Glyphosat im Bier:Man müsste 1000 Maß Bier trinken

Maß auf dem Münchner Oktoberfest, 2006

Gefährlich sind die in Bier gefundenen Glyphosatspuren wahrscheinlich nur, wenn man Hunderte Liter am Tag trinkt.

(Foto: CATH)

Umweltgift trotz Reinheitsgebot? Die Warnung eines Umweltinstituts findet bei vielen Experten keinen Anklang. Die Industrie spricht von "Panikmache".

Von Tina Baier und Berit Uhlmann

Fünfhundert Jahre Reinheitsgebot und dann das: Der Deutschen Lieblingsgetränk enthält Spuren des weit verbreiteten Pestizids Glyphosat. Das gab das "Umweltinstitut München" am Donnerstag bekannt. Der private Umweltschutzverein hatte die 14 beliebtesten Biersorten testen lassen und Rückstände des weit verbreiteten, umstrittenen Pflanzenschutzmittels festgestellt. Die ermittelten Konzentrationen lagen zwischen 0,46 und 29,74 Mikrogramm (Millionstel Gramm) pro Liter Bier. Der höchste Wert wurde in Hasseröder Pils gemessen und lag fast 300 Mal so hoch wie der gesetzliche Grenzwert für Fremdstoffe im Trinkwasser von 0,1 Mikrogramm. Einen Grenzwert für Glyphosat in Bier gibt es nicht.

"Ein Stoff, der wahrscheinlich krebserregend ist, hat weder im Bier noch in unserem Körper etwas verloren", sagt Sophia Guttenberger vom Umweltinstitut. Sie fordert Brauer auf, zu klären, wie das Herbizid ins Bier kommt. Das in Berlin zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht die Nachricht hingegen gelassen. "Um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen, müsste ein Erwachsener an einem Tag rund 1000 Liter Bier trinken", teilte die Behörde mit. Der Industrieverband Agrar kritisiert die "Panikmache des Umweltinstituts München zu Glyphosat-Funden", sprach von einer absurden Kampagne und fragt: Wer trinkt 1000 Liter Bier am Tag?

Für Wissenschafter ist es keine Überraschung, dass der Stoff in Bier nachgewiesen werden kann

Der für Trinkwasser gültige Grenzwert gilt für alle fremden Substanzen. Er ist streng, da beispielsweise auch Babynahrung mit Trinkwasser hergestellt wird. Dass Glyphosatspuren grundsätzlich in Bier zu finden sind, bezweifelt das BfR nicht. Es hält die Rückstände "aus wissenschaftlicher Sicht für plausibel und grundsätzlich erwartbar", da Glyphosat ein zugelassener Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln sei. Auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hält Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Nahrungsmitteln für nicht erstaunlich.

Ins Bier könne das Pestizid beispielsweise gelangen, wenn der Hopfen, den die Bierbrauer verwendet haben, damit behandelt wurde. "Es könnte aber auch schon genügen, wenn auf einem Nachbarfeld Glyphosat eingesetzt wurde und der Wind kleine Mengen des Pestizids auf den Hopfen geblasen hat", sagt der Leiter des Instituts für Lebensmitteltoxikologie und Chemische Analytik in Hannover, Pablo Steinberg. "In vielen Produkten aus der konventionellen Landwirtschaft vor allem in solchen auf Getreidebasis, können Rückstände von Pestiziden enthalten sein", sagt Steinberg.

Glyphosat-Funde in Lebensmitteln sind selten

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hatte im Jahr 2013 mehr als 1400 Proben auf Glyphosat untersucht. In 18 Fällen - überwiegend in Hülsenfrüchten und Getreide - wurden Rückstände gefunden. In zwei Erbsenproben überschritten die Glyphosatspuren den geltenden Höchstwert. Berichte über Glyphosat-Funde in Muttermilch hatten sich in der Vergangenheit jedoch als nicht haltbar erwiesen.

Matthias Liess vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung gibt vorerst Entwarnung. "Glyphosat wirkt im wesentlichen als Pflanzenvernichtungsmittel, und wir sind ja keine Pflanzen." Dennoch sei es wichtig, die Wirkungen von Glyphosat auf den Menschen besser zu erforschen. Sein Instituts-Kollege Matthias Kästner sagt: "Dass die Belastung dramatisch über den Grenzwerten der Trinkwasserverordnung liegen, ist nicht von der Hand zu weisen." Doch seien die Werte sehr niedrig.

Die Münchner Umweltschützer hatten den Gehalt des Pflanzengifts nach eigenen Angaben mit der in der Fachwelt anerkannten "Elisa"-Methode messen lassen und drei Biersorten mit einer weiteren Methode überprüft. Solche Werte können als nachgewiesen gelten, hieß es aus dem Umweltbundesamt. Der Deutsche Brauer-Bund bezeichnete die Studie des Münchner Vereins indes als "nicht glaubwürdig".

Glyphosat ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichtungsmittel. Alleine in Deutschland gibt es 92 Produkte für die Landwirtschaft wie auch für das heimische Gemüsebeet, die den Wirkstoff enthalten. Glyphosat hemmt in Pflanzen ein wichtiges Enzym, das beim Menschen nicht vorkommt.

Ob Glyphosat weiterhin zugelassen sein soll, darüber tobt seit Monaten Streit. Die internationale Krebsforschungsagentur IARC, eine Unterorganisation der WHO, stufte Glyphosat im vergangenen Jahr als "wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen" ein - vergleichbar mit dem Risiko von Fleisch. Die EU-Behörde Efsa und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung halten die Substanz dagegen für "wahrscheinlich nicht krebserregend". Im März wird die Entscheidung der EU-Kommission erwartet, ob Glyphosat in der Europäischen Union weiter verwendet werden darf. In einer Abstimmung lehnte der Bundestag am Donnerstag einen Antrag der Grünen ab, die Neuzulassung unabhängig von der EU-Entscheidung zu verbieten.

© SZ vom 26.02.2016
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