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Pfusch am Patienten:Ärztefehler werden schlampig erfasst

In Deutschland gibt es keine einheitliche Statistik zu Behandlungsfehlern. Daher ist unklar, wie viele Menschen tatsächlich durch Ärztepfusch, an Medikamenten-Nebenwirkungen oder Infektionen sterben. Schätzungen gehen in die Zehntausende. Viele Tode ließen sich vermeiden.

Patienten fühlen sich oft auf verlorenem Posten. Haben sie den Verdacht, Opfer eines Kunstfehlers zu sein, fällt der Beweis schwer. In der Medizin ist der offene Umgang mit Fehlern - anders als bei Piloten - häufig tabuisiert oder gilt als Schwäche.

Zudem können sogar Sachverständige oft nicht unterscheiden, was Nebenwirkung, tragischer Verlauf ohne Fremdverschulden oder Behandlungsfehler ist - daran wird auch das Patientenschutzgesetz wenig ändern, für das die Regierung erste Pläne vorgelegt hat.

Es fehlt an einer bundeseinheitlichen Statistik, in der alle Behandlungsfehler gesammelt werden", sagt Andreas Hoeft, Leiter des Instituts für Patientensicherheit der Uni Bonn. "Daten von Gutachterkommissionen oder Versicherern bilden nur einen Ausschnitt ab."

Aus großen Studien in anderen europäischen Ländern ist bekannt, dass zwei bis acht Prozent aller Krankenhauspatienten vermeidbare Komplikationen erleiden. "Solche Studien gibt es für Deutschland nicht", beklagt Hoeft. Da Erhebungen mangelhaft sind, ist unklar, wie viele Menschen durch Ärztepfusch sterben.

"Nach seriösen Schätzungen haben 0,1 Prozent aller Behandlungen im Krankenhaus den Tod zur Folge", sagt Hardy Müller vom Aktionsbündnis Patientensicherheit. Demnach würden 17.500 Menschen jedes Jahr in der Klinik durch Kunstfehler umkommen.

Wichtig: Organisationsmängel erkennen

Das ist nicht die vollständige Schadensbilanz: Bis zu 40.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland durch Nebenwirkungen von Medikamenten. Zwischen 500.000 und einer Million Patienten infizieren sich jährlich im Krankenhaus mit Keimen, Tausende sterben daran. Nach Expertenmeinung ließe sich die Hälfte der Kunstfehler und Komplikationen in der Klinik vermeiden.

Um Fehler zu verhindern, muss sich viel verbessern, auch die Kommunikation. "Der Patient weiß am meisten über sich und seine Krankheit", sagt Hoeft. "Zudem kann die Standardisierung von Abläufen eine wichtige Hilfe sein."

Patientenschutzorganisationen haben Checklisten erstellt, damit Medikamente nicht verwechselt werden und bei Operationen an alles gedacht wird. "Das wirkt natürlich nur, wenn das Personal geschult wird", so Hoeft. Das Schwarze-Peter-Prinzip hält Hardy Müller für kontraproduktiv: "Schuldige suchen und feuern, bringt nichts. Wichtiger wäre es, Organisationsmängel zu erkennen, die Fehler wahrscheinlicher machen."

Fühlen sich Patienten geschädigt, bleiben verschiedene Wege. "Wer einen Behandlungsfehler vermutet, sollte zuerst das Gespräch mit den Ärzten suchen", rät Hoeft. "Funktioniert das nicht, gibt es Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern. Auch Krankenkassen bieten Hilfe. Der direkte Weg zu Anwalt und Gericht ist selten zu empfehlen. Meist verschärft es die Situation und bringt Patienten in die schwierige Lage, Fehler nachweisen zu müssen."

Dass die Gefahr für Patienten unterschätzt wird, zeigt die Antwort auf eine aktuelle Anfrage der Grünen im Bundestag: Annette Widmann-Mauz (CDU), Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, führte darin Daten des Statistischen Bundesamtes auf, wonach im Jahr 2010 etwa 1700 Menschen im Krankenhaus starben - und lag damit um den Faktor zehn unter seriösen Schätzungen.

"Wir müssen ehrlich sein", sagt Hardy Müller. "Patientenrechte erfordern Investitionen. Es kostet Geld, Zeit und Mühe, Patienten ordentlich zu informieren und Fehlern im Krankenhaus vorzubeugen."