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Organspende-Skandal:Verspieltes Vertrauen

Wegen der Manipulationen an deutschen Transplantationszentren ist die Zahl der Organspenden dramatisch eingebrochen. Mehr Transparenz und Aufklärung, stärkere Kontrollen und eine bessere Ausbildung der Mediziner sollen die Missstände beseitigen.

Von Melanie Staudinger

Die Versuchung ist unbestritten da. Für Mediziner handelt es sich nur um einen kleinen Handgriff und schon erscheint ein Patient kränker, als er eigentlich ist. Dann rückt er auf der Warteliste nach oben, erhält eher ein Spenderorgan und hat damit größere Überlebenschancen. Manche der Manipulationen im deutschen Transplantationsskandal seien gewiss aus guten Motiven erfolgt, meint Ruth Rissing-van Saan, Leiterin der "Vertrauensstelle Transplantationsmedizin" bei der Bundesärztekammer. Doch allein an das Gute will sie nicht glauben. Zugleich nämlich sicherten sich Mediziner ihren Arbeitsplatz und bessere Karrierechancen, sagte sie beim SZ-Gesundheitsforum, das gemeinsam mit der Katholischen Akademie in Bayern und der Universität München als Abschluss einer vom Bundesforschungsministerium geförderten Klausurwoche zur Organtransplantation ausgerichtet wurde. Zudem verstießen die Ärzte gegen das Gesetz.

Als Konsequenz aus den Manipulationen an deutschen Transplantationszentren, zunächst in Göttingen, dann in Regensburg, am Münchner Klinikum rechts der Isar und in Leipzig fordert sie regelmäßige und überraschende Kontrollen der Einrichtungen. Dass diese nötig sind, zeigt die knapp viermonatige Arbeit ihrer Vertrauensstelle: Einige Anzeigen zu weiteren Verdachtsfällen seien bereits bei ihr eingegangen. Und es hätten sich viele Bürger gemeldet, die verunsichert seien. Die Transplantationsmedizin hat das Vertrauen verspielt.

Das offenbart allein schon ein Blick auf die Statistiken. Zuletzt ist die Zahl der Organspenden dramatisch gesunken. 1046 Spender verzeichnete die Deutsche Stiftung Organtransplantation im Jahr 2012 und damit den niedrigsten Stand seit 2002. Im Jahr 2011 hatten noch 1200 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe gespendet. Bezeichnend ist auch: Der Rückgang war am deutlichsten in der zweiten Jahreshälfte nach Bekanntwerden der Manipulationen an deutschen Transplantationszentren. Dort sollen Mediziner Werte ihrer Patienten so manipuliert haben, dass diese schneller ein Organ bekamen. Andere wiederum, denen das Organ eigentlich zugestanden hätte, blieben unversorgt.

Die zentrale Frage auf dem SZ-Gesundheitsforum in München lautete daher: Wie kann das Vertrauen wieder zurückgewonnen werden? Eine Bestrafung der Täter wird dafür nicht ausreichen. Darin waren sich die Referenten einig. Vielmehr ist eine grundlegende Reform der Strukturen nötig. Mehr Transparenz und Aufklärung, stärkere Kontrollen und eine bessere Ausbildung der Mediziner könnten das Image der Transplantationsmedizin aufpolieren. Aber die Experten nehmen auch jede Illusion: Genug Organe für alle Wartenden wird es kaum geben.

Der Chirurg Karl-Walter Jauch etwa machte Systemschwächen aus, die das Fehlverhalten einzelner Ärzte begünstigen. Ein hoher Konkurrenzdruck zwischen den einzelnen Transplantationszentren und ein System der Organbereitstellung, das vor allem auf Dringlichkeit beruhe, führten zu einem "ineffizienten Einsatz der Spenderlebern". Kliniken seien angehalten, mehr Organe zu transplantieren, selbst wenn die Operationen nur wenig Erfolg versprächen. "Der Konkurrenzdruck ist teilweise erdrückend", sagte er. In Bayern gebe es fünf Transplantationszentren pro zehn Millionen Einwohner. In Baden-Württemberg hingegen seien es zwei, in den USA eineinhalb, in Norwegen nur eines. "Wir müssen wieder das richtige Maß finden", sagte Jauch. Das heißt: Weg mit dem Konkurrenzdruck, hin zu einer angemessenen Versorgung der Patienten. Derjenige, der am meisten von der Operation profitiert, soll auch das Organ bekommen.

Verunsicherung beim Thema Hirntod

Ähnlich argumentierte die Psychologin Sibylle Storkebaum, die betroffene Patienten, deren Angehörige und Transplantationsteams psychologisch betreut. Auch sie plädierte angesichts des Organmangels für eine Abkehr von der Maxime, jedes Leben retten zu wollen, und sei es nur für kurze Zeit. "Warum darf eigentlich niemand mehr sterben?", fragte sie. "Häufig profitieren eher die Klinikkassen als die Kranken." Und Ärzte, denen die eigenen Karrierechancen wichtiger seien als das Wohl ihrer Patienten. "Die Patienten mit dem größten Gewinn für ihr Leben und nebenbei auch für die Solidargemeinschaft sollten bevorzugt werden", so Storkebaum. Das seien junge Menschen mit Kindern, mit Kraft und Zielen im Leben. Die Juristin Rissing-van Saan hingegen lehnte eine solche "Qualifizierung menschlichen Lebens" ab, wie sie sagte: "Alte und kranke Menschen werden so zu Menschen zweiter Klasse, denen man kein Organ mehr geben soll."

Respekt vor dem Patienten sollte aus Sicht des Moraltheologen Konrad Hilpert für Organempfänger und Spender gleichermaßen gelten. Er forderte, "die Erhaltung des Gespürs dafür, dass es beim Spender nicht nur um die Bergung wertvollen biologischen Materials geht, sondern um das Vermächtnis eines Menschen, mit dessen Überresten pietätvoll umzugehen ist".

Um das Vertrauen in die Transplantationsmedizin wieder zu stärken, sei mehr Aufklärung nötig. Potenzielle Spender wollten sichergehen, dass sie auch wirklich tot seien, wenn ihnen Organe entnommen würden. Es gebe aber eine Diskrepanz zwischen der Erwartung, wie ein Toter aussieht, und der tatsächlichen Erscheinung hirntoter Menschen, bei denen etwa Schwangerschaften fortgeführt werden könnten. Das löse Verunsicherung aus, der offen zu begegnen sei - etwa mit dem Hinweis, dass der Hirntod unumkehrbar ist.

Rainer Hess, Interimsvorsitzender der Deutschen Stiftung Organtransplantation, warnte trotz allem vor unüberlegtem Aktionismus. Bevor etwa in einem Konzentrationsprozess Kliniken geschlossen würden, müssten die Transplantationszahlen genauer angeschaut werden. Man könne eine Klinik mit wenigen Fallzahlen nicht schließen, solange nicht geklärt sei, ob nicht in den größeren Zentren die Zahl der Transplantationen durch Manipulationen gesteigert worden sei. Grundsätzlich plädierte Hess dafür, über neue Anreize nachzudenken. Die zentrale Frage sei: "Können wir uns ein Vergütungssystem leisten, das auf Fallzahlen ausgerichtet ist?" Aus seiner Sicht muss die Transplantationsmedizin entkommerzialisiert werden.

Gleichzeitig müsse mehr Geld bereitgestellt werden, jedoch an der richtigen Stelle. Hess schlug etwa vor, das sich die Krankenkassen intensiver einbringen können. Sinnvoll seien Transplantationsbeauftragte an den Kliniken, die sich darum kümmern, dass mehr Menschen ihre Organe spenden. Psychologin Storkebaum plädierte dafür, dass Ärzte entlastet werden sollten. Momentan hätten sie schlicht zu wenig Zeit, um Patienten angemessen aufzuklären. Und die Soziologieprofessorin Alexandra Manzei forderte, dass die Wissenschaft auch nach Alternativen zur Transplantationsmedizin forschen muss. "Die Spenderorgane werden nie ausreichen", sagte sie (siehe Interview).

Vielleicht ist auch ein Umdenken bei den Kliniken selbst nötig. Die Transplantationszentren haben einen hohen Stellenwert und machen oft das Ansehen der Einrichtung aus. Man sollte das Image einer Klinik aber gerade nicht nach lediglich drei Prozent der Patienten ausrichten und alles auf die Transplantationsmedizin setzen, sagte der Chirurg Jauch.

Experten auf dem SZ-Podium:

Dr. Rainer Hess, Interims-Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation

Prof. Dr. Konrad Hilpert, Professor für Moraltheologie an der Universität München

Prof. Dr. Karl-Walter Jauch, stellvertretender Ärztlicher Direktor des Klinikums der Universität München, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Mitglied des Eurotransplant Board

Prof. Dr. Alexandra Manzei, Lehrstuhl für Methodologie und Qualitative Methoden in der Pflege- und Gesundheitsforschung an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar

Prof. Dr. Ruth Rissing-van Saan, Vorsitzende Richterin am Bundesgerichtshof i. R., Leiterin der "Vertrauensstelle Transplantationsmedizin" bei der Bundesärztekammer

Diplom-Psychologin Sibylle Storkebaum, Psychologische Psychotherapeutin, Transplantationszentrum der Universität München

Moderation:

Prof. Dr. Georg Marckmann, Professor für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität München

© SZ vom 07.03.2013/beu

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