Private und gesetzliche Krankenversicherungen "Deshalb habe ich den Job an den Nagel gehängt"

Doch wie sehen ein Arzt und eine Arzthelferin das Dilemma, das viele Patienten aufzeichnen? Zwei Leser berichten:

"Das Problem liegt darin, dass mehr Patienten zu behandeln sind, als von der kassenärztlichen Vereinigung sanktioniert wird, mit geringerem Verdienst und, wenn es noch mehr werden, mit finanziellen Strafen geahndet wird. Privatpatienten dagegen werden direkt mit den privaten Kassen abgerechnet und es kommt zu keinen Strafen. Ein niedergelassener Arzt ist ein freier Unternehmer, der für alles aufkommen muss. Ein Bäcker, der ab dem 101. Brötchen für die Brötchen bezahlen muss, würde auch nur 100 Brötchen backen, ist doch klar. Sollte die Bürgerversicherung kommen, werden die Praxen noch schneller sterben und am Monatsende hätten alle Patienten ein Problem. Schafft die kassenärztliche Vereinigung ab, die schon lange nicht mehr den Zweck erfüllt, für den sie ursprünglich eingerichtet wurde. Leistung muss sich lohnen und darf nicht bestraft werden. Schafft endlich die Bürokratie und den Regulierungswahn ab, das verprellt den Nachwuchs. Deshalb sind viele Ärzte hier, die nicht richtig Deutsch können. Der ärztliche Beruf ist zu einem bürokratischen Monster verkommen und nur noch am Rand mit dem befasst, was ihn eigentlich ausmacht. Das muss geändert werden." (Horst N., 52 Jahre, Krankenhausarzt)

"Ich habe eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangstellten gemacht. Nicht mein Traumjob, aber im Dorf und mit 15 Jahren muss man nehmen, was da ist. Ich habe in einer großen Praxis von zwei Ärzten gelernt. Termine wurden zwischen 8 und 18 Uhr vergeben, jeden Werktag, mit zweistündiger Mittagspause, zu der es jedoch selten kam. Das lag an der mangelhaften Zeitplanung, auf die die Ärzte jedoch bestanden: 8 Patienten pro Arzt pro Stunde, das heißt pro Patient sind 7,5 Minuten Zeit. Und das für Untersuchungen, Ultraschall, Röntgen, Spritzen, Infusionen, alles was eben in unserer Praxis gemacht wurde. Es ist nicht schwer zu erraten, dass das zeitlich nicht funktioniert. Dieser organisatorischen Schwäche war geschuldet, dass Kassenpatienten auch mit Termin teilweise mehr als zwei Stunden warten mussten. Privatpatienten hingegen, egal ob mit Termin oder ohne Termin, wurden vorgezogen. Um das vor den Kassenpatienten 'geheim' zu halten, gab es einen extra 'Wartebereich' für Privatversicherte - die jedoch nie warten mussten, da sie immer und jederzeit sofort drankamen, auch wenn währenddessen Normalversicherte bereits sehr lange warteten. Generell wurde den Privatpatienten mehr Wert verliehen, sie brachten ja schließlich das nennenswerte Geld ein - er/sie wurde gründlicher und mit weniger Zeitdruck untersucht - dies schlug sich selbstverständlich auf die Wartezeit der Kassenpatienten nieder, denn ob Kasse oder Privat: jeder bekam in der Termintheorie nur 7,5 Minuten. Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde bei jedem Kassenpatienten nur noch das Notwendigste gemacht, da die Krankenkassen nur einen Pauschalbetrag bezahlen, der nun mal die erbrachten Leistungen oft nicht aufwiegen konnte. Wir ArzthelferInnen waren dafür da, den (verständlichen) Groll und den Frust der Kassenpatienten abzufangen und gleichzeitig den Privatpatienten den roten Teppich auszurollen - als Mensch, der auch nur das geringste bisschen Gerechtigkeitssinn hat, eine selbst Groll und Frust auslösende Aufgabe, die man neben den vielseitigen Tätigkeiten auf sich nehmen musste. Diese totgeschwiegene Zweiklassengesellschaft ist einer der Gründe, weswegen ich den Job an den Nagel gehängt habe. Ich bin mir aber sicher, dass es auch für die Ärzte eine Belastung ist - für diejenigen, die den Beruf als Berufung ansehen oder angesehen haben und feststellen mussten, dass das System ihnen im Weg steht und sie letztendlich zu der Frage zwingt: Wähle ich Geld oder Gerechtigkeit?" (Sarah S., 28 Jahre)