entwickelten sich den Psychiatern zufolge aus dem Fall Gein: Zum einen entstand der Außenseiter mit einem sexuell motivierten Drang zu töten. Die bekanntesten Beispiele wären Norman Bates in Hitchcocks Klassiker "Psycho" (1960), der deutlich erkennbar Gein nachempfunden war, und Mark Lewis in "Peeping Tom".