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Medizingeschichte:Als Europa die Pest besiegte

Magic Lantern slide circa 1900 views of London England in Victorian times Looking across the thame

Die Pest brach fast immer in Hafenstädten wie London aus. Bevor ein Matrose dort an Land gehen durfte, musste er sich deshalb gründlich von einem Arzt untersuchen lassen.

(Foto: John Short/imago)
  • Während der letzten großen Pest-Pandemie starben vom späten 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts weltweit 15 Millionen Menschen.
  • In Europa starben hingegen weniger als Tausend Personen an der Seuche. Forscher haben nun rekonstruiert, wie sich der Erreger ausbreitete - und warum Europa glimpflich davonkam.
  • Entscheidend war internationale Zusammenarbeit sowie wissenschaftliche Durchbrüche, etwa neue Theorien zur Verbreitung von Erregern.

Von Clara Hellner

Hätte der indische Matrose im September 1896 mit seinem Fieber und seinen dick geschwollenen Lymphknoten die anderen Männer in seiner Kajüte angesteckt, über einen Floh oder eine Schiffsratte, vielleicht wäre er zu einer historischen Figur geworden: Patient null einer tödlichen Seuche, der erste Fall eines dramatischen Pestausbruchs auf europäischem Boden.

Doch es kam anders. Die englischen Ärzte brachten ihn ins Krankenhaus und untersuchten Schiffsbesatzung und Passagiere. Der Matrose blieb der einzige Pestkranke auf dem Dampfschiff aus Kalkutta, das im Londoner Hafen lag - und steht damit symbolisch für die Eindämmung eines Krankheitserregers, der Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Auch, weil die Medizin Jahrhunderte gebraucht hat, um zu verstehen, wie die Erreger den Körper heimsuchen.

457 Menschen

starben während der dritten Pandemie von 1899 bis 1945 in Europa. Das fand eine Forschergruppe um die Anthropologin Barbara Bramanti heraus, indem sie die in den einzelnen europäischen Städten dokumentierten Krankheitsfälle zusammenrechneten.

Die Pest trägt die Angst schon im Namen: Lateinisch pestis lässt sich wahlweise übersetzen mit Unheil, Verderben oder Untergang. Als die erste große Pandemie den europäischen Kontinent Mitte des 6. Jahrhunderts erreichte, starb im Römischen Reich innerhalb von zweihundert Jahren jeder Vierte an der Justinianischen Pest, benannt nach dem damaligen Kaiser. Und die zweite Pestwelle ging als eine der verheerendsten Pandemien in die Geschichte des Kontinents ein: Jeder dritte Europäer erlag zwischen 1346 und 1353 dem Schwarzen Tod. Schwarz wie die dunkel gefärbten Pestbeulen der Opfer.

Der rasant zunehmende Handel wirkte auf die Seuche wie ein Katalysator

Während der dritten und letzten großen Pandemie schließlich starben, von den ersten Fällen im späten 19. Jahrhundert bis zum Verebben der Pestwelle in der Mitte des 20. Jahrhunderts, auf der ganzen Welt 15 Millionen Menschen. Der rasant zunehmende Handel und die Dampfschiffe wirkten auf die Ausbreitung der Seuche wie ein Katalysator. Erkrankte Besatzungsmitglieder, Reisende und im Getreide versteckte Ratten und Flöhe brachten die Krankheit in diesem halben Jahrhundert immer wieder auch in Europas Hafenstädte. Doch es hatte sich etwas verändert, in Europa brach die Pest im 19. und 20. Jahrhundert überraschenderweise nicht mehr richtig aus: Weniger als tausend Menschen starben. Schlussendlich, mit dem Ende des letzten Ausbruchs im Herbst 1945, wurde die Pest auf dem Kontinent ausgerottet. "Dabei weist nichts darauf hin, dass der Erreger zwischen den letzten beiden Pestwellen weniger ansteckend oder weniger tödlich geworden ist", sagt Maria Spyrou, Paläogenetikerin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Im 19. und 20. Jahrhundert war die Krankheit noch genauso gefährlich wie im Mittelalter.

Hatten die Europäer also einfach Glück, dass die dritte Welle der Pest auf ihrem Kontinent so glimpflich verlief? Oder war das ein Triumph der modernen Medizin? Lange war wenig bekannt, wie Ärzte im 20. Jahrhundert versuchten, einen Ausbruch der Pest in europäischen Hafenstädten zu verhindern. Es gibt keine kollektive Erinnerung an die Pandemie. Lediglich viele einzelne Quellen sind überliefert: Zeitungsberichte, Niederschriften von Ärzten, Erzählungen und Berichte von Bewohnern. Die Anthropologin Barbara Bramanti und ihre Forschergruppe haben diese Schnipsel der Medizingeschichte jetzt gesammelt und zu einem großen Bild zusammengefügt. Ihre Arbeit, vor Kurzem im Journal Proceedings of the Royal Society veröffentlicht, eröffnet einen neuen Blick auf den Kampf der Europäer gegen die Pest.

15 Millionen

Menschen starben nach Schätzungen während der dritten und letzten weltweiten Pandemie. Die meisten Opfer der Seuche mussten Indien und China beklagen. Aber auch Länder in Südamerika und in Afrika sowie Australien verzeichneten größere Ausbrüche.

Die Dokumente zeigen: Schon einige Jahre bevor der indische Matrose 1896 im Londoner Hafen an der Pest starb, nahm der letzte große Ausbruch der Seuche in Asien ihren Anfang. Im Südwesten Chinas steckten sich Menschen bei pestkranken Murmeltieren an, wie der Historiker Myron Echenberg in seinem Buch "Plague Ports" rekonstruiert. Zu Beginn des Jahres 1894 besuchten Bewohner Hongkongs ihre Familien in China für das traditionellen Neujahrsfest - und brachten die Pest bei ihrer Rückkehr mit in die Kolonie. Vom Hafen der Stadt wurden Seide, Porzellan und Tee in die Welt verschifft, ideale Bedingungen für die Erreger, um sich auszubreiten. Über die Dampfschiffe gelangte die Krankheit nach Südamerika, nach Australien und nach Indien. Und von dort aus in einen europäischen Hafen, nach London.

Bislang hatten sich Ärzte eine Seuche wie die Pest mithilfe der jahrtausendealten galenischen Medizin erklärt: Ein Mensch werde krank, so die Vorstellung, wenn vier Körpersäfte - Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle - ins Ungleichgewicht geraten. Ursächlich dafür, nahmen die Pestärzte über Jahrhunderte fälschlicherweise an, seien Miasmen: übel riechende Dämpfe, womöglich aus Asien herübergeweht. Doch Behandlungsversuche wie Kräuterverbrennungen und der Aderlass blieben erfolglos. Am wirksamsten erwies sich da noch die gnadenlose Quarantäne der Pestkranken.

Eine internationale Konferenz sollte den Erreger stoppen

Diesmal aber schien sich an dieser Vorstellung etwas zu ändern. Etwa zeitgleich zum Ausbruch entdeckte der französische Arzt Alexandre Yersin in Hongkong den Pesterreger - das nach ihm benannte Bakterium Yersinia pestis. In Europa setzte sich ein neuer Gedanke durch: Um den "bedrohlichen Aufstieg der asiatischen Pest" zu verhindern, so schrieb der österreichisch-ungarische Arzt Count Francis Lützow damals, würden die Regierungen zusammenarbeiten müssen. Im Februar 1897, wenige Monate nach dem Tod des Matrosen im Londoner Hafen, trafen sich Delegierte aus zwanzig Staaten, die meisten berühmte Hygieneärzte und Bakteriologen, zur internationalen Hygienekonferenz von Venedig.

Ähnliche Konferenzen hatte es bereits in den Jahren zuvor gegeben, zum Beispiel um über den Umgang mit der Cholera zu diskutieren. Doch die Konferenz im Frühjahr 1897 in Venedig war eine der ersten, bei der eine gemeinschaftliche Strategie gegen eine Seuche herauskam: Alle wichtigen Staaten - Großbritannien, Frankreich, die USA und vierzehn weitere - unterzeichneten die Konvention zur Eindämmung der Pest. Die Konferenz war damit ein wichtiger Meilenstein der gerade entstehenden internationalen Anstrengung gegen die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. In Venedig gelang ein entscheidender Umbruch in der Geschichte der Medizin - weg von spirituellen Vorstellungen hin zu Strategien der Seuchenbekämpfung, wie man sie auch heute noch kennt.

Liverpool Port Sanitary Authority rat-catchers dipping rats in buckets of petrol to kill fleas for plague control. Liverpool, England. Photograph, 1900/1920. Credit: Wellcome Collection. CC BY

In Liverpool wurden tote Ratten in Petroleum getaucht. So wollte man Flöhe und Erreger abtöten

(Foto: Wellcome Collection. CC BY)

Im Konferenzsaal in Venedig zweifelten im Frühjahr 1897 nun fast alle Ärzte an Miasmen als Ursache der Pest. Ein neues Krankheitsmodell setzte sich durch, die Infektionstheorie: Nicht Körpersäfte oder Düfte, sondern ein lebendiges Bakterium oder ein Virus verursachen eine Krankheit.

Und diese Theorie war gerade dabei, die Medizin fundamental zu verändern. Ärzte und Chemiker wie Robert Koch und Louis Pasteur suchten im Labor nach Erregern der Tuberkulose, des Milzbrands und der Diphtherie. Ideen wie die der Desinfektion, der Isolation von Kranken und einfache Hygienestandards wie Abwassersysteme und Trinkwasserkontrollen in größeren Städten setzten sich immer mehr durch.

Der Übertragungsweg der Erreger blieb den Bakteriologen lange Zeit ein Rätsel

Dies führt dazu, dass an den Grenzen der Ausbruchsregionen - Indien, Pakistan, Russland - nun Waren und Reisende kontrolliert werden sollten, notfalls durften die Staaten ihre Grenzen sogar schließen. Entlang vielbereister Routen, zum Beispiel am Persischen Golf, richteten die Europäer Desinfektionsstationen zur Abtötung der Pesterreger ein, Kleidung wurde in Öfen verbrannt. Brach die Pest dennoch in einer Stadt aus, musste die Regierung das fortan offiziell melden. Auf Dampfschiffen untersuchte ein Schiffsarzt die Besatzungsmitglieder wöchentlich.

Die Mediziner wussten: Die Beulenpest, die häufigste Form der Pest, fängt oft mit eher allgemeinen Beschwerden an, bevor die typischen dick geschwollenen Lymphknoten sichtbar werden. Wer Fieber hatte oder sich krank fühlte, kam deshalb vorsorglich in Isolation. Schiffe, die über das Rote Meer oder den Persischen Golf in europäische Häfen einliefen, wurden genau beobachtet. Je nachdem, ob der Kapitän verdächtige oder gar klar diagnostizierte Pestkranke meldete, durfte das Schiff erst nach gründlicher Desinfektion und Isolation der Kontaktpersonen anlegen. Aus Häfen, in denen die Pest ausgebrochen war, mussten nun auch Waren desinfiziert werden: Baumwolle, Leinen, Getreide.

Viele dieser Maßnahmen sind nicht weit weg von dem, was Experten heute anordnen, wenn eine Krankheit ausbricht. Und doch war das medizinische Verständnis der Pest zu Ende des 19. Jahrhunderts begrenzt: Obwohl viele Bakteriologen bei der Erforschung des Erregers im Labor oder bei Autopsien ein hohes Risiko eingingen - häufig waren sie spartanisch ausgerüstet, ohne Handschuhe oder Desinfektionsmittel - blieben Versuche, ein Gegenmittel zu entwickeln, weitgehend erfolglos. Eine Therapie gab es nicht. Mikrobiologen tüftelten zwar an Impfstoffen, doch schützten diese Immunseren gegen die Erreger nur wenig.

Auch der Übertragungsweg der Pest blieb den Bakteriologen zu Beginn der dritten Pandemie ein Rätsel. Im Protokoll der Konferenz schrieb Adrien Proust, Generalinspektor der französischen Gesundheitsbehörde und damals führender Hygienearzt: "Die Pest scheint sich zu übertragen durch Exkremente der Patienten, über Körperflüssigkeiten, über kontaminierten Stoff, Kleidung, und Hände." Das ist nicht falsch: Der Erreger kann tatsächlich durch Speichel, Blut oder Eiter aus den geplatzten Beulen eines Kranken übertragen werden. Und wer an der deutlich selteneren Lungenpest erkrankt, kann andere Menschen sogar durch Husten anstecken. Der durchaus häufigere Übertragungsweg ging in jener Zeit allerdings über Flöhe: Die Parasiten bissen eine infizierte Ratte oder einen kranken Menschen, saugten mit dem Blut das Pestbakterium auf - und übertrugen den Erreger mit dem nächsten Biss auf einen anderen Menschen.

Doch Ende des 19. Jahrhunderts zweifelten viele Ärzte an dieser Theorie. Prousts Protokoll der Konferenz in Venedig erwähnt die Parasiten mit keinem Wort. Dabei hatte beispielsweise in London, wo sich in den dicht besiedelten Slums mehrere Tausend Menschen ein öffentliches Badehaus teilten, jedes dritte Kind Flöhe.

"Die Pest kann heute keine Katastrophen mehr anrichten"

Stattdessen konzentrierten sich die Ärzte damals auf ein anderes Tier: die Ratte. Heute ist unter Historikern umstritten, wie wichtig die Tiere während der letzten Pandemie tatsächlich waren. Schwarze Schiffsratten übertragen die Seuche zwar sehr effektiv, da sie nah am Menschen in Gemäuern nisten. Doch sie wurden im 18. Jahrhundert in Europa weitgehend verdrängt. Aus Russland eingeschleppt, sind ihre braunen Artgenossen weniger kälteempfindlich. Sie leben in dunklen Kellern und Erdhöhlen - und damit zu weit weg, um pestinfizierte Flöhe auf den Menschen zu übertragen. Für die Ärzte im 19. Jahrhundert stand jedoch fest: Die Nagetiere müssen weg. Jede Ratte, jede Maus gelte es zu töten, sagte damals Patrick Manson, der Begründer der Tropenmedizin. Hafenstädte, so empfahl es die in Venedig erarbeitete Konvention, sollten einen Rattenoffizier benennen. Vielerorts entwickelte sich eine regelrechte Rattenparanoia. Zehntausende Tiere wurden auf Schiffen und in den Städten gefangen, getötet und im Labor auf Pesterreger hin untersucht.

Das Gerücht kam auf, Wissenschaftler würden Patienten gezielt infizieren

Ob es am Ende eine infizierte Ratte war, ein Floh oder ein kranker Matrose: Wie genau die Pest zwei Jahre nach der Konferenz in Venedig im Frühjahr 1899 über das Mittelmeer nach Europa kam, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Jedes Schiff, das damals in Alexandria anlegte, hätte die Seuche mitbringen können. Und so kam es, dass dort damals die Pest ausbrach. Dieser Ausbruch, im größten Hafen des Mittelmeers, rückte die Krankheit noch einmal näher an Europa heran.

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Händler und Kaufleute protestierten vor dem Aktienmarkt in Porto gegen die Einrichtung eines strengen, militärisch abgeriegelten Sperrgebiets rund um die Hafenstadt.

(Foto: Image courtesy of Centro Português de Fotografia)

Von da an dokumentierten fast alle europäischen Hafenstädte regelmäßig Pestfälle. Gleich der erste nennenswerte Ausbruch in Europa in Porto, zwei Wochen nach den ersten Fällen in Alexandria, zeigte, was die Krankheit auch auf diesem Kontinent noch anrichten konnte: 322 Krankheitsfälle registrierten die Ärzte in Porto bis zum Herbst, wahrscheinlich aber waren es mehr.

Und die zögerliche Haltung der portugiesischen Regierung verschlimmerte die Lage: Sie ignorierte die in Venedig beschlossene Konvention - und damit letztlich die noch heute geltenden Regeln der Infektionsmedizin. Zwei Monate zögerten Regierungsbeamte eine offizielle Meldung hinaus, in dieser Zeit breitete sich die Seuche in den ärmeren Vierteln der Stadt aus. Zeitungen durften nicht über die Pest berichten. Hinzu kam, dass die Bewohner Portos herbeieilende Bakteriologen aus Frankreich, Spanien und England mit Skepsis empfingen. Das Gerücht kam auf, sie würden die Patienten gezielt infizieren. Statt in das moderne Isolationskrankenhaus zu gehen, ließen sich Pestkranke zu Hause pflegen. Daraufhin isolierten die Behörden ganze Familien, manchmal zu neunt in einem Raum.

Wer es sich leisten konnte, bestach einen der 2500 Soldaten und verließ das nach dem Ausbruch eingerichtete Sperrgebiet. Händler konnten ihre Waren nicht mehr verkaufen. Porto steckte in einer handfesten Wirtschaftskrise, die Menschen hungerten und organisierten öffentliche Proteste.

Dass im Herbst 1899 der Pestausbruch trotz des Chaos schließlich zu Ende ging und die Seuche sich nicht in ganz Europa verbreitete, sei ein Wunder, urteilte der französische Arzt Albert Calmette. Porto hatte Glück: Die Stadt war damals abgelegen, ohne direkte Zugverbindungen, und der frühe Wintereinbruch erschwerte es dem Erreger, sich auszubreiten. Und doch machen die vielen Pestfälle in Porto deutlich, welchen Stellenwert die in Venedig beschlossenen Maßnahmen hatten.

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In den ärmeren Vierteln Portos brannten Desinfektionsbrigaden die Häuser der Pestkranken aus, um die Ausbreitung des Erregers zu stoppen.

(Foto: Image courtesy of Centro Português de Fotografia)

In anderen Orten, bei späteren Ausbrüchen der Pest, erfüllte die im Frühjahr 1897 in Venedig beschlossene Konvention ihren Zweck. Die Ärzte, die in den Hafenstädten gegen eine Ausbreitung der Seuche kämpften, hatten Erfolg. So erkrankten in Glasgow im Herbst 1900 insgesamt 36 Menschen an der Pest, bis der Arzt Archibald Kerr Chalmers jeden einzelnen Patienten in der Übertragungskette rekonstruierte und herausfand: Keimzelle des Ausbruchs war wohl die Totenwache für die ersten beiden Patienten, einer alten Frau und ihrem Enkelkind. Mit dem Verbot dieser schottischen Tradition gelang es ihm schließlich, die Ausbreitung der Pest zu stoppen.

Einige Jahre später, im Jahr 1920, erkrankten in Paris fast hundert Menschen während der "Pest der Lumpenhändler": Benannt nach den Opfern, die in extremer Armut lebten - ohne sauberes Trinkwasser, Abwassersysteme oder Badehäuser. Abgesehen von einigen Ärzten waren es in Europa fast immer die Bewohner solcher Slums, die an der Pest erkrankten: Matrosen, Hafenarbeiter und ihre Familien.

In vielen Städten, vor allem in griechischen Häfen am Mittelmeer entlang viel befahrener Routen und in englischen Hafenorten, brach die Seuche bis in die 1940er- Jahre immer wieder aus. Mancherorts dokumentierten Ärzte jedes Jahr neue Fälle, doch mehr als ein Dutzend waren es selten.

Das letzte Mal starben Menschen in Europa an der Pest im Jahr 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs in Tarent. Die Alliierten hatten die italienische Stadt besetzt und hielten den Ausbruch geheim. Ein wirksames Antibiotikum gegen die Pest steckte damals noch in der Entwicklungsphase, den Ärzten in Tarent stand es für die Behandlung ihrer Patienten nicht zur Verfügung. Also isolierten sie wieder die Pestkranken, 5000 Ratten wurden getötet - und die Alliierten setzten gegen Flöhe zum ersten Mal das Insektizid DEET ein. Nach drei Monaten war der Ausbruch beendet.

Nach den heutigen Dokumentationen der Anthropologin Bramanti erkrankten vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Herbst 1945 in ganz Europa 1692 Menschen an der Pest, 457 von ihnen starben. Die Hygieneärzte und Bakteriologen von damals bewerteten das als eindeutigen Erfolg der Medizin. "Die Pest kann heute keine Katastrophen wie im 14. Jahrhundert mehr anrichten", resümierte der französische Arzt Adrien Proust. In seinen Augen verantwortlich dafür: Die moderne Hygiene, umgesetzt in der Konvention von Venedig. Die Genetikerin Maria Spyrou gibt dem recht, wenn auch zurückhaltend: "Nach heutigem Forschungsstand waren die Maßnahmen dieser Konferenz entscheidend."

Es wurde deutlich, wie leicht Erreger inzwischen Grenzen und Ozeane überwinden können

Bis heute wirkt der Kampf der Europäer gegen die Pest nach: Ihr Erfolg legte den Grundstein dafür, wie die internationale Staatengemeinschaft seitdem gegen gefährliche Seuchen vorgeht. Die dritte Pestwelle, schreibt der Historiker Echenberg in seinem Buch "Plague Ports", sei nötig gewesen, "um den Europäern zu zeigen, wie leicht Infektionskrankheiten inzwischen Grenzen und Ozeane überwinden können".

Unter dem Eindruck der letzten Pandemie der Pest, noch während die Krankheit in europäischen Hafenstädten immer wieder ausbrach, entschlossen sich die Ärzte im Dezember 1907 zu einem Schritt von historischer Bedeutung. Sie gründeten das Office International d'Hygiène Publique, eine Organisation, die den Kampf gegen die Cholera, das Gelbfieber und die Pest kontrollieren sollte. Damit ist sie Vorläufer einer Behörde, die bis heute zu den wichtigsten Errungenschaften der internationalen Zusammenarbeit zählt: die Weltgesundheitsorganisation. Im vergangenen Jahrhundert, seit der Ausrottung der Pest in Europa, hat sie zahlreiche tödliche Seuchen bekämpft, von Polio über Pocken bis hin zu Aids und Ebola. Ihr Anspruch: Millionen Menschen weltweit ein gesundes Leben zu ermöglichen.

© SZ vom 29.06.2019
African slaves skinning a boa constrictor on a plantation in Surinam.

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