Süddeutsche Zeitung

Pannenserie in US-Laboren:Gefährliche Erreger in der Post

Pocken, Anthrax, Vogelgrippe: Ein Institut findet in einer Abstellkammer vergessene Viren, zwei Labore liefern versehentlich hochpathogene Keime aus. Die USA sorgen sich um die Sicherheit in der Mikrobiologie.

"Die Labore sind sicher". Immer wieder fällt dieser Satz, wenn Experten und Öffentlichkeit sich darüber sorgen, dass nach wie vor Erreger der längst ausgerotteten Pocken aufbewahrt werden. Unter strengstem Schutz, heißt es, lagern die potenziell tödlichen Viren bei der US-Seuchenschutzbehörde CDC in Atlanta und in einem staatlichen russischen Forschungszentrum in Nowosibirsk. Doch kürzlich machten Arbeiter an einem ganz anderen Ort, in einem Labor in Maryland, eine bizarre Entdeckung: Sie fanden sechs Phiolen mit Pockenerregern, versehen mit dem Datum 10. Februar 1954. Ein potenzieller Killer, vergessen in einem Pappkarton in einer Abstellkammer der Nationalen Gesundheitsinstitute, der US-Behörde für biomedizinische Forschung?

Die Flaschen waren fest verschlossen, doch wie die eigentlich zuständige CDC zwischenzeitlich festgestellt hat, enthielten zwei von ihnen noch aktive Erreger. Die Seuchenschutzbehörde konnte in diesem Fall als Retter auftreten, der die gefährlichen Viren in großer Geschwindigkeit sicherstellte, analysierte und sie nach Abschluss der Untersuchungen vernichten wird. Doch in den vergangenen Wochen ereigneten sich zwei weitere Vorfälle, die ein anderes Licht auf die Institution werfen, die ihr Direktor Tom Frieden als das "Referenzlabor der Welt" bezeichnet.

Vor einem Monat wurde bekannt, dass möglicherweise mehrere Dutzend Wissenschaftler der CDC Anthrax-Bakterien zugesandt bekamen, die nicht mit der Standardmethode abgetötet und damit unter Umständen noch infektiös waren. Abgeschickt waren sie von einem CDC-Labor, dessen Arbeitsweise Frieden als "vollkommen inakzeptabel" bezeichnete.

Zwischenfall mit Influenzaviren wurde erst spät bekannt

Die Mitarbeiter hatten eine Sterilisationsmethode verwendet, die nicht der Norm entsprach. Sie hatten vor dem Absenden nicht kontrolliert, ob die Erreger tatsächlich inaktiviert waren; sie hatten offenbar gar kein funktionierendes Kontrollsystem. Der Vorfall ging nach Einschätzung der CDC glimpflich aus. Dennoch, so Frieden: "Das hätte niemals passieren dürfen." Gleiches gilt für einen weiteren Vorfall den der Behördenchef als besorgniserregendsten der jüngsten Ereignisse bezeichnete. Pikant ist daran vor allem, dass er sich bereits im Mai ereignet hatte, aber erst Ende vergangener Woche bekannt wurde.

Auch in diesem Fall verschickte ein CDC-Labor Erreger, die weit gefährlicher waren, als die Empfänger ahnten. Die Forschungsabteilung des US-Landwirtschaftsministeriums hatte geglaubt, weitgehend harmlose Influenzaviren zu erhalten. Als sich die Erreger auf unerwartet verhielten, wurden die Forscher misstrauisch und testeten die Proben. Es stellte sich heraus, dass sie Viren bekommen hatten, die mit dem hochpathogenen Erregern der Vogelgrippe H5N1 verunreinigt waren. Auch dieser Vorfall blieb ohne gesundheitliche Folgen für die Beteiligten. Doch die CDC sah sich veranlasst, Konsequenzen zu ziehen.

Die beiden Labore, in denen sich die Zwischenfälle ereignet hatten, wurden zunächst geschlossen. Alle CDC-Labore der höchsten Sicherheitsstufen 3 und 4 dürfen erst wieder Erregerproben verschicken, wenn sie sich einer Sicherheitskontrolle unterzogen haben. Die Nationalen Gesundheitsinstitute sind zu einer Inventur angehalten, um weitere heikle Funde auszuschließen.

In Deutschland ereignete sich der letzte Zwischenfall mit hochpathogenen Erregern 2009 am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut. Eine Forscherin hatte sich beim Arbeiten mit Ebola-Erregern mit einer Nadel gestochen. Am Ende konnte das Institut Entwarnung geben. Andere Unfälle hatten weiterreichende Folgen. In Russland starb vor zehn Jahren eine Forscherin an Ebola. Auch sie hatte sich mit einer Kanüle verletzt - in eben jenem sibirischen Labor, in dem noch heute Pockenbestände lagern. Und wie aktuell die CDC musste das Institut damals einräumen, den Vorfall viel zu spät gemeldet zu haben.

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Quelle:
SZ vom 15.07.2014
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