bedeckt München 13°
vgwortpixel

Pfusch bei Mammografie-Screenings:Das lukrative Geschäft mit der Brustkrebsvorsorge

Pfusch beim Brustkrebsvorsorge-Programm der Essener Radiologe - nach dieser Nachricht wollen sich viele ehemalige Patientinnen erneut untersuchen lassen. An Mammografie-Screenings verdienen vor allem die beteiligten Kliniken. Der Nutzen für die Patientinnen ist umstritten.

Im Brustkrebszentrum des Essener Klinikums Mitte stehen seit Donnerstagmorgen die Telefone nicht mehr still. Viele Frauen melden sich, um sich neu untersuchen zu lassen. Sie alle waren Teilnehmerinnen am Mammografie-Screening, einer bundesweiten Reihenuntersuchung zur Früherkennung von Brustkrebs, und wurden im Diavero Diagnosezentrum Essen begutachtet. Dort sind seit 2010 Qualitätsmängel aufgetreten, das ergaben Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Wichtige Nachweise wurden nicht erbracht, es gab Fehldiagnosen, bei Gewebeentnahmen wurde geschlampt.

Ein Zusammenschluss von Essener Gynäkologinnen und Gynäkologen hatte immer wieder "die zunehmend offensichtlicheren Probleme unserer Screeningeinheit" angesprochen, teilten die niedergelassenen Ärzte am Donnerstag mit. Doch Lösungen seien mit den zuständigen Stellen, etwa der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein, nicht zu finden gewesen. Die Ärzte verlangen nun "größtmögliche Transparenz" bei der Aufarbeitung der Vorwürfe. Die Gesundheitsministerin von Nordrhein-Westfalen, Barbara Steffens (Grüne), forderte "eine offensive Auseinandersetzung mit den ausgelösten Ängsten und dem verloren gegangenen Vertrauen in das Programm".

Brustkrebsdiagnostik - ein lukratives Geschäft

Die Screening-Einheit, die für etwa 135 000 Frauen in Essen, Mülheim und Oberhausen zuständig ist, hatte trotz fehlender Nachweise und entzogener Genehmigung immer weitermachen dürfen. Die KV Nordrhein begründete das am Donnerstag damit, dass der verantwortliche Arzt Dr. K. gegen den Entzug der Genehmigung vor Gericht Widerspruch eingelegt habe, mit aufschiebender Wirkung. Das stimmt jedoch nur in einem Fall: 2010, nachdem ein Partner die Praxis von Dr. K. verlassen hatte, wurde die Genehmigung aus formalen Gründen entzogen, weiter am Brustscreening-Programm teilzunehmen.

Dagegen klagte K. dann vor dem Sozialgericht Düsseldorf, bis heute ist die Sache nicht entschieden. Im April 2013 entzog die KV abermals die Genehmigung - diesmal, weil sie Patientinnen gefährdet sah. Sie setzte sogar den Sofortvollzug durch, knickte aber Tage später ein, als Patientinnen mit Termin nicht gescreent wurden und sich beschwerten. K. durfte weitermachen.

Der Arzt sagte der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, er sei das "Opfer einer Intrige mit wirtschaftlichem Hintergrund", man wolle ihn "aus dem lukrativen Geschäft" mit der Brustkrebsdiagnostik drängen.

Tatsächlich ist das Mammografie-Programm finanziell äußerst attraktiv für die Ärzte. Wer es schafft, dass seine Praxis als eine von derzeit 96 Screening-Einheiten in Deutschland zugelassen wird, bekommt Patientinnen frei Haus. Allein in dem fraglichen Essener Zentrum werden jährlich mehr als 30 000 Frauen zwischen 50 und 69 Jahren routinemäßig untersucht. Rund 70 Euro zahlen die Kassen jedes Mal. Doch selbst wenn die Zentren qualitätsgesichert arbeiten: Der Nutzen eines bevölkerungsweiten Mammografie-Screenings ist inzwischen heftig umstritten.

Auf der Seite der Befürworter stehen viele Brustkrebsexperten und Frauenärzte. "Die Mammografie ist derzeit die einzig sinnvolle Maßnahme zur Brustkrebsfrüherkennung für Frauen ab 50 Jahren", sagt auch Tatjana Heinen-Kammerer von der Kooperationsgemeinschaft Mammographie, die das Screening koordiniert. "Dazu gibt es keine Alternative. Es sei denn, man macht gar keine Brustkrebsfrüherkennung."

Genau das - ein Verzicht auf das Screening-Programm - ist nach Meinung der Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg jedoch der richtige Weg: "Es gibt immer einzelne Frauen, die davon profitieren, weil ihr Krebs im Frühstadium entdeckt wird. Aber wir fügen viel zu vielen Frauen Schaden zu, um einer Frau zu helfen."

Falsche Informationen führen zu falschen Entscheidungen

Wahr ist: Die Mammografie verursacht Leid - nicht nur wegen der mit ihr verbundenen Strahlenbelastung. Es kommt auch zu Fehl- und Überdiagnosen, entsprechend häufig wird sinnlos therapiert. Frauen stehen große Ängste aus oder unterziehen sich einer belastenden Chemotherapie, ohne dass dies nötig wäre. In kurzer Folge sind in den vergangenen Jahren Langzeituntersuchungen aus den USA, Großbritannien und Kanada zu dem Schluss gekommen, dass die Programme mehr schaden als nutzen. Mühlhauser nennt diese Ergebnisse "beunruhigend".

An der Qualität des deutschen Programms hatten die Fachleute bislang wenig auszusetzen. Allerdings führt die begleitende Information in die Irre, beklagt Gerd Gigerenzer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung: "Immer noch dominieren die rosa Schleifen die Meinungsbildung, anstatt ausgewogene und verständliche Information", sagt er. Jede dritte Frau glaubt einer aktuellen Umfrage des Gesundheitsmonitors von Barmer GEK und Bertelsmann-Stiftung zufolge sogar, die Mammografie könne Brustkrebs verhindern. Über mögliche Schäden wussten die wenigsten Befragten etwas. Mühlhausers Fazit: "Auf dieser Grundlage können Frauen schlichtweg keine informierte Entscheidung fällen."

© SZ vom 16.05.2014/feko
Zur SZ-Startseite