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Plötzlicher Kindstod:Zank an der Wiege

Gefährlich für das Kind und verantwortlich für die sexuelle Flaute im Ehebett? Es hat auch Vorteile, wenn das Baby bei den Eltern schläft, zeigen neuere Studien. Andere verweisen auf ein erhöhtes Risiko für den plötzlichen Kindstod. Wo Säuglinge am besten schlafen, ist hoch umstritten.

Frischgebackene Eltern lernen sehr schnell, was die Gesellschaft von ihrem Sprössling erwartet: Selbstständigkeit lautet das Diktat im Kinderzimmer. Darum soll das Baby am besten von Anfang an nicht im elterlichen Bett schlafen - auch wenn die meisten Kinder das vom ersten Tag an lautstark einfordern. Das sogenannte Co-Sleeping könnte zudem der Intimität zwischen Mutter und Vater schaden, vermuten besorgte Zeitgenossen. Auch Fachgesellschaften wie die American Academy of Pediatrics (AAP) oder der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) raten vom Familienbett ab, allerdings aus Sicherheitsgründen. Schließlich könnte das Neugeborene im Bett der Eltern ersticken, erdrückt werden oder am plötzlichen Kindstod sterben.

Eve Colson, Kinderärztin an der Yale University hat kürzlich in der Fachzeitschrift JAMA Pediatrics erneut darauf hingewiesen und ihre Kollegen aufgefordert, das Thema öfter anzusprechen und auf die Gefahren hinzuweisen. Dass bloße Warnungen der Fachgesellschaften nicht ausreichen, hatte die Forscherin in 19.000 Telefoninterviews herausgefunden. Eltern in den USA lassen demnach immer häufiger ihre Kinder bei sich im Bett schlafen: 1993 waren es nur 6,5 Prozent, im Jahr 2010 schon 13,5 Prozent, vor allem in afroamerikanischen Familien. In Deutschland sind es schätzungsweise zehn Prozent. Anders als in den USA wird das Familienbett hierzulande vor allem von höheren sozialen Schichten geschätzt.

Viele Studien zeigen, dass das Risiko für plötzlichen Kindstod um das Dreifache ansteigt, wenn Babys im Elternbett nächtigen; raucht die Mutter, sogar um das Sechsfache. Vermutlich ist der Säugling im Elternbett einer übermäßigen Wärmezufuhr und leichter einem Sauerstoffmangel ausgesetzt - beides sind wichtige Risikofaktoren für plötzlichen Kindstod, auch SIDS genannt.

Allerdings weisen Befürworter des Co-Beddings wie Abraham Bergman, emeritierter Professor am Harborview Medical Center in Seattle, darauf hin, dass dies nur ein statistischer Zusammenhang sei. "Es ist nicht bewiesen, dass das Bett-Teilen für sich genommen zum plötzlichen Kindstod führt", schreibt der Kinderarzt in einem Kommentar im JAMA.

Beispielsweise gingen in Studien oft auch dann Fälle als plötzlicher Kindstod ein, wenn die Kinder nur eine Nacht ins Bett geholt wurden. "Dies geschieht aber meist nur unter bestimmten Umständen, etwa wenn das Kind krank ist", so der Kinderarzt Herbert Renz-Polster. Zudem haben bei den tragischen Todesfällen im Elternbett fast immer weitere Umstände das Risiko stark erhöht, etwa Alkohol- oder Drogeneinfluss. Gefährlich ist es offenbar auch, wenn das Kind mit anderen Personen als der stillenden Mutter nächtigt.

Vorteil für das Stillen

Tatsächlich kommt der plötzliche Kindstod häufiger bei Angehörigen sozial benachteiligter Schichten vor. Die Mütter in dieser Bevölkerungsgruppe stillen seltener und der Lebensstil ist ungesünder. Die Gründe für den Tod während der ersten Lebenswochen sind bis heute unklar. Bekannt sind hingegen Risikofaktoren, etwa wenn das Kind auf dem Bauch schläft. Die Fälle gehen erfreulicherweise jedoch zurück: So starben im Jahr 1990 noch mehr als 1,7 von 1000 Säuglingen, während es in den letzten Jahren 0,4 von 1000 waren.

Bergman vermutet, dass die Fachgesellschaften mit ihren Warnungen über das Ziel hinausschießen. Volker Soditt vom BVKJ hält dem entgegen: "Wir wollten die Empfehlungen allgemeingültig und für alle Eltern verständlich halten. Da noch Tipps für sicheres Co-Bedding hineinzustricken, halten wir für schwierig." Anders machen das die Schweizer Kollegen. Sie haben ihre Empfehlungen zum Bedsharing auf drei Seiten ausgebreitet. Denn das Verbot des Familienbetts werde von vielen Eltern nicht mitgetragen.

Zudem hat Co-Bedding vermutlich auch einige Vorteile. Der wichtigste ist, dass Mütter einfacher stillen können, wenn das Baby nicht erst aus der Wiege herausgehoben werden muss. Schläft der Säugling an der Seite der Mutter, braucht sie sich nur in Position zu drehen, um zu stillen. Eine ebenfalls gerade in JAMA Pediatrics erschienene Studie der University of Maryland, bei der fast 2000 Mütter befragt wurden, bestätigt dies: Jene Mütter, die mit ihrem Baby gemeinsam in einem Bett schliefen, fütterten ihre Babys länger an der Brust, oft bis zu einem Jahr lang. Mütter, die ihre Babys in einer eigenen Wiege platzierten, hatten hingegen oft schon in der 30. Woche abgestillt.

Stillen mindestens bis zum sechsten Monat gilt als vorteilhaft für die Gesundheit von Mutter und Kind und als präventiv gegen plötzlichen Kindstod. "Die stillende Mutter hat die Intuition, das Kind nachts umzulagern, etwa in die sichere Rückenlage", sagt Kinderarzt Renz-Polster.

Zudem verbessert gemeinsames Nächtigen den Schlaf der Eltern. Denn Atemrhythmus und Schlafphasen synchronisieren sich bei regelmäßigem Co-Bedding. So wacht ein Baby zwar öfter auf, wenn es im Elternbett liegt, schreckt die Eltern aber nicht aus dem Tiefschlaf auf, sondern weckt sie nur aus dem Leichtschlaf. Außerdem ist es förderlich für einen erholsamen Schlaf, wenn die Eltern nicht aufstehen oder gar in ein anderes Zimmer gehen müssen, um nachts den Hunger des Säuglings zu stillen. "Auch ist nach dem Schnuller-Verlieren das Wieder-in-den-Mund-Stecken einfacher, wenn das Baby direkt im Bett liegt", sagt Bergman.

Lustkiller Baby?

Dass Babys im Bett für die sexuelle Flaute nach der Geburt verantwortlich sind, konnte bisher in keiner empirischen Studie belegt werden. Hier spielen wohl eher Geburtserlebnisse und der veränderte Körper der Frau eine Rolle. Vielmehr könnte es die Vater-Kind-Beziehung stärken, wenn der Vater neben der Mutter und diese neben dem Baby schläft. Eine Studie aus dem Jahr 2012 hat ergeben, dass durch Bedsharing der Testosteron-Gehalt im väterlichen Blut abnimmt. Niedrige Pegel sind wichtig für eine fürsorgliche Vaterschaft.

Ebenso wenig bewiesen ist es, dass Kinder, die in den ersten Lebensmonaten nicht ins eigene Bett verwiesen werden, später verzogene Muttersöhnchen sind. Vermutlich stärkt das gemeinsame Nächtigen, wie es in fast allen nichtwestlichen Kulturen üblich ist, auch die Bindung zwischen Eltern und Kind. Unsinnig ist es aber, wenn einige Co-Bedding-Befürworter behaupten, dass eine sichere Bindung überhaupt nur möglich ist, wenn das Baby stets bei der Mutter nächtigen darf. Schließlich braucht es für die Ausbildung der Bindung feinfühlige und verlässliche Erfahrungen in allen Bereichen des Lebens, sei es in der Ernährung, der täglichen Hygiene oder durch häufiges Am-Körper-Tragen.

"Die emotionale Sicherheit ist nicht unbedingt an das Schlafarrangement gebunden", so Renz-Polster. Umgekehrt heißt das aber auch: "Eltern können das Allein-Schlafen nicht erzwingen - dabei würde die Bindungssicherheit über Gebühr strapaziert", sagt der Kinderarzt mit Blick auf die häufig angewandten rigiden Schlaflernprogramme. Schließlich fühlen sich Säuglinge unsicher und gestresst, wenn sie allein schlafen müssen - ein evolutionsbiologisches Erbe.

Aus der wissenschaftlichen Literatur lässt sich nicht eindeutig beantworten, welche anfängliche Nachtlager-Situation am günstigsten für das Schlafverhalten in den späteren Kinderjahren ist. "In der Praxis ist es so, dass sich co-schlafende Kleinkinder irgendwann gern einen eigenen Schlafplatz aufbauen", sagt Renz-Polster. "Es hat aber noch kein Kind seine Freundin oder seinen Freund ins Elternbett geschleppt." Andererseits gibt es unter den Allein-Schläfern häufig im dritten oder vierten Lebensjahr sekundäre Co-Sleeper, also Kinder, die dann erst zu den Eltern ins Bett wollen, was diese aber meist ablehnen.

Wie das Familienbett sicherer wird

Hebammen-Verbände, Stillgruppen und die Weltgesundheitsorganisation befürworten aufgrund der positiven Aspekte das gemeinsame Schlafen - allerdings nur, wenn das Co-Bedding sicher gestaltet wird. Dieser Ansicht ist auch Megan Moreno von der AAP, die in einem praxisnahen Beitrag in JAMA Pediatrics entsprechende Tipps gibt: Das Bett sollte groß sein, und darin sollten sich wenige Kissen, keine Stofftiere und keine überschüssigen Decken befinden. Co-Schlafen dürfe man zudem nicht auf dem Sofa oder im Wasserbett, und die Schlafpartner sollen nicht unter Einfluss von Alkohol, Drogen oder extremem Schlafmangel stehen. Rauchen ist ebenso zu vermeiden wie ein stickiges Raumklima, die empfohlene Temperatur liegt bei 16 bis 18 Grad.

Als ideale Lösung sehen Kinderärzte Beistellbetten an, die direkt an das Elternbett angebracht werden können und trotzdem die Nähe zur Mutter gewährleisten. Solche gibt es zunehmend auch auf Neugeborenen-Stationen. Von einem separaten Zimmer für den Säugling raten hingegen alle Experten ab: "Im Kinderzimmer schlafen Babys tiefer", sagt Volker Soditt. Der tiefere Schlaf könnte bewirken, dass das Kind nicht aufwacht, wenn zum Beispiel seine Zunge nach hinten fällt - womöglich ein auslösender Faktor für SIDS.

Eine niederländische Studie hat im Mai aufgedeckt, dass der Schlaf im Elternzimmer auch gut für die Psyche sein könnte: Verglichen mit Altersgenossen, die von Anfang an in ihrem eigenen Zimmer schliefen, war das Stresssystem bei Einjährigen ausgeglichener, das heißt, ihr Cortisol-Pegel im Blut niedriger, wenn sie die ersten Monate im elterlichen Gemach schlafen durften. Der Theorie nach beugt ein niedriger Cortisol-Wert späteren psychischen Leiden vor.

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Quelle:
SZ vom 16.12.2013
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