Psychiatrie Besonders Kinder sollten frühzeitig Hilfe bekommen

Besonders Kinder sollten frühzeitig Hilfe bekommen, fordern Elbert und Kollegen. "Die Gewissheit, dass die Welt gut ist, besser wird und sicher sein kann, wird bei diesen Kindern schon in der Entwicklung zerstört", sagt Elbert. Wenn sie selbst Gewalt erlebt haben, werden sie schnell selbst übergriffig - vor allem, wenn sie sozial ausgegrenzt sind. Einerseits. Andererseits jedoch sei das Gedächtnis in diesem Alter besonders wandelbar, das Gehirn sehr plastisch und therapiefähig.

Dazu müssten aber auch die Eltern erfahren, dass ihr Kind seelisch krank ist und dass es dem Nachwuchs enorm schaden kann, wenn sie in der Erziehung handgreiflich werden - auch wenn es in ihrer Heimat so üblich ist. "Die meisten Flüchtlingseltern sind sehr am Wohl ihrer Kinder interessiert und würden ihr letztes Hemd für sie hergeben", sagt Elbert.

Woher aber soll die Hilfe kommen? Die Leopoldina hat konkrete Vorschläge: Sogenannte Peer-Berater sollen helfen. Als Lotsen sollen sie den traumatisierten Flüchtlingen den Weg durch das Dickicht des Gesundheitssystems weisen. Auch als Trauma-Berater könnten sie arbeiten und - nach einer speziellen Ausbildung - über psychische Erkrankungen informieren. Es wäre sogar denkbar, dass sie an der Behandlung mitwirken. "Damit wollen wir ein niedrigschwelliges Therapieangebot für schwer traumatisierte Menschen schaffen", sagt Rösler.

Ein Großteil der psychisch Kranken wird nicht erkannt

In einer Ambulanz in Uganda hat der Psychologe Elbert bereits Traumaberater eingesetzt, zur Behandlung ehemaliger Kindersoldaten und Sexsklavinnen. "Wir sahen eine deutliche Besserung der psychischen Beschwerden", sagt er. Da es keine Ärzte am Ort gab, arbeitete er zum Beispiel mit Sozialarbeitern oder Lehrern. "Wir konnten dort keine komplette Psychotherapie anbieten, aber begrenzte Problembereiche der Patienten angehen", sagt Elbert.

In Deutschland gibt es bereits ähnliche Modellprojekte, etwa im Landkreis Konstanz, in dem Gesundheitspatinnen Flüchtlinge bei der Therapie begleiten. "Dieses und andere Projekte haben bereits gezeigt, dass der Einsatz von Peer-Beratern auch in Deutschland machbar ist", sagt Elbert.

Auch die Münchner Psychiaterin Stephanie Hinum findet diese Ansätze grundsätzlich positiv. Ein Problem sei allerdings, dass ein Großteil der psychisch Kranken nicht erkannt werde. Und ohne Diagnose gebe es kein Recht auf Behandlung. "Man kann sicherlich sehr effektive und sinnvolle Konzepte erarbeiten", sagt Hinum, die seit Jahren ehrenamtlich für Ärzte der Welt Flüchtlinge betreut. "Doch sehe ich auch die große Gefahr, dass die neuen Konzepte als Feigenblatt für eine mangelnde medizinisch-therapeutische Versorgung genutzt werden."

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