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Psychiatrie:Wenn seelisch kranke Kinder erwachsen werden

Wenn Jugendliche mit Erkrankungen wie ADHS oder Drogensucht volljährig werden, bräuchten sie eigentlich eine besonders gute Betreuung. Doch die derzeitige psychiatrische Versorgung ist für diese Übergangsphase noch unzureichend vorbereitet.

Die Eltern waren schockiert. Dabei hatten sie bereits hart zu kämpfen gehabt, als ihnen der Arzt mitgeteilt hatte, dass ihr damals 17-jähriger Sohn an einer schizophrenen Psychose leidet. Immerhin hatten sie seitdem einen Name für all die Auffälligkeiten, die sich bei ihm schon seit Jahren gezeigt hatten: die bizarren Zornausbrüche und hundsmiserablen Schulleistungen, der ständige Streit mit den Geschwistern. Hoffnung schöpften sie, als sich ihr Sohn nach der stationären Aufnahme in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu stabilisieren schien, sogar ein Studium in Regensburg in Angriff nahm. Doch dann kam der Absturz, als der Sohn in einer eigentlich gut gemeinten therapeutischen Wohngemeinschaft mit vier älteren, psychisch kranken Männern zusammenzog.

"Diese hatten wenig Tagesstruktur, lebten in den Tag hinein", berichtet die Mutter, Eva Straub. "Tapfer stand unser Sohn morgens als Einziger eine Woche lang auf und fuhr in die Uni, dann ließ seine Motivation nach, und nach drei Wochen lag auch er mittags noch im Bett und ließ Studium Studium sein." Danach versuchte er es nie wieder mit der Universität.

Der Bericht der stellvertretende Vorsitzenden des Landesverbandes Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e.V. war der Schlusspunkt, aber auch der emotionale Höhepunkt eines SZ-Gesundheitsforums, das sich mit einer wichtigen, aber immer noch unterschätzten Frage beschäftigte: Was passiert eigentlich mit seelisch kranken Jugendlichen, wenn sie erwachsen werden? Es ist die Zeit eines "markanten bio-psycho-sozialen Umbruchs, der sie selbst und ihre Umgebung strapaziert", sagte Moderatorin Monika Dorfmüller. Die Referenten seien aufgerufen, Wege zu beschreiben, wie diese Übergangszeit am besten zu bewältigen sei.

Es gehe um Fragen, die sich die Eltern von Betroffenen und die Kranken selber wohl alle spätestens dann stellen, wenn die Pubertät beginnt, wie Franz Joseph Freisleder, Ärztlicher Direktor des kbo-Heckscher-Klinikums in München im Eröffnungsvortrag formulierte: "Was wird aus meiner Tochter? Wie geht es weiter mit meinem Sohn? Wer kümmert sich in Zukunft um mich?"

Leider verhalte es sich eben nicht so, dass mit der Volljährigkeit die typischen Störungsbilder der Jugendlichen wie ADHS, Suchterkankungen, Depressionen oder schizophrene Psychosen einfach verschwinden. Vielmehr komme es gerade beim Übergang vom Jugend- in das Erwachsenenalter zu typischen, aber durchaus divergenten Komplikationen.

Da gibt es die noch unreifen Psychosepatienten, die nach Erreichen ihrer Volljährigkeit nicht mehr in die Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen werden, wo sie beschützt und intensiv betreut werden. Sie geraten dann nicht selten übergangslos in die Erwachsenenpsychiatrie mit zum Teil erheblich älteren Mitpatienten, häufig ohne angemessene Betreuung. Umgekehrt können noch minderjährige, großgewachsene, kräftige männliche Jugendliche mit einer Sozialverhaltensstörung eine Station aufmischen, wenn sie - womöglich noch unter Drogeneinfluss eingewiesen - aggressiv werden. Hier sei dann eher die Krisenintervention der Erwachsenenpsychiatrie gefragt. Offensichtlich sei jedoch die Gefahr, dass die Betroffenen schlimmstenfalls "in ein therapeutisches Niemandsland ohne angemessene psychiatrische Versorgung" abdriften.