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Organspende:Teile des Körpers kommen als Arzneimittel auf den Markt

Denn es herrscht Aufklärungsmangel. Weder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) noch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) scheinen sonderlich darum bemüht zu sein, auf ihren Internetseiten und in ihren Informationsbroschüren die notwendige Differenzierung von Organ- und Gewebespende vorzunehmen.

Vielmehr scheint man bestrebt, das vielleicht verstörende Thema Gewebespende durch das zwar ebenfalls heikle, aber insgesamt deutlich positiver besetzte Thema Organspende zu überlagern. So prangt auf der Titelseite einer BZgA-Broschüre, die über die Gewebespende informieren soll, ein bunter Schriftzug der Testimonial-Kampagne "Organpaten", die für eine "persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Organspende" wirbt. Am Fuß der Seite ist der Slogan "Organspende schenkt Leben" zu lesen. Es geht in der Broschüre, wie gesagt, um die Gewebespende.

Auch wenn es sich bei der Verwertung einer Gewebespende formalrechtlich nicht um eine kommerzielle Nutzung des menschlichen Gewebes handelt, dürfte die Vorstellung bei potenziellen Gewebespendern für Unbehagen sorgen, dass Teile des eigenen Körpers als Arzneimittel auf den Markt kommen und damit gehandelt wird wie mit allen Arzneimitteln. Die Rede vom menschlichen Ersatzteillager scheint da nicht übertrieben. Zumal diese Praxis anders als bei der Organspende kaum der Vorstellung einer lebensrettenden "Spende" entspricht, eines Geschenks also an eine einzelne, vielleicht vom Tode bedrohte Person.

Frappierend daran ist, dass die Gewebespende von viel größerer Relevanz für uns alle ist als die Organspende. Damit eine Organspende in Betracht gezogen werden kann, müssen die Organe eines Verstorbenen zum Zeitpunkt der Entnahme noch durchblutet sein. Er muss einen - statistisch unwahrscheinlichen - Hirntod gestorben sein. Als mögliche Gewebespender eignen sich hingegen alle Verstorbenen. Die Zahl der potenziellen Spender erweitert sich also um mehr als das Zweihundertfache, von etwa 4000 Hirntoten auf buchstäblich alle Sterbefälle in Deutschland - es sind etwa 850 000 im Jahr.

Ein Szenario, in dem die Leichname fast aller Verstorbenen künftig auf die medizinische Verwendung ihres Gewebes hin untersucht und im Regelfall auch verwandt werden, ist nicht völlig unrealistisch. Es ist aber davon auszugehen, dass vielen Menschen eine solche Verwertung ihres Leichnams zuwider sein dürfte - und zwar selbst dann, wenn sie einer reinen Organspende ausdrücklich zustimmen.

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