Paxlovid:Die Corona-Pille des Kanzlers

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Paxlovid: Fünf Tage lang morgens und abends einzunehmen: das Corona-Medikament Paxlovid.

Fünf Tage lang morgens und abends einzunehmen: das Corona-Medikament Paxlovid.

(Foto: JOE RAEDLE/afp)

Das Medikament Paxlovid hat Olaf Scholz angeblich auf die Beine geholfen, doch Ärzte sind mit der Verschreibung sehr zögerlich. Dabei gäbe es viele Infizierte, die Paxlovid retten könnte - wenn bestimmte Regeln eingehalten werden.

Von Michael Brendler

Dem Coronapatienten Olaf Scholz scheint das Medikament gut bekommen zu sein. Der Eindruck drängt sich zumindest auf. Schon vier Tage nach Bekanntgabe seiner Coronainfektion war der Bundeskanzler am Donnerstag neben Finanzminister Christian Lindner schon wieder live bei einer Pressekonferenz zu sehen. Gut, man verkündet nicht alle Tage einen Anti-Gaskrisen-Doppelwumms. Der Corona-Test des Kanzlers sei bereits wieder negativ, sagte Lindner erleichtert und meinte auch zu wissen warum: Olaf Scholz habe das Corona-Mittel Paxlovid bekommen. "Ich glaube, das sollte in Deutschland öfter genutzt werden", sagte der 43-jährige FDP-Chef. Auch ihm hätten die Tabletten, die die Vermehrung des Virus hemmen, im April in Washington die Quarantänezeit verkürzt.

Christian Lindner hat noch einen anderen Grund für seine etwas eigenartig anmutende Medikamentenwerbung. Ende vergangenen Jahres hat die Bundesregierung eine Million Behandlungseinheiten Paxlovid gekauft. Damals galt es noch als großer Hoffnungsträger. Weil die Ärzte jedoch bislang mit der Verschreibung zögern, bleibt der Staat auf ihnen sitzen. Fast 900 000 Dosen stapeln sich noch in den Lagern. Obwohl sie kostenlos abgegeben werden.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat kürzlich in einem Verzweiflungsakt erlaubt, dass Ärzte das Medikament selbst an ihre Patienten abgeben dürfen. Normalerweise ist das Apothekern vorbehalten. Die Begeisterung dafür zieht er aus einer Studie aus Israel. In der Untersuchung waren die Krankenkassen so weit gegangen, Patienten das Paxlovid direkt nach Hause zu schicken. Vorausgesetzt diese hatten einen positiven Coronatest und galten als besonders gefährdet für einen schweren Verlauf - zum Beispiel, weil sie im Rentenalter waren und zusätzlich mindestens einen weiteren Corona-Risikofaktor wie eine schwere Vorerkrankung mitbrachten. Rund 4000 Omikron-Infizierte erhielten das Medikament. Im Vergleich zu ihren mehr als 100 000 Leidensgenossen, bei denen keine Tabletten im Briefkasten lagen, war ihr Risiko, wegen Corona ins Krankenhaus zu kommen, um 73 Prozent verringert. Ihr Risiko, durch das Virus zu sterben, lag sogar 79 Prozent niedriger.

Eigentlich wird das Mittel erst ab 65 Jahren empfohlen, wenn man keine Risikofaktoren hat

Das galt zumindest für die Teilnehmer im Rentenalter. Bei jüngeren Risikopersonen, schreiben die Wissenschaftler, fanden sich keine Beweise, dass sie von der Einnahme profitierten. Die Pille ersparte dem ein oder anderen zwar einen Klinikbesuch, hob aber in dieser Gruppe gleichzeitig das Sterberisiko. Menschen, die die 65 noch nicht erreicht haben und bei denen nicht mindestens zwei weitere Risikofaktoren wie eine fehlende Impfung oder Gesundheitsprobleme wie Diabetes oder Adipositas dazukommen, wird das Mittel - zumindest in Deutschland - nicht empfohlen.

Insofern kann man sich durchaus die Frage stellen: Warum haben Lindner und Scholz Paxlovid überhaupt genommen? Bernd Salzberger, Chef der Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg, kennt zumindest einen Grund: Auch in diesem Alter sei das Mittel oft in der Lage, die Dauer der Infektion zu verkürzen. Richtig von der Gabe profitieren würden aber nur Senioren und andere besonders gefährdete Patienten wie Menschen mit einem stark geschwächten Immunsystem.

Vorausgesetzt Paxlovid wird früh genug genommen: Nur in den ersten fünf Tagen nach Symptombeginn seien die Tabletten in der Lage, die Vermehrung des Virus ausreichend zu bremsen, erklärt Salzberger. Danach sind Infektion und Immunreaktion so weit vorangeschritten, dass mit der Gabe nur noch wenig zu erreichen ist. "Das Mittel wirkt umso besser, je eher es genommen wird."

Bleibt die Frage: Warum wird das Paxlovid trotzdem so selten verschrieben? "Die Patienten in den Praxen haben im Augenblick dringlichere Probleme", sagt Martin Scherer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Viele Ärzte hätten die Erfahrung gemacht, dass die meisten Infizierten auch ohne Paxlovid milde Verläufe erleben.

Ein Problem ist, dass das Mittel den Abbau anderer Medikamente beeinflusst

Was nicht heißt, dass er die Wirksamkeit des Virostatikums bezweifelt. Seine Fachgesellschaft hat das Mittel in eine Art Behandlungsleitfaden aufgenommen, jedoch nicht als therapeutisches Muss, sondern als Kann-Empfehlung. Übersetzt bedeutet das, der Hausarzt soll abhängig vom Zustand des Patienten selbst entscheiden: "Wenn ich als Arzt jemanden vor mir habe, von dem ich weiß: Den hat in der Vergangenheit die Grippe schon zweimal fast umgepustet, dann würde ich dem selbstverständlich Paxlovid empfehlen", so Scherer. Handele es sich jedoch um jemanden, der eine "Konstitution wie ein Baum" aufweise, dann könne man sich als Arzt schon fragen: "Soll ich das Riesenfass mit den Wechselwirkungen jetzt wirklich aufmachen?"

Er spricht damit ein Problem an, das viele Ärzte beim Verschreiben der Pillen zögern lässt. Zusätzlich zum antiviralen Wirkstoff Nirmatrelvir enthalten die Tabletten einen zweiten: Ritonavir soll dafür sorgen, dass sie besser verstoffwechselt werden. Doch das kann auch den Abbau anderer Medikamente durcheinanderbringen. Darunter befinden sich zum einen Mittel, auf die man fünf Tage gut verzichten kann: Lipidsenker zum Beispiel. Länger wird Paxlovid nicht eingenommen. Aber auch Gerinnungshemmer und Epilepsiemedikamente, bei denen es mindestens heikel ist, eine Therapiepause einzulegen. Und es kostet viel Zeit, die Warnungen auf dem Beipackzettel mit den Medikamentenlisten seiner älteren Patienten abzugleichen.

Probleme kann es auch mit frei verkäuflichen Substanzen wie Johanniskraut-Extrakten geben. Ebenfalls auf der Liste der Ausschlusskriterien stehen Begleiterkrankungen wie Leber- oder Nierenstörungen.

Siegbert Rieg, der die Infektiologie der Uniklinik Freiburg leitet, hat deshalb Verständnis für die Zurückhaltung der Hausärzte. "Für uns im Krankenhaus ist es einfach zu sagen, gebt es allen", sagt er. Er habe nicht den Zeitdruck wie die Kollegen in den Praxen. Zudem ist die Perspektive in der Klinik eine andere: "Wir sehen hier vor allem die Patienten mit den komplizierten Verläufen." Menschen, bei denen man im Nachhinein oft sagen kann: Paxlovid hätte ihnen womöglich einiges ersparen können. "Einem über 65-Jährigen mit zusätzlichen Risikofaktoren würde ich das Mittel in der Regel dennoch möglichst frühzeitig geben", sagt er. Räumt aber ein: Am Ende müsse man den Zustand und die Begleiterkrankungen des ganzen Menschen betrachten.

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