Psychiatrie im Nationalsozialismus Ideologie mit langer Tradition

Ganz normal scheinen auch im Anschluss die Bilder der Täter, der ärztlichen Leiter und schrecklichen Juristen, der Oberschwestern und Krankenpfleger. Autoritär schauen viele aus, aber ihre Biografien kennt man gut. Viele von ihnen gehörten schon vor der Nazi-Zeit zur Elite des Landes, nicht wenige führten ihre Karriere nach 1945 fort. Besonders Valentin Faltlhauser, der Direktors der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, präsentiert sich dem Fotografen als lieber Opa, der seine Enkelin auf dem Arm hält. Er sollte sich als einer der schlimmsten Ärzte erweisen.

So widerlegt die Berliner Ausstellung schon gleich zu Anfang, was der Medizinhistoriker Volker Roelcke von der Universität Gießen einen der zentralen Mythen im Umgang mit der Medizin im Nationalsozialismus nannte, die Annahme nämlich, "dass medizinische Verbrechen von einigen wenigen fanatischen Nazi-Ärzten begangen wurden".

Widerlegt wird auch der zweite von Roelcke formulierte Mythos, "dass die Programme der Zwangssterilisation und der Patiententötungen der Ausdruck einer 'Ideologie' gewesen seien, die wenig oder gar nichts mit dem zeitgenössisch aktuellen Stand des medizinischen Wissens und Handelns zu tun gehabt hätten."

Genau das Gegenteil war der Fall, wie die Ausstellung belegt. Das Euthanasieprogramm der Nazis war die Fortsetzung der Idee der Eugenik mit den Mitteln des Massenmords. Doch das zugrunde liegende Gedankengebäude war seit Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern verbreitet; die Vorstellung, dass die menschliche Reproduktion kontrolliert und gesteuert werden muss, um den erbbiologischen Niedergang zu verhindern. Von dort war es nicht mehr weit zur Idee vom lebensunwerten Leben: "Wissenschaftler formulierten diese Idee, Medien verbreiteten sie", schreiben DGPPN-Präsident Frank Schneider und Kuratorin Petra Lutz im Ausstellungskatalog. Noch 1934 wanderte eine im Deutschen Hygiene-Museum produzierte Ausstellung durch die USA, in der die rassenhygienischen Ideen der Nazis beworben wurden - angeblich mit großem Erfolg.

Bereits im Januar 1934 trat das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in Kraft, gefolgt von einer Welle von Zwangssterilisierungen, meist aufgrund der damals üblichen Diagnosen "Schwachsinn", Epilepsie oder Schizophrenie. Im Herbst 1939 unterschrieb Hitler das Ermächtigungsschreiben, wonach "unheilbar Kranken, bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann".

Mit dem Schreiben startete die "Aktion T4", bei der in einer ersten Welle 1940/41 mehr als 70 000 meist psychisch kranke Menschen vergast und verbrannt wurden, darunter 5000 Kinder und Jugendliche in sogenannten Kinderfachabteilungen - mitten in Deutschland rauchten die Schlote. Die Gutachter, Psychiater und Neurologen, viele von ihnen Professoren, entschieden mit einem Kreuzchen auf einem Formular über den Tod der Patienten, meist hatten sie diese noch nicht einmal persönlich gesehen.

Wieder illustrieren Fallgeschichten das Leiden hinter den Zahlen. Gut dokumentiert ist etwa das Schicksal der 1916 geborenen Magdalene Maier-Leibniz, Tochter eines Professors für Statik der Universität Stuttgart. Das hübsche, blonde Mädchen kam mit 16 Jahren ins Internat Salem, entwickelte dann Auffälligkeiten, die Jahre später als Schizophrenie diagnostiziert wurden. 1938 wurde sie in der Privatklinik Kennenburg untergebracht, dann aber ohne Einwilligung der Familie über mehrere Stationen in die Gasmordanstalt Hadamar verlegt und dort am 22. April 1941 umgebracht. Die Eltern erhielten wenige Tage später eine Nachricht, wonach die Tochter an einer Lungentuberkulose gestorben sei. Die Urne mit den sterblichen Überresten stehe zur Verfügung, "die Überführung erfolgt gebührenfrei".