Epidemiologie:Alle Toten zählen

Epidemiologie: Covid-19 zeigt, wie verheerend es ist, wenn spezifische Mittel fehlen, um eine Gesundheitsgefahr zu bannen.

Covid-19 zeigt, wie verheerend es ist, wenn spezifische Mittel fehlen, um eine Gesundheitsgefahr zu bannen.

(Foto: Sam Panthaky/AFP)

Die Opfer der Corona-Pandemie zu bagatellisieren, weil es auch andere Krankheiten und Gesundheitsgefahren gibt, führt in die Irre. In allen Fällen muss gehandelt werden.

Kommentar von Berit Uhlmann

Zunächst waren es die Verkehrstoten. Kaum hatte das neue Coronavirus erste Menschenleben gefordert, riefen einige in die Debatte, dass ja pro Jahr etwa 3000 Menschen im Straßenverkehr sterben, ohne dass dies jemanden interessieren würde. Dann kam der Grippevergleich: Bis zu 25 000 Menschen sterben jährlich an der saisonalen Influenza, und wieder war zu hören, dass dieses Problem -anders als Covid-19 - überhaupt keine Beachtung fände.

Beide Werte wird Sars-CoV-2 spätestens am Samstag auch in Deutschland gerissen haben. Am Freitag wurde die Zahl der Covid-Todesopfer mit 24 938 beziffert. Und wer nun die Vergleiche weiter eskaliert und Sterbestatistiken über Herzinfarkt und Krebs aus der Schublade holt, sollte einen Blick in die USA werfen. Wissenschaftler haben gerade im Fachblatt Jama dargelegt, dass die täglichen Covid-Todeszahlen in ihrem Land aktuell - wie schon während der ersten Welle - deutlich über denen von Herzerkrankungen und Krebs liegen.

Jeder Autofahrer ist Teil eines riesigen Kontrollprogramms gegen Verkehrsunfälle

Das Coronavirus ist damit momentan die häufigste Todesursache in dem Staat, dessen Kampf gegen die Infektionen an politischer Unfähigkeit krankt. Die Entwicklungen zeigen, welch schauriges Potenzial Sars-CoV-2 hat. Wie falsch all jene liegen, die glauben, die Maßnahmen gegen Covid seien übertrieben. Wie gefährlich das Kleinreden der Pandemie ist.

Zugleich führen diese Vergleiche aber auch zu zunehmend ärgerlichen Kollateralschäden. Denn die permanente Wiederholung, dass sich niemand für die Verkehrstoten oder all die Opfer anderer Gesundheitsgefahren interessieren würde, dass man sich daran gewöhnt hätte, sie gar schulterzuckend in Kauf nehmen würde, ist grundfalsch. Jeder einzelne, der in ein Auto steigt, ist Teil eines gigantischem Kontrollprogrammes gegen Verkehrsunfälle. Das fängt beim Anlegen des Sitzgurtes an und reicht bis zu dem Fakt, dass der Staat darüber bestimmt, wer überhaupt fahren darf und wie sein Auto ausgestatten zu sein hat.

Gegen so gut wie jede größere Gesundheitsgefahr gibt es seit Langem umfangreiche Strategien: Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Medikamente, Operationen, Lebensmittelinspektionen, vernünftige Sanitäranlagen, bessere Luftqualität, psychische Betreuung, Schutz vor klimatischen Einflüssen und Umweltgiften sind nur einige von vielen Maßnahmen, mit denen Public-Health-Experten und Ärzte die diversen Gesundheitsprobleme eindämmen. Wenngleich nicht perfekt, sind sie so selbstverständlich, dass sie nicht mehr wahrgenommen werden. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt. Im Gegenteil: Erst Covid-19 zeigt, wie verheerend es ist, wenn spezifische, moderne und effektive Mittel fehlen. Es wird Zeit, sie wieder zu schätzen.

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