Organspende-Skandal Absolutistische Herrscher

Er ist nicht nur damals unbescholten davongekommen; auch die Strafe für die jüngst entdeckten Datenmanipulationen dürfte viel zu milde ausfallen, sofern sich der Verdacht bestätigt. Denn dass Patienten der Organ-Schiebereien wegen verstorben sind, wird sich kaum nachweisen lassen. Und wenn der vermutete Geldfluss nicht zu belegen ist, bleibt nur noch der Vorwurf der Urkundenfälschung. Angesichts der Tragweite bis hin zur Todesfolge, die eigenmächtiges Handeln bei Transplantationen hat, ist das Transplantationsgesetz schlichtweg zu zahnlos.

Auch die Abschreckung muss stärker werden: Während in Göttingen und Regensburg munter weitertransplantiert wird, wurden in den USA Transplantationszentren schon aus erheblich geringerem Anlass geschlossen. Ähnliche Maßnahmen scheinen hierzulande nötig zu sein, um den Chirurgen klarzumachen: Sie können die Entscheidungsgewalt über Leben und Tod nicht mit dem Arztkittel an sich ziehen und müssen miteinander einen offeneren Umgang pflegen. Gnadenlose Transparenz und unabhängige Kontrollen sind nötig, um dem Reiz des Schicksalspielens nicht zu erliegen.

Chefärzte gehören zu den letzten absolutistischen Herrschern in Europa. Untergebene wagen oft nicht aufzumucken, wenn sie um das Leben des vom Chef behandelten Patienten fürchten. Ähnlich wie in der Luftfahrt müssten Kliniken ihre Chirurgen trainieren, Vorgesetzten zu widersprechen und Fehler sanktionsfrei zu melden; die Manipulationen von Göttingen können den Ärzten und Schwestern kaum entgangen sein. Und doch hat sich erst nach Jahren ein Einzelner dazu durchgerungen, die Vorfälle anzuzeigen.

Die Transplantationsmedizin befindet sich am Scheideweg. Seit Langem stagnieren die Spenderzahlen. Noch vor dem Skandal gab es einen Einbruch, auch weil die Deutsche Stiftung Organtransplantation, die alle Organspenden koordiniert, durch Missmanagement und eigene Skandale Vertrauen zerstört hat. Der Göttinger Organ-Betrug wird die Spendenbereitschaft weiter senken. Überzeugungsarbeit per Gesetzeskraft, wie dies die Bundesregierung versucht, ist aber der falsche Weg. Die Transplantationsmedizin muss sich selbst neu definieren.

Vor allem eines ist nötig: Die Chirurgen müssen Demut lernen. Allüren sind unangemessen, wenn man mit dem Vermächtnis Toter hantiert. Offenheit und Transparenz müssen nicht nur in den Strukturen implementiert sein, wie dies in den USA mit einem umfassenden Register über sämtliche Transplantationen erreicht worden ist. Sie müssen jedem Chirurgen ein inneres Anliegen sein, weil er schon in seiner Ausbildung erkannt hat, dass sich nur so Vertrauen - und damit Organe - gewinnen lassen.

Die Ärzte müssen lernen, was ihre Patienten längst wissen: Sie haben keinen Anspruch auf die Organe Verstorbener. Sie dürfen für deren selbstlose Spende einfach nur dankbar sein.