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Polio:Mit dem Krieg kommt die Lähmung

Unicef-Foto des Jahres

2011 kürte Unicef dieses Bild einer Polio-Impfung in Nigeria zum Foto des Jahres. Nun breitet sich das Virus erneut aus.

(Foto: Mary F. Calvert)

Die fast schon besiegte Kinderlähmung breitet sich vor allem in Krisengebieten wieder aus. Das ist nicht nur ein Rückschlag im Kampf gegen die Krankheit, sondern eine Bedrohung für andere Staaten. Warum die WHO so stark Alarm schlägt.

Wenn in Kriegsgebieten die öffentliche Ordnung und die Infrastruktur zusammenbrechen, beschränkt sich die Gesundheitsversorgung meist auf die Verletzten, Verbrannten und Verschütteten - sofern dies überhaupt möglich ist. Vorsorge oder gar Impfkampagnen finden dann allenfalls notdürftig in den Behelfslagern von Hilfsorganisationen statt. Vor diesem Hintergrund ist der aktuelle Warnruf der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein politisches Warnsignal.

Gleich in mehreren Ländern ruft die UN-Behörde den gesundheitlichen Notstand aus, weil sich von dort aus die Kinderlähmung wieder erschreckend stark verbreitet (Public Health Emergency of International Concern). Als "außerordentlich ernst" und "Bedrohung für andere Staaten" werten die Gesundheitsexperten die Vermehrung des Polio-Erregers.

Ende April hatten sich Ärzte und Epidemiologen der WHO mit Kollegen aus Afrika und Asien beraten. Die Verbreitung von Polio hat dort offenbar so zugenommen, dass die WHO jetzt die Alarmglocke läutet. "Alle Experten waren sich einig, dass der Notruf gerechtfertigt ist", sagt Marsha Vanderford von der amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC.

Besonders in Krisengebieten wie Syrien, Afghanistan und Nigeria hat sich das Virus zuletzt stark vermehrt und ist in andere Länder übertragen worden. Für Seuchenexperten ist dies ein Rückfall, denn bis 2012 verlief die Eindämmung der Kinderlähmung erfolgreich, sodass es als realistisches Ziel erschien, neben den Pocken eine weitere Infektionskrankheit weltweit auszurotten.

Die Seuchenmediziner sind besonders enttäuscht über den Rückschlag, weil sich die sogenannten wilden Polio-Stämme zuletzt wieder stark vermehrt hatten. Als wilde Stämme werden solche Viren bezeichnet, die sich über Jahrtausende im Verlauf der Evolution entwickelt haben, aber nicht plötzlich neue Wirte befallen oder durch unerwartete Mutationen deutlich gefährlicher geworden sind, wie es beispielsweise bei den Erregern der Vogel- oder der Schweinegrippe der Fall war. Die wilden Virenstämme sind gleichsam alte Bekannte und mithilfe der seit Jahrzehnten bewährten Impfstrategien gegen Polio gut zu bekämpfen.

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