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Organspende-Skandal:Raus aus der Altherrensauna

Transplantationsmediziner fordern von ihrer Zunft: Schluss mit dem Klüngel! Wenn sie es ernst meinen, hätten die Skandale eine heilende Wirkung.

Ein Kommentar von Christina Berndt

Die Transplanteure waren so streng mit sich und ihrer Zunft, dass sie sich dafür sogar verteidigen mussten. Sie seien einmal so etwas wie ein Klub in einer Altherrensauna gewesen, erklärten die Vorstandsmitglieder der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) während ihres Kongresses in Dresden einer erstaunten Öffentlichkeit: "Davon müssen wir weg." Im deutschen Transplantationssystem habe es Klüngel gegeben, wie in der Klubsauna eben, an Kontrolle aber habe es gemangelt. "Auch deshalb konnten die Skandale geschehen", sagte Björn Nashan, der Präsident der DTG.

Nun aber will die Gesellschaft durchgreifen - und sie hat das in Dresden auch eindrücklich bewiesen. In einem Papier rügte die DTG das Verhalten mancher Zentren, wie es auch das Klinikum Großhadern an den Tag legt, scharf. Diese Kliniken bestreiten Verstöße gegen die Richtlinien hartnäckig. Das sei "populistisch", so die DTG, die Zentren sollten das Fehlverhalten lieber einräumen und künftig den Regeln folgen. Reumütig räumten die Transplanteure auch ein, in der Vergangenheit zu wenig für die Organspende getan zu haben. "Es wurde fast drei Jahrzehnte lang geschlafen", sagte Nashan. Die Deutschen seien nun Schlusslicht in Europa. "Und daran sind nicht allein die Transplantationsskandale schuld", so Nashan, "die Zahlen sind schon zwei Jahre zuvor runtergegangen" - auch weil sich niemand um die nötigen Strukturen in den Krankenhäusern gekümmert habe.

Wer anderen Menschen den Bauch aufschneidet, braucht absolutes Vertrauen

So viel Selbstkritik war manchen Zuhörern dann doch zu viel. Warum sie die Geschehnisse denn so geißeln würden, fragte eine Journalistin. Es seien doch, auch wenn die Warteliste nicht immer eingehalten worden sei, stets schwerkranke Patienten mit Organen versorgt worden. Doch selbst diese Steilvorlage brachte die Transplanteure nicht von ihrem Weg ab: Geduldig erklärten sie, weshalb Regeln in ihrer Branche so wichtig sind. "Ich schneide Menschen den Bauch auf, tue etwas und nähe wieder zu. Das wird mir doch nur erlaubt, wenn man mir absolutes Vertrauen schenken kann", sagte DTG-Vorstandsmitglied Christian Strassburg. Es habe zwar keinen Organhandel gegeben, "aber es sind Regeln gebrochen worden" - und das wiege in der auf Vertrauen bauenden Transplantationsmedizin schwer.

Die Skandale waren schmerzhaft. Ärzte haben Ansehen verloren. Patienten mussten leiden, weil sie erst später ein Organ bekamen, manche sind womöglich gestorben. Andere leben seither mit dem Zweifel, ob ihnen das Organ, das sie in sich tragen, wirklich zustand. Aber die Schmerzen waren womöglich heilsam: Das System scheint nach allem, was die DTG jüngst zum Besten gab, auf einem guten Weg zu sein. Wenn die Transplanteure auf diesem Weg bleiben, wäre das Leid am Ende wenigstens noch zu etwas gut gewesen.

© SZ vom 31.10.2015

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