Pflege Was die Alten brauchen

Jeder Pflegefall braucht die richtige Betreuung.

(Foto: dpa)

Der Staat muss Pflege endlich als Daseinsvorsorge begreifen. Eine Pflege-Vollversicherung wird alle Bürger mehr kosten, aber auch alle besser absichern.

Kommentar von Kristiana Ludwig

Wenn es darum geht, für Alter und Pflegebedürftigkeit vorzusorgen, hat der Staat viel mit einer Durchschnittsfamilie gemeinsam: Man schließt so lange die Augen, bis die Katastrophe da ist. Um die Lage in den unterbesetzten Altenheimen und Kliniken zu verbessern, will die Bundesregierung nun für mehr Mitarbeiter und bessere Löhne sorgen. Das ist auch dringend nötig. Bloß blendet die Regierung dabei aus, dass gute Heime richtig teuer sind. So wie die Pflegeversicherung heute konzipiert ist, werden dafür vor allem die Bewohner selbst zahlen müssen. Es kann nicht sein, dass man sie damit alleinlässt. Solidarisch - und radikal - wäre es, die Pflegeversicherung in eine Vollversicherung zu verwandeln, die alle Kosten trägt.

Wie ein Mensch lebt, wenn er sich nicht mehr selbst helfen kann, ist schon heute eine Geldfrage. Kann sich die Familie eine private Haushaltshilfe leisten? Oder doch nur das Billigheim, das nach dem Personal auch noch das Mittagessen rationiert? Die Pflegeversicherung wird oft als "Teilkasko" bezeichnet, dabei stimmt der Vergleich nicht. Wer sein Auto Teilkasko versichert, darf darauf vertrauen, dass die Versicherung mögliche Schäden abdeckt. In der Pflege zahlt die Versicherung dagegen nur einen Zuschuss, das Kostenrisiko trägt der Einzelne.

Ist eine Pflege-Vollversicherung nötig?

Dass die Pflegeversicherung nur einen Zuschuss zahlt, ist ein Gerechtigkeitsproblem, kommentiert SZ-Autorin Kristina Ludwig. Wohlhabende sind im Alter besser versorgt als arme Familien. Deshalb soll die Pflegeversicherung in eine Vollversicherung umgewandelt werden, die alle Kosten trägt. Stimmen Sie zu? mehr ...

Dieses Prinzip führt zu einem großen Gerechtigkeitsproblem. Wohlhabende sind im Alter besser versorgt als arme Familien. Oft sind es in diesen die Töchter und Schwiegertöchter, die den Eltern helfen. Sie verzichten nicht selten auf ihren Job. Vor einem solchen Einschnitt im Leben schützt sie keine Versicherung.

Jeder Bürgermeister muss sich in Zukunft um eine funktionierende Pflege-Infrastruktur kümmern

Der Staat muss Pflege deshalb endlich als Daseinsvorsorge begreifen, die er genauso wie Bildung oder Rente gewährleistet. Ein Anfang wäre es, das Versicherungssystem umzubauen. Genauso wie bei der Krankenkasse sollte künftig die Gemeinschaft für die Kosten aufkommen, gleichgültig, ob ein Mensch in seiner Wohnung gepflegt wird oder im Heim. Die Kasse bezahlt ja auch jedes Medikament, unabhängig davon, wo der Patient es einnimmt.

Natürlich ist auch die Krankenversicherung kein Selbstbedienungsladen. Ein Arzt entscheidet, was er seinen Patienten verschreibt, und auch Ärzte sind an Richtlinien gebunden. In der Pflege fehlt so eine Instanz. Zwar gibt es einen Medizinischen Dienst, der die Menschen einmal besucht und sie einem der fünf Pflegegrade zuteilt. Doch das ist keine echte Diagnose. Pflegegrad drei etwa bekommen sowohl Menschen, die nicht mehr unter der Dusche stehen können, als auch solche, die sich jeden Tag in der eigenen Nachbarschaft verlaufen. Jede Krankheit ist anders und erfordert spezielle Unterstützung. Nötig wären Pflegeexperten, die ähnlich wie Ärzte die richtige Behandlung anordnen.

So ein System wird alle Bürger mehr kosten - aber es wird auch alle besser absichern.

Damit die Versicherungsbeiträge nicht ins Unendliche steigen, muss der Staat Steuergeld in die Pflege stecken und zugleich den Geschäftemachern auf dem Pflegemarkt Grenzen setzen. Jeder Bürgermeister muss sich in Zukunft um eine funktionierende Infrastruktur für die Pflege kümmern. Dazu gehören auch Häuser, die tagsüber alte Menschen aufnehmen, damit pflegende Angehörige arbeiten können. Sie sollten so selbstverständlich sein wie die Kita im Ort. Weil auch das Alter zum Leben gehört.

Gefragt zu sein reicht nicht

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