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Krisenbewältigung:Schluss mit den Erlöserfantasien

Bundesamt legt Bevölkerungsdaten vor

Maske tragen, aufeinander Rücksicht nehmen - wie gut eine Krise bewältigt wird, bestimmt das Kollektiv und nicht einzelne Personen.

(Foto: Stefan Sauer/dpa)

Nicht einzelne Politiker oder Virologen retten uns während der Corona-Pandemie, sondern die Kollektivleistung vieler.

Kommentar von Berit Uhlmann

Gerade hat die Wissenschaft in all ihrer Nüchternheit eine trostreiche Geschichte zerstört: die Saga nämlich, dass Länder mit einer Frau an der Spitze besonders gut durch die Corona-Pandemie kommen. Gerne und oft wurde sie erzählt - anhand der Beispiele der Krisenmanagerin Angela Merkel und der jungen, ebenso empathischen wie mitreißenden neuseeländischen Regierungschefin Jacinda Ardern. Mehr Beispiele beinhaltete diese Story oft nicht; und so schauten Wissenschaftler aus den USA und Großbritannien im Fachblatt Plos One einmal gründlich hin, wie es sich denn global gesehen verhält mit den Frauen und den Erfolgen in der Krise.

Derart trocken betrachtet zeigte sich: Die reine Anwesenheit einer Frau an der Spitze einer Regierung steht in keinem Zusammenhang zur Bewältigung der Pandemie - zumindest gemessen an den Sterberaten ihres Landes. Viel eher dürften kulturelle Werte eines Staates den Ausschlag für den Erfolg geben, Werte, die sowohl Frauen in Top-Positionen befördern als auch in Fragen der öffentlichen Gesundheit eine große Rolle spielen. Ein Sinn für Gleichheit und Gerechtigkeit gehört dazu, die Bereitschaft, Rücksicht zu nehmen, eine Orientierung am Gemeinwohl statt am Individuum, Flexibilität statt Beharren auf Traditionen.

Die Probleme muss die Gemeinschaft in den Griff bekommen

Und so stecken in dem Narrativ und seiner Entzauberung auch Lehren, die weit über Geschlechterfragen hinausgehen. Es offenbart, wie sehr die Menschen in der Krise auf Einzelne in führenden Positionen setzen. Auf die Politikerin, die jetzt mal dafür sorgen soll, dass der ganze Schlamassel verschwindet - und zwar ein für allemal und pronto, man wartet schließlich schon lange genug. Auf individuelle Wissenschaftler, die Antworten liefern sollen auf alles, was diese acht Milliarden Menschen umfassende Pandemie in all ihren Wendungen und Verästelungen betrifft. Und auch dies bitte sofort und allgültig und ohne jeden Zweifel. Im Kern steckt in diesen Erwartungen die Sehnsucht nach einem Erlöser.

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Dabei wird übersehen, dass Wissenschaft und daraus folgende politische Schlüsse langsam wachsende Kollektivleistungen sind. Das aktuelle Wissen zu Covid-19 speist sich nicht nur aus den Erkenntnissen einzelner Virologen, sondern aus mehr als 80 000 Studien aus vielen Disziplinen - von den Ingenieurs- bis zu den Sozialwissenschaften. Vor allem aber täuschen die großen Erwartungen darüber hinweg, dass es die Gesellschaft ist, die über die Krisenbewältigung entscheidet. Die Gemeinschaft, die sich auch in schweren Zeiten auf solidarische Werte besinnt. Die Rücksicht nicht aufgibt, auch wenn es hart ist. Die Moral von der Geschichte also heißt: Die Erlöser, das sind wir alle.

© SZ
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